Die Factory – Redaktionssystem und Redaktionsarbeit im Detail

Die Produktion findet bei Merkurist in der Factory statt: ein modulares IT-System, das weit über die Funktionen eines herkömmlichen Redaktionssystems hinausgeht.

Seitensteuerung

Konventionelle Onlinemedien steuern ihre Nachrichtenseiten in der Regel auf Basis des Nutzerverhaltens: Was stark geklickt wird, steht oben. Aber der Wert einer Nachricht fällt mit der Zeit, manchmal sehr schnell. Nach oben gehöre also eigentlich, was noch nicht viel geklickt wird, aber Potenzial hat, betont Conrad.

Dazu hat Merkurist einen „Relevanz-Algorithmus“ entwickelt, der anhand des Leseverhaltens vorhersagen könne, welches die Themen des Tages sind, die die Leser interessieren. Konkret werden frische Nachrichten einer kleinen Zufallsauswahl von Lesern präsentiert. Was ankommt, gemessen an der Quote der Klicks pro sichtbarer Einblendung, steigt nach oben.

Auch auf Artikelebene gibt es eine automatisierte Optimierung in Form eines A/B-Tests: Im CMS kann der Autor oder Redakteur für seinen Beitrag verschiedene Überschriften und Fotos hinterlegen; das System testet, welche Kombination am besten ankommt und präsentiert diese den Lesern.

„Redaktionsteam Merkurist“
Redaktionsteam Merkurist

Auktionssystem für Autoren und Themen

Über das System wird auch der Einsatz der Autoren verwaltet. Insgesamt beschäftigt Merkurist etwas mehr als 30 hauptberufliche Mitarbeiter, darunter zwölf Redakteure an den drei Standorten, die rund 120 freie Mitarbeiter koordinieren.

Freie Journalisten müssen bei Merkurist nachweisen, dass sie in der Lage sind, journalistisch sauber zu arbeiten – es geht Conrad nicht um Bürgerjournalisten, er hat den professionellen Nachwuchs im Auge.

Autoren bewerben sich über das System, über die Freischaltung entscheidet ein leitender Redakteur. Damit bekommt der Mitarbeiter Zugang zu seinem Dashboard im System.

Sobald Leser per Snip ein Thema vorschlagen, können sich Mitarbeiter auf dieses Thema bewerben; das gilt auch für die angestellten Redakteure. Ist die ausreichende Zahl von „O-has“ erreicht, vergibt der leitende Redakteur das Thema. Jeden Tag gehen zwei Mails an die Mitarbeiter raus, in denen sie auf freie Themen aufmerksam gemacht werden.

Mit jedem Autor wird ein Rahmenvertrag geschlossen, in dem er sich u.a. verpflichtet, persönlich für Inhalte und auch Bildrechte gerade zu stehen. „Gegenüber den Journalisten verhalten wir uns wie Youtube“, erläutert Conrad.

Dafür hätten die Autoren inhaltlich alle Freiheiten. Die Artikel werden nicht redigiert; der Autor bekommt bei Bedarf zwar Hinweise von der Redaktion, ist aber nicht verpflichtet, sie zu übernehmen. Die Redaktion entscheidet nur, ob sie den Artikