23.06.2014

Google TV

Vielfaltssicherung und Datenschutz

Google TV ist eine Softwareplattform für Set-Top-Boxen, Blu-Ray-Player und HDTV-Fernseher auf Basis des Betriebssystems Android, welches seit September 2012 auch in Europa verfügbar ist. Um besonders die Aspekte des Datenschutzes und der Vielfaltsicherung zu untersuchen, hat die LfM Prof. Luigi Lo Iacono von der Fachhochschule Köln mit der Durchführung eines technischen Gutachtens zu Google TV beauftragt. Bedenken und Herausforderungen bringt bei Google TV vor allem die enge Verzahnung von TV-Signal und Google TV Plattform, wovon besonders der Signalschutz und Vielfaltsaspekte betroffen werden können.

Zusammenfassung

Mit Google TV liegt ein neuer Ansatz vor, wie das klassische lineare Fernsehen mit Zusatzdiensten aus dem Internet verknüpft wird. Das vorliegende Gutachten hat gezeigt, dass die Art und Weise, wie die Plattform für die Zusatzdienste und das TV-Signal gekoppelt werden, neue Frage- und Problemstellungen in Bezug auf die Einflussnahme des Sehverhaltens sowie auf den Schutz der Privatheit des Fernsehkonsumenten und den Signalschutz aufwirft. Das charakteristische Merkmal von Google TV im Vergleich zu anderen Smart-TV- und Smart-Stick-Angeboten ist in diesem Zusammenhang das Durchschleusen des linearen TV-Signals durch eine App der Plattform, um das Fernsehprogramm zu dekodieren und darzustellen. Durch diesen Ansatz bekommen Apps die Möglichkeit, das Sehverhalten und die Sehvorlieben eines Nutzers zu erfassen und diese sensitiven Informationen gezielt zu verwerten. Als Beispiel kann hier die Beeinflussung der Fernsehkonsumenten gesehen werden. Dies kann in Abhängigkeit der Ausprägung z.B. auf das Kaufverhalten oder die Programmwahl abstellen. Außerdem können Manipulationen am TV-Signal vorgenommen werden. Dies ist die vermeidlich größere Bedrohung, da hierdurch Dritte in die Übertragung eingreifen und gezielt meinungsbildende und manipulative Sichtweisen auch massenweise verbreiten könnten. Diese ist in TV-Ökosystemen - wie eines mit Google TV vorliegt - besonders bedenklich, da derartige Ökosysteme den Zugang für prinzipiell Jedermann durch das Bereitstellen von Apps ermöglichen. Abschließend muss in diesem Zusammenhang angemerkt werden, dass die dargelegten Beobachtungen zwar auf Google TV beschränkt sind, diese aber auch für dritte Anbieter von Plattformen für Internetzusatzdienste im TV gelten, sofern diese das genannte Prinzip der engen Kopplung von TV-Signal und Plattform implementieren, was zur Zeit nach besten Wissen des Gutachters ausschließlich in Google TV vorzufinden ist. Eine vergleichbare Funktionsweise lässt sich allerdings vermehrt in modernen Spielekonsolen wiederfinden, so dass diese vermeidlich auch in die Kategorie zu zählen sind.

