Meldung | 26.09.2016

Leitbilder und Lektionen für die digitale Lokalfunk-Zukunft

Etwa achtzig Teilnehmer beim 8. Medientreff NRW

Wie muss sich der Lokalfunk der Zukunft anhören? Wie positionieren sich die nordrhein-westfälischen Lokalradio-Redaktionen in der digitalen Welt? Und wie sollten lokale Hörfunkprogramme gemacht werden, um der sogenannten Vertrauenskrise der Massenmedien entgegenzuwirken? Mit diesen Fragen setzten sich etwa achtzig Teilnehmer beim 8. Medientreff NRW in Bad Honnef auseinander. Am 22. und 23. September diskutierten Medienmacher und -experten im Katholisch-Sozialen Institut (KSI) aktuelle Trends und Herausforderungen für den Lokalfunk in Nordrhein-Westfalen. Das Thema der Tagung in diesem Jahr: „Überraschend journalistisch – das Lokalradio von morgen“.

Stefan von der Bank
Stefan von der Bank

Glaubwürdigkeit, Nähe und Transparenz seien auch im Zeitalter digitaler Medien für lokale Inhalte entscheidend, lautete die Botschaft, mit der Stefan von der Bank die Teilnehmer des 8. Medientreffs NRW begrüßte. Der Leiter des KSI-MedienKompetenz-Zentrums forderte dazu auf, im Online-Zeitalter müsse die Branche „Radio digital denken“ und dabei den breiten Marktzugang und die große Reichweite als Basis nutzen. Aufgabe der Medienpolitik sei es, Wege aufzuzeigen, um dem Lokaljournalismus aus der Vertrauenskrise herauszuhelfen, regte von der Bank an, der für die Katholische Kirche stellvertretendes Mitglied in der LfM-Medienkommission ist.

Thorsten Kabitz, Marc Jan Eumann
Thorsten Kabitz, Marc Jan Eumann

Der nordrhein-westfälische Medien-Staatssekretär Dr. Marc Jan Eumann (SPD) reagierte zurückhaltend hinsichtlich einer möglichen Reaktion der Politik auf die Vertrauenskrise der Medien. Im Gespräch mit Tagungsmoderator Thorsten Kabitz (Chefredakteur Radio RSG) kritisierte er zwar, es gebe eine wachsende Zahl von Menschen, die als Mediennutzer nur noch das zur Kenntnis nähmen, was ihren Vorurteilen entspreche. Die Politik aber könne trotz dieser bedenklichen Entwicklung „keinen aktiven Beitrag“ dagegen leisten. Mit Blick auf den Wahlkampf in den USA wurde Eumann hingegen deutlicher: Medien müssten Nachricht und Kommentar deutlich trennen. In keinem Fall dürften Medien aktiv „Stimmung machen“.

Jürgen Brautmeier
Jürgen Brautmeier

Eumann betonte, es sei wichtig, wenn Lokalfunk dabei helfe, Ereignisse für die Hörer einzuordnen. Dr. Jürgen Brautmeier, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), appellierte an die Zeitungsverleger, Mittel und Raum dafür zur Verfügung zu stellen, damit Journalisten Orientierung geben könnten. Es gelte, die Unabhängigkeit des Journalismus zu sichern und Mut für Experimente zu haben. Andernfalls werde einer Entwicklung Vorschub geleistet, bei der Journalismus durch Politiker-Blogs ersetzt werde. Umso wichtiger seien für lokale Medien Glaubwürdigkeit und „starke Marken“. Weil Lokalzeitungen an Akzeptanz verlieren würden, so urteilte Brautmeier, nehme die Bedeutung des Lokalfunks zu. Mit Blick auf die wachsende Audio-Konkurrenz im Internet (Amazon,Spotify etc.) machte der LfM-Direktor der Lokalfunk-Branche wie folgt Mut: „Amazon kann keine wertvollen lokalen Inhalte bieten.“

