24.10.2016

Die Meinungsbildungsrelevanz von Informationsintermediären

Kooperation der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) mit dem Institut für Publizistik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

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Medien leisten einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren der Demokratie, denn sie liefern Informationen und stellen verschiedene Standpunkte zu politischen Themen dar. Auf dieser Grundlage sollen sich die Bürger eine eigene, möglichst fundierte Meinung bilden und am demokratischen Willensbildungsprozess teilhaben können. Diese Vermittlungsleistung übernehmen im digitalen Zeitalter nicht mehr ausschließlich die klassischen Medien, sondern auch Informationsintermediäre wie Google und Facebook. Dass diese digitalen Dienste durch technische Steuerung und Gewichtung Einfluss auf Meinungsbildungsprozesse nehmen, ist relativ unstrittig: Die Ausspielung von Suchergebnissen lenkt die Aufmerksamkeit der Nutzer und nimmt über das Ranking indirekt Einfluss auf Einstellungen und Entscheidungen, ohne dass dabei die digitalen Dienste selbst als Inhalteanbieter in Erscheinung treten müssen. Die wahrnehmbare Medienvielfalt wird durch diesen Vermittlungsvorgang verengt, und u. a. durch die automatisierte Personalisierung von Onlineinhalten bilden sich Teilöffentlichkeiten – so genannte Filter Bubbles oder Echokammern.

Die Bedeutung der sogenannten Informationsintermediäre für die Meinungsbildung ist empirisch aber noch kaum untersucht: Offen ist vor allem, ob und wie algorithmenbasierte Personalisierungslogiken zu einer verzerrten Vermittlung und Wahrnehmung von gesellschaftlich relevanten Themen führen.

Das Kooperationsprojekt will deshalb den Einfluss ermitteln, den Informationsintermediäre – insbesondere Facebook – auf Meinungsbildungsprozesse und Meinungsvielfalt nehmen. Im Mittelpunkt der Studie steht die Frage, wie stark Facebook die Themenwahrnehmung, Meinungsvermittlung und Meinungsbildung bei politischen Themen beeinflusst. Folgende Fragekomplexe stehen im Fokus der Untersuchung:

  • Welchen Stellenwert nimmt Facebook in der Nachrichtenrezeption im Vergleich zu traditionellen Massenmedien ein? Wie ist vor diesem Hintergrund die Präsenz und Nachrichtendiffusion der traditionellen Anbieter auf Facebook zu bewerten?

  • Wie stark nimmt Facebook tatsächlich Einfluss auf Themenwahrnehmung, Wissenserwerb, Meinungsvermittlung und Wahrnehmung des Meinungsklimas? Bei welchen Elementen des Meinungsbildungsprozesses drohen Gefahren, die vielfaltssichernde Maßnahmen erfordern?

  • Wie unterscheidet sich Facebooks Einflusspotenzial auf Meinungsbildung und -vielfalt zwischen verschiedenen Nutzertypen?

Die Studie arbeitet mit einem Mehr-Methoden-Design: eine Kombination aus quantitativen und qualitativen Erhebungen in Form einer Online-Tagebuchstudie, eines Tracking-Analysetools und einer Online-Community. Die Komplexität der Meinungsbildungsprozesse auf Facebook kann durch die Dokumentation der realen Nutzung im Rahmen der Tagebuchstudie besser erfasst werden als in klassischen Befragungen, in denen erinnerungsbedingte Verzerrungen die Regel sind. Die Ergebnisse sind darüber hinaus eher verallgemeinerbar als bei qualitativen Ansätzen oder Laboruntersuchungen. Durch die ergänzende Sammlung von Trackingdaten können die Antworten aus der Befragung erstmals mit detailgenauen Nutzungsmustern verknüpft werden. Eine anschließende Community-Studie ermöglicht durch die Einbindung der Nutzer eine gezielte Überprüfung und Diskussion der Verhaltensweisen und gewonnenen Erkenntnisse.

Die Ergebnisse der Studie sollen auch Erkenntnisse liefern, an welchen Aspekten medienpolitische Regulierungsmaßnahmen ansetzen könnten. Damit bereichern sie die aktuell sehr intensiv geführte Debatte über den Einfluss von Algorithmen auf die Gesellschaft und die medienethische Verantwortung der großen Internet-Konzerne.