Meldung | 11.02.2016

Wir stehen vor einer „Digitalen REvision“

klicksafe: Interview mit Deutschlands bekanntestem Zukunftsforscher Matthias Horx

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Foto: Thomas Kalak

Die Stimmung im Land und in den Medien ist aufgeladen. Auch online sorgen Hassbotschaften, Überwachung u.v.m. für Unruhe: „Extrem im Netz“ lautet das Schwerpunktthema zum diesjährigen Safer Internet Day. Läuft unsere Kommunikation im Netz gerade aus dem Ruder?

Matthias Horx: Das kann man so sagen. Das Internet hat, zumindest in seinem direkt-kommunikativen Teil, sein revolutionäres Versprechen nicht gehalten, es hat uns, die wir damit aufgewachsen sind, bitter enttäuscht. Was wir lange nicht verstanden haben: Es reflektiert eben auch die bösen, die niederträchtigen Interessen der Menschen, verstärkt die hysterischen Züge. Für unsichere Menschen funktioniert es wie eine Art Verstärker für ihre schlechte Laune oder ihren Hass. Für narzisstische Menschen ist es ein Selbstdarstellungsinstrument, in dem man grenzenlos Aufmerksamkeit generieren kann – scheinbar. Das soziale Internet ist eine Art Amoklandschaft für Emotionen geworden, und das verdirbt und vergiftet inzwischen auch wichtige gesellschaftliche Debatten.

Hauptsache auffallen, lautet die Devise im Netz. Klickzahlen, Follower und Likes sind die Währung. Inwiefern überträgt sich unsere Online-Kommunikation auch auf unser Leben offline?

Wenn wir rund um die Uhr bedingungslos im Netz präsent sind, macht uns das auf eine spezifische Weise nervös und unsicher. Weil wir zwar in einem „Meer von Impulsen „baden", uns aber keiner dieser „Links” wirklich sicher sein können. Menschen sind Bindungs- und Beziehungswesen, und das Netz SIMULIERT erst einmal diese Bindungen, lässt uns dann aber im Regen stehen. Es ist wie mit Light-Zigaretten oder anderen Ersatzstoffen: Man bekommt nicht das Reale, und dann muss man zu immer höheren Dosen greifen… Es ist einfach ein Suchtproblem. Das soziale Netz gibt uns leere Informationen, es scheint uns eine Möglichkeit zu geben, unseren Wirksamkeits-Radius auszudehnen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Wir können flirten, ohne dass es „gefährlich” wird. Wir können Hass artikulieren, ohne eins auf die Fresse zu kriegen. Aber dabei verlernen wir im Grunde das Flirten, und wie es wirklich ist Gewalt auszuüben. Wir züchten intrinsische Feigheit. Und wir wissen nie, wem wir vertrauen können. Dagegen hilft nur: Zurück in den Meatspace! Mit einem analogen Blick und einer realen Umarmung kann man eben immer noch viel mehr sagen als mit 100000 likes.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, wir seien heute „übervernetzt“? Wird unser Umgang mit dem Internet noch „extremer“?

Nein, es gibt eine klare Gegenbewegung, wir stehen vor einer „Digitalen REvision”. Wir lernen langsam und mühsam, balanciert mit den Möglichkeiten der kommunikativen Vernetzung umzugehen. Dazu gehört: Hin und wieder digitale Diät, sich nicht dauernd stören lassen, Erreichbarkeit dosieren, klar kommunizieren, Regeln einhalten - früher hieß das „Netiquette". Vielleicht ist es auch ganz normal, dass Technologien immer erst eine „Katastrophen- und Erlernenszeit” brauchen, am Anfang des Auto- und Flugverkehrs gab es auch bizarr viele Unfälle. Aber irgendwann lernen wir den balancierten Umgang, wir „zähmen” die Technologie durch andere soziale Verhaltensmuster. Wir nennen das auch den ONLINE-Effekt. Die Meditations-Silbe OM statt des ewigen ON!

Ein Blick in die Zukunft zum Safer Internet Day 2026. Was wird dann möglicherweise ein passendes Schwer-punkt-Thema sein?

Vielleicht ähnelt der Tag dann eher einer heutigen Modellbahn-Messe. Viele ältere Leute, die sich nostalgisch an die guten, alten, aufgeregten Zeiten erinnern...


Interview: Stephan Tarnow, planpunkt.


Matthias Horx (geboren 1955 in Düsseldorf) gilt als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Nach einer Laufbahn als Journalist (bei der Hamburger ZEIT, MERIAN und TEMPO) gründete er zur Jahrtausendwende das „Zukunftsinstitut”, das heute zahlreiche Unternehmen und Institutionen berät. Bildnachweis: Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com).