Diskussion über WDR-Programme

Jürgen Brautmeier, Thorsten Kabitz, Marc Jan Eumann
Jürgen Brautmeier, Thorsten Kabitz, Marc Jan Eumann

Deutliche Kritik äußerte Jürgen Brautmeier an aktuellen Entwicklungen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Zwar könne er eine „gewisse Orientierung am Massengeschmack“ verstehen. Allerdings habe er nach den Programmreformen von WDR 2 und WDR 4 wenig Verständnis für die „komischen Nachrichten“. Der LfM-Direktor mahnte an, es stehe dem Hörfunkprogramm WDR 2 nicht zu, „so zu tun, als wenn es ein Lokalprogramm wäre“. Generell werde beim WDR Geld „für Dinge ausgegeben, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht machen müsste“. Stattdessen solle sich der Westdeutsche Rundfunk auf die Grundversorgung konzentrieren. Deshalb müsse eine öffentliche Debatte darüber begonnen werden, welche Aufgaben der öffentlich-rechtliche Rundfunk habe.

Medienstaatssekretär Eumann konzedierte, der öffentlich-rechtliche Rundfunk könne nicht so bleiben wie er derzeit sei. Zunächst werde über Einsparungen in den Bereichen Verwaltung und Produktion gesprochen. Eine Zusammenlegung von ARD und ZDF, wie vom Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer vorgeschlagen, klassifizierte Eumann als „überhaupt nicht realistisch“ und „absurd“. Diskussionen darüber, ob öffentlich-rechtliche Inhalte künftig non-linear ins Internet wandern würden, bezeichnete der SPD-Medienpolitiker als „toxische Debatte“, solange etwa die Verlage gegen die Tagesschau-App klagen würden und non-lineare Inhalte von ARD und ZDF als Bedrohung empfänden.

Marc Jan Eumann kündigte an, Nordrhein-Westfalen werde bei der Ministerpräsidenten-Konferenz im Oktober vorschlagen, die Hörfunk-Werbung der ARD-Programme bundesweit auf sechzig Minuten zu reduzieren. Daraus würden für die ARD Einnahmeverluste in Höhe von 16 Cent pro Haushalt und Monat resultieren. Außerdem plädiere die nordrhein-westfälische Landesregierung dafür, die TV-Werbung bei ARD und ZDF um ein Viertel auf täglich maximal 15 Minuten zu kürzen, berichtete Eumann. Für beide Vorschläge gebe es allerdings „keine Mehrheit im Länderkreis“.

Plädoyers gegen DAB+ und für Online-Inhalte

Marc Krüger, Udo Stiehl
Marc Krüger, Udo Stiehl

Einigkeit demonstrierten Medienstaatssekretär Eumann und LfM-Direktor Brautmeier beim Thema DAB+. Der neue Standard mache nur für bundesweite Hörfunkangebote Sinn und sei für lokale oder regionale Anbieter zu teuer. „Die Zukunft des Radios ist digital, aber nicht DAB+“, urteilte Eumann. Brautmeier riet der Lokalfunk-Branche, sich weitere Plattformen im Internet zu schaffen. Niemand dürfe sich darauf verlassen,„dass es UKW noch in 15 Jahren gibt“.