Einen Betrachtungsschwerpunkt bei den Untersuchungen hat die Einflussnahme bei der Programmwahl durch die in der Google TV Plattform enthaltenen Apps und Dienste eingenommen. Bereits die in Google TV integrierte Google Suche greift in der Version von Google TV für den US-amerikanischen Markt auf die EPG-Daten zu und fügt passende Suchtreffer in die Ergebnisliste ein. In der Version für den deutschen Markt ist diese Funktion ausgenommen worden. Um derartige länderspezifischen Ausprägungen nachvollziehen zu können, sind im Rahmen des Gutachtens Google TV Geräte für den amerikanischen und deutschen Markt einbezogen worden. Neben der Google Suche, können die verschiedenen bereitstehenden Empfehlungssysteme die Quelle für Einflussnahmen sein. Die Empfehlungssysteme müssen allerdings vom Anwender aktiv verwendet, um daraus Empfehlungen zu beziehen. Eine Veränderung der Programmreihenfolge, die im Empfangsgerät eingespeichert ist, kann und wird von der Plattform nicht vorgenommen. Die von Google TV selbst integrierten Empfehlungen sind in der App namens "PrimeTime" enthalten. Diese stellt die verschiedenen verfügbaren Inhaltequellen gruppiert nach Live-TV, TV On Demand und Movies dar. In der Rubrik Live-TV sind die Programminhalte eingeordnet, die aus dem linearen Fernsehsignal empfangen werden. Die beiden anderen Rubriken werden aus Angeboten von Online-Diensten wie z.B. Netflix, HBO Go und Amazon Instant Video befüllt. Bei der Auflistung der Inhalte spielen persönliche Vorlieben eine Rolle. Die Empfehlungen werden auf den Servern von Google berechnet. Der dazu verwendete Algorithmus ist nicht bekannt und kann auf Grundlage der Beheimatung auf den Google-Servern nicht ermittelt werden. Die PrimeTime-App ist in Geräten für den deutschen Markt nicht enthalten. Weitere Empfehlungssysteme sind in den jeweiligen Apps der Inhalteanbieter enthalten und sind damit unabhängig von PrimeTime. Da die Nutzung der PrimeTime-App und auf freiwilliger Basis erfolgt und die dort durchgeführte Personalisierung sowohl eingeschaltet als auch ausgeschaltet werden kann, ergibt sich allein hieraus keine unzulässige Einflussnahme in die Auswahlsvielfalt. Dennoch unterscheiden sich die Empfehlungen in den verschiedenen Apps stark von denen aus klassischen Medien wie z.B. von Programmzeitschriften, da erstere stark individualisiert erfolgen und sich in der Folge Situationen einstellen können, in denen Empfehlungen dauerhaft auf eine kleine Menge von Quellen aus dem Algorithmus kommen, was wiederum eine begrenzte Sicht auf die Programmvielfalt zur Folge hat. Ob und in welchem Umfang derartige Szenarien auftreten können bedarf weiterführender Untersuchungen, für die u.a. Benutzerstudien durchgeführt werden müssten.

Der zweite Betrachtungsschwerpunkt der Studie lag im Datenschutz. Die hierzu durchgeführten Analysen konnten keine Verstöße zu Tage fördern. Generell ist die Datenbegehrlichkeit der verschiedenen Apps und Dienste kritisch zu betrachten. Formal gibt es keine Beanstandungen, da vor der Benutzung der Anwendungen die Zustimmung des Benutzers zur Erhebung, Speichern und Verarbeitung personenidentifizierbarer Daten eingeholt wird. Nennenswert ist jedoch, dass es dem Benutzer vor dem Kauf eines Google TV Geräts nicht ohne weiteres ermöglicht wird, sich über die Datenschutzbestimmungen zu informieren. Insbesondere auf den Produkt-Webseiten finden sich weder Hinweise noch Verlinkungen auf die geltenden Datenschutzvereinbarungen. Auch in der Geräteverpackung sind die Richtlinien nicht beigefügt. Erst während des Installationsprozesses offenbaren sich diese. Hier sind unter Umständen Verbesserungen im Verbraucherschutz denkbar. Ansonsten konnten auch die mitprotokollierten Datenkommunikationsaufzeichnungen, die im Rahmen des Gutachtens gemacht wurden, keine Zuwiderhandlung zu den Datenschutzpolicies feststellen lassen. Die Analysen wurden im Rahmen dieses Gutachtens auf unverschlüsselten HTTP-Datenverkehr beschränkt und in einem begrenzten Zeitfenster während des Gutachtens durchgeführt.

Der dritte Betrachtungsschwerpunkt hat sich dem Signalschutz zugewendet. Die zunächst theoretisch gewonnen Erkenntnisse zur Manipulation des TV-Signals durch Apps Dritter konnten in Testumgebungen praktisch nachgewiesen werden. Die dazu entwickelten Apps sind in der Lage, ferngesteuert aus dem Internet, gezielt auf bestimmte Personen oder massenweise auf alle angeschlossenen Teilnehmer, das laufende TV-Signal mit eigenen Inhalten zu überlagern. Die kann sowohl vollflächig auf das gesamte Bild einschließlich des Tons erfolgen als auch eine Teilfläche des Bilds begrenzt sein, um z.B. ein Banner einzublenden. Die beschriebenen Angriffstypen sind in dieser Form, wobei insbesondere die praktische Durchführbarkeit in einem konkreten System hierbei hervorzuheben ist, noch nicht publiziert wurden. Entsprechende Veröffentlichungen in einschlägigen Fachorganen werden im Nachgang zu diesem Gutachten in enger Abstimmung mit der Projektinitiative NRW digital der Landesanstalt für Medien NRW angefertigt und publiziert.