Die Philosophie: Leser setzen Themen

Screenshot O-Has
„Mit der O-Ha Interaktion bestimmen die Leserinnen und Leser, ob ein vorgeschlagenes Thema abgedeckt wird oder nicht.“

Im Zentrum des Merkurist-Konzeptes steht ein Perspektivwechsel. Es sind nicht die Journalisten und schon gar nicht die Chef-Journalisten, die entscheiden, welche Themen gemacht und ganz oben platziert werden.

Bei gedruckten Zeitungen ist die Ressource Platz limitiert, mehr Seiten kosten mehr Geld. Also muss jemand entscheiden, was rein kommt ins Blatt, was nicht. „Aber das Internet funktioniert anders“, sagt Conrad mit der Tonlage eines Lehrers, der nicht begreift, dass seine Schüler nichts begreifen. Ein Journalist als Gatekeeper sei nicht mehr notwendig, man könne „endlich nachfragebasiert produzieren“ – und den Leser entscheiden lassen.

Der Leser am Steuerknüppel: Snips und O-has

Auf dieser Erkenntnis ist das Merkurist-System aufgebaut. Die Leser können mit einem Klick Themen vorschlagen und in Form von „Snips“ zur Abstimmung stellen.

Ein Snip ist zunächst nur eine Kurzmitteilung an die Redaktion, die durch Fotos oder Videos angereichert werden kann. Gibt die Redaktion den Snip frei, wird damit der Produktionsprozess in Gang gesetzt: Andere registrierte Nutzer können Fakten, Fotos oder Fragen beisteuern und durch einen Klick ein „O-ha“ abgeben. Zeigen die O-has ein Leserinteresse an, wird ein Artikel in Auftrag gegeben.

So erklärt Merkurist Snips, O-has und seine Arbeitsweise

Ein Algorithmus bestimmt, welcher Beitrag wie weit oben auf der Website, wie oft und wie lange angezeigt wird. Dabei werden die bis dahin manifestierten Präferenzen der Leser als Kriterien herangezogen, die Merkurist mit Hilfe eines ausgeklügelten Tracking-Tools sehr engmaschig misst.   

Was liest Leser X? Zu welchem Ort, zu welchem Thema? Eher Mainz City oder Gonsenheim? Eher Blaulicht oder mehr Sport? Eher kurze oder eher lange Texte?

Das Redaktionssystem wertet bei jedem registrierten Leser aus, wie lange er in einem Abschnitt verweilt. Ob er nur die Überschrift, Einstieg und das Ende liest. An welchem Punkt er abbricht.

Facebook Page Merkurist Mainz
Facebook Page Merkurist Mainz

Im Ergebnis präsentiert Merkurist jedem Leser ein individualisiertes Newsportal. Mit Beiträgen, die den persönlichen Interessen entsprechen – ob das dem Leser bewusst ist oder nicht. „Es gibt Leute, die beschweren sich auf Facebook, dass wir zu viel Blaulicht machen. Dann schauen wir in ihr Profil und sehen, dass sie fast nur Blaulicht lesen“, berichtet Conrad.

Wer als Neuleser auf die Seite kommt, findet eine Themenauswahl vor, die stark von Blaulicht-Meldungen geprägt ist, zum Teil sehr hyperlokale Themen aufgreift und oft nah am Alltag der Nutzer ist („Schließen die Türen der Mainzelbahn zu schnell?“).

Eine konventionelle Ressort-Auswahl findet man nur über ein kleines Menü oben rechts, das auch die Zahl der Beiträge ausweist: An diesem Tag sieht das in Mainz so aus: Blaulicht (841), Freizeit (433), Gesellschaft (663), Kultur (185), Politik (219) Verkehr (273), ...  Auch Politikthemen sind sehr lesernah, da viele auf Fragen der Leser eingehen. Zum Beispiel: „Was macht ein Bürgermeister den ganzen Tag?“.

In die Ressortauswahl werden sich Leser allerdings nur selten verirren, sie kommen zu zwei Dritteln über Facebook (in Mainz knapp 32.000 Fans) direkt auf die Website, in der Regel auf dem Smartphone. Die Seite ist für den Handybildschirm optimiert; inzwischen gibt es auch eine App.

Der Gefahr, dass sich Leser in einer Filter-Bubble verfangen, wirke der Algorithmus entgegen, indem er Themen einstreut, die nicht den manifestierten Interessen entsprechen. Prinzipien wie „Vollständigkeit“ oder „Chronistenpflicht“ spielen in der Merkurist-Redaktion jedoch keine Rolle.

„Die Journalisten haben bei uns eine wichtige Rolle – aber bestimmte Aufgaben wie Themenkonferenzen und lange Grundsatzdebatten gibt es nicht“, sagt Conrad. Für die Redakteure sei es extrem befriedigend, nicht der Entscheidung eines Chefredakteurs zu unterliegen; zudem erschließe sich so ein riesiges Potenzial neuer Themen.

Diese Philosophie manifestiert sich im Redaktionssystem und hat einschneidende Auswirkungen auf den Arbeitsprozess.

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