Will sich der Lokalfunk in Zukunft erfolgreich behaupten, benötigt er vor allem Glaubwürdigkeit, Hörer-Nähe und authentisch präsentierte Inhalte. Zu diesem Ergebnis kamen die Teilnehmer der ersten Panel-Diskussion des 8. Medientreffs NRW.
„Wir arbeiten mit Zwischenständen und professionellen Mutmaßungen“, räumte Marc Krüger ein, der unter dem Namen „Radiofritze“ bloggt. Der Hörfunk- und Social-Media-Experte wies darauf hin, Radionachrichten seien oft nur eine Momentaufnahme. Wer gegen die Vertrauenskrise der Medien kämpfen wolle, müsse die Rezipienten darauf hinweisen, dass immer nur Ausschnitte der Wirklichkeit vermittelt werden könnten. „Wir filtern die wichtigsten Nachrichten, sortieren den Informationsmüll heraus“, unterstrich der Radio-Nachrichtenjournalist Udo Stiehl. Die Selektion von Nachrichten sei nicht Ausdruck von Arroganz, sondern Professionalität. Dies sei ein wichtiger Service von Medien. Wenn dabei Fehler gemacht würden, müsse das auch klargestellt werden. „Das passiert vielleicht ein bisschen wenig, zeigte sich Stiehl selbstkritisch, der gemeinsam mit Sebastian Pertsch das Online-Angebot floskelwolke.de initiiert hat und betreut. Stiehl empfahl Hörfunk-Redaktionen, sich nicht von einem zu großen Nachrichten-Tempo treiben zu lassen, sondern auf zuverlässige Inhalte zu setzen, deren Wahrheitsgehalt kritisch geprüft worden sei. Die Devise müsse dabei lauten, nicht die schnellsten, sondern die besten redaktionellen Leistungen anzustreben. Das aber müsse den Hörern auch deutlich gemacht werden.

Panel-Diskussion: Marc Krüger, Udo Stiehl, Christian Chang-Langhorst, Thorsten Kabitz, Marcus Nicolini, Leonhard Oettinger
Panel-Diskussion: Marc Krüger, Udo Stiehl, Christian Chang-Langhorst, Thorsten Kabitz, Marcus Nicolini, Leonhard Oettinger

Christian Chang-Langhorst, der beim Saarländischen Rundfunk das Qualitätsmanagement leitet, warnte vor „Mutmaßungsjournalismus“ und setzte sich für gründliche Recherche ein. Außerdem sei es wichtig, noch mehr die „Kundenperspektive“ einzunehmen, sich also in die Situation der Rezipienten hineinzuversetzen. Nachrichten- und Themenauswahl müssten sich an der Lebenswelt der Rezipienten orientieren. Diese Ansicht vertrat auch Leonhard Oettinger. Der Geschäftsführer der RTL Journalistenschule für TV und Multimedia schilderte, wie einige seiner RTL-Kollegen manchmal eine Woche lang gemeinsam mit Zuschauern in einer Wohnung leben, um deren Bedürfnisse besser zu verstehen.

„Mir fehlt manchmal die Tiefe“, forderte Marcus Nicolini von Lokalfunk-Redaktionen mehr Hintergrundinformationen. Der Referent der Konrad-Adenauer-Stiftung warnte, Einsparungen und das Streben nach Synergien dürften nicht zu Lasten von Recherche gehen. Chang-Langhorst beklagte in diesem Zusammenhang, dem Management von Hörfunkstationen fehle häufig ein Leitbild oder eine „Sinn-Vision“. Wer auf gründliche Recherche verzichte, trage zur Vertrauenskrise bei, die im Grunde das Ergebnis eines „rechten, populistischen Propagandakrieges“ sei.

Content, Personality und Social Media

Marc Krüger empfahl der Lokalfunk-Branche dreierlei: Wichtig seien erstens Inhalte und Personality der Moderatoren, zweitens Beiträge, die auch online auffindbar seien, und drittens der Einsatz von Social Media. „Für Musik brauche ich Radio immer weniger“, sagte der selbst ernannte „Radiofritze“ und wies auf zahlreiche Audio-Angebote im Internet hin, allen voran Spotify. Umso wichtiger seien exklusive Inhalte und eine breite Palette von Online-Angeboten. Dabei gelte es, auch auf den wachsenden On-Demand-Markt zu achten. „Radio und Online sind gute Freunde und eng verwandt“, lautete Krügers Theorie. Nun seien Experimentierfreude und Spieltrieb gefragt. Für diesen Prozess müsse die Kreativität junger Medienmacher genutzt werden, merkte Marcus Nicolini an. Dies aber werde zunehmend schwerer, berichtete der Referent, der die studienbegleitende Journalistische Nachwuchsförderung (JONA) der Konrad-Adenauer-Stiftung leitet. Die JONA-Bewerberzahl sei um ein Drittel zurückgegangen, und seit einem Jahr würden sich „fast nur noch Frauen“ bewerben. Einen ähnlichen Trend konstatierte Nicolini auch für Volontariate bei Lokalzeitungen. Junge Menschen würden „mehr Sicherheit“ suchen, die der Journalismus nicht mehr bieten könne.

Die Arbeitsverdichtung im Hörfunk-Schichtbetrieb nehme zu, es fehle an Zeit und Personal für Recherche und Reflexion, diagnostizierte Marc Krüger. Marcus Nicolini verwies auf den Trend zur Freiberuflichkeit, und Udo Stiehl sprach gar von „prekärer Bezahlung“. Leonhard Oettinger sagte voraus, in Zukunft würden weiterhin Generalisten gebraucht, immer häufiger aber auch Spezialisten. Redaktionen würden sich zunehmend „Spezialisten mit tiefem Orientierungswissen“ wünschen, um der Vertrauenskrise entgegenzuwirken.

Mut zur Lücke oder Mut der Verzweiflung?

Panel-Diskussion: Sylvia Homann, Daniel Hambüchen, Colleen Sanders, Thorsten Wagner, Norbert Jeub
Panel-Diskussion: Sylvia Homann, Daniel Hambüchen, Colleen Sanders, Thorsten Wagner, Norbert Jeub

Im Laufe der zweiten Panel-Diskussion, die von Tagungsmoderatorin Colleen Sanders (kommissarische Chefredakteurin Radio Lippe Welle Hamm) geleitet wurde, bestätigten Lokalfunk-Programmmacher aus Nordrhein-Westfalen die Befunde der ersten Diskussionsrunde: Anspruch und Realität würden vor allem bei den Ressourcen Geld, Personal und Zeit auseinanderklaffen. Er wünsche sich mehr Platz für Journalismus, aber es fehlten die Mittel, musste Norbert Jeub zugeben. „Sehr viel gestalten können wir nicht. Wir müssen immer auf die Gegebenheiten reagieren“, verwies der Chefredakteur von Radio Euskirchen auf die Engpässe in seiner vierköpfigen Redaktion. Dennoch versuche er immer wieder Freiräume für Experimente zu schaffen. „Die schönsten Geschichten, die wir gemacht haben, das sind die, für die wir uns länger Zeit genommen haben“, blickte Jeub zurück.

„Wir senden viel zu viele Kompromisse“, verdeutlichte Sylvia Homann die Folgen von Geld- und Zeitmangel in ihrer Redaktion. Die Frühmoderatorin, Nachrichtenredakteurin und Reporterin von Radio Hochstift zeigte sich davon überzeugt, dass gutes Programm eine sorgfältige Vorbereitung und viel Zeit benötige, „um in die Tiefe zu gehen“. Das gelte beispielsweise bei allen Beiträgen zum Thema Flüchtlinge. Oft helfe auch keine Improvisation. „Ich frag’ mich manchmal, ob der Mut zur Lücke nicht der Mut der Verzweiflung ist“, kommentierte Homann personelle Lokalfunk-Engpässe, die auch dazu führten, dass Volontäre früh on Air gehen müssten. In Paderborn seien im Etat nur fünfzig Euro im Monat dafür vorgesehen, dass sich eine Kollegin zusätzlich um Facebook & Co. kümmere. In Unna werde dafür fünfmal so viel gezahlt, informierte Thorsten Wagner. Der Chefredakteur von Antenne Unna erinnerte daran, dass Lokalfunk ohne Selbstausbeutung und Begeisterung kaum zu realisieren sei. Beim Nachwuchs aber fehle oft diese totale Hingabe. „Junge Kollegen achten sehr genau auf ihre Arbeitszeit“, lautet auch die Erfahrung von Sylvia Homann.

„Viele junge Kollegen rufen ihr Potenzial nicht ab“, kritisierte Thorsten Wagner und gab zu, es sei schwieriger als früher, geeigneten Nachwuchs zu finden. Richtig gute Praktikanten seien Glücksfälle, die Zahl der Bewerbungen um Volontariate gehe zurück, und auch bei ihm würden sich fast nur noch Frauen bewerben. Norbert Jeub merkte an, er suche seit dem Frühjahr ohne Erfolg nach einer Kandidatin oder einem Kandidaten für eine Volontärstelle.

Dass Volontäre durch ausgezeichnete Leistungen glänzen können, demonstrierte Daniel Hambüchen. Der Chefredakteur von Radio Leverkusen präsentierte einen satirischen Videoclip, mit dem sich Volontäre seiner Redaktion über die Anschaffung äußerst teurer städtischer Mülleimer lustig machten. Das Video habe via Facebook 180.000 Menschen erreicht. Hambüchen lobte sein „sehr junges, online-affines Team“, das in den vergangenen zwölf Monaten unter anderem bei einer kritischen Kontroverse mit dem ehemaligen Leverkusener Oberbürgermeister und durch eine Leverkusen-Hymne publizistische Akzente setzte. Weitere Beispiele für eine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Verbreitungsgebiet illustrierte der Chefredakteur von Antenne Unna: Seine Redaktion verstehe sich als „Kreisversteher“, erläuterte Thorsten Wagner eine Serie von Berichten, die sich mit dem Heimatgefühl im Kreis östlich von Dortmund auseinandersetzte. Alles in allem gehe es darum, in Zeiten sinkender Zeitungsauflagen lokal relevante und globale Themen so aufzubereiten, dass sie örtliche Relevanz widerspiegelten. Wichtig bei diesem Vorgehen seien Vielfalt und Perspektivwechsel, ein eigenes Profil und eine deutlich erkennbare Haltung der Redaktion.

Schalt-Report: Blick ins Ausland

Christian Schalt
Christian Schalt

Der zweite Tag des 8. Medientreffs NRW stand ganz im Zeichen des praktischen Arbeitens. Christian Schalt, Inhaber der Beratungsfirma Next Level Audio, demonstrierte anhand konkreter Beispiele, wie sich digitale Technologien mit dem klassischen Radioprogramm sinnvoll kombinieren lassen. Beispielweise können online eigene Welten für verschiedene Musikrichtungen geschaffen werden. Die Redaktion des österreichischen Kronehit Radios, so referierte Schalt, wolle im Dezember das Online-Angebot Skip FM starten. Dabei ließen sich Programmteile jederzeit wiederholen oder überspringen und würden im Grunde alle Funktionalitäten angeboten, die auch Spotify biete. Ohne Internet-Aktivitäten, so ist sich Schalt sicher, hat der Hörfunk bald keine Zukunft mehr. Wichtigste Elemente einer erfolgreichen Radio-Strategie im Smartphone-Zeitalter seien die geschickte Kuratierung von Musik, der Aufbau von Personalities und die Nutzung des Social Buzz, also Thematisierung und Aufmerksamkeit in sozialen Online-Medien.

Dass der Hörfunk ohne Online-Aktivitäten schnell ins Abseits geraten kann, machte Christian Schalt mit Marktdaten aus den USA deutlich: Dort stagniere der klassische Radiosektor bereits, weil beispielsweise ein Drittel aller US-Amerikaner unter 35 Jahren gar kein Radiogerät mehr besitze. 57 Prozent der Nutzer hingegen hörten inzwischen Radioprogramme online. Dabei zielten die Hörfunkangebote in einem ausdifferenzierten Markt nicht mehr nur auf demographische Zielgruppen (Region, Alter, Geschlecht), sondern würden auf der Basis psychodemographischer Kriterien (Interesse, Lebensstil etc.) konzipiert. Wie so etwas in der Praxis aussehen kann, übten Tagungsteilnehmer in einem von drei Workshops. Dabei erstellten sie zunächst eine Zielgruppen-Analyse und dachten anschließend über geeigneten Content für unterschiedliche digitale Plattformen wie Radio, Social Networks oder Apps nach.

Online-Werkzeuge für die Redaktion

Marc Krüger
Marc Krüger

Auf welche Weise sich praktische Werkzeuge aus dem Internet unmittelbar für den Redaktionsalltag nutzen lassen, wurde in einem zweiten Workshop deutlich. Marc Krüger zeigte den Teilnehmern, wie sich mit dem RSS-Online-Tool InoReader, mit der Internetseite nachrichtentisch.de oder mit der Web-Anwendung TweetDeck möglichst schnell möglichst viele News-Quellen erschließen lassen. Bei der Recherche können darüber hinaus einige weniger bekannte Google-Funktionen hilfreich sein. Wissenschaftliche Informationen lassen sich mit der Suchmaschine WolframAlpha erschließen, die auf der Software Mathematica basiert. Der Online-Dienst Wayback Machine macht außerdem Webseiten in verschiedenen Versionen sichtbar. Für das Verbreiten oder Teilen von Audio-Dateien empfahl Krüger den Online-Musikdienst Soundcloud und den Clammr Audio-Player, mit dem sich kurze Audio-Files samt Bild über Twitter und Facebook teilen lassen. Wer Interviews aufnehmen und gleich übermitteln wolle, könne außerdem die Deutschlandradio Interview-App einsetzen, gab der Online-Dozent einen Tipp für alle, die beispielsweise O-Töne schnell und in guter Qualität via Android-Smartphone überspielen wollen.

Im dritten Workshop sensibilisierte der freiberufliche Hörfunk-Nachrichtenjournalist Udo Stiehl die Teilnehmer für den Umgang mit Online-Recherchequellen. Wie wichtig das kritische Prüfen von Internetquellen ist, machte der News-Experte an konkreten Fällen deutlich, bei denen selbst große Presseagenturen und öffentlich-rechtliche TV-Programme nicht vor Falschmeldungen gefeit waren, nachdem sie beispielsweise Social-Media-Quellen falsch gedeutet hatten. Die ungefilterte Ausstrahlung von Smartphone-Videos ordnete Stiehl als „ethisch problematisch“ ein.

 

Wichtig sei es, stets die Vertrauenswürdigkeit von Quellen zu hinterfragen sowie die Interessen, die Informanten verfolgten. Werde dies berücksichtigt, könnten soziale Online-Netzwerke wertvolle Informationen liefern. Als Beispiele nannte Stiehl Facebook- Posts, Tweets, Periscope-Videos oder Fotos sowie direkte Online-Kontakte mit Augenzeugen. Grundsätzlich müssten Redaktionen heute wichtigen Twitter-Akteuren folgen, Medien-Accounts pflegen und Übersichtswerkzeuge nutzen, mit denen sich alle relevanten Quellen digital sortieren lassen. Als Strategie gegen die Vertrauenskrise wünscht sich Stiehl größtmögliche Transparenz. Dabei sollten Zwischenstände von Recherchen als solche deutlich gemacht und eingeordnet werden. Quellen müssten konsequent genannt und noch vorhandene Informationslücken öffentlich zugegeben werden, lautete Stiehls Rezept gegen den drohenden Vertrauensverlust von Medien. Trotz aller Vorbehalte vieler Mediennutzer gelte weiterhin, dass Hörer nach „Haltegriffen im Strom der Informationen“ suchen würden.

Text: Dr. Matthias Kurp / Fotos: Markus Saager (KSI)

Der Medientreff NRW wird vom Katholisch-Sozialen Institut (KSI) in Kooperation mit der MedienQualifizierung GmbH veranstaltet, unterstützt von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), radio NRW, den Dachverbänden der Veranstaltergemeinschaften und Betriebsgesellschaften des nordrhein-westfälischen Lokalfunks sowie dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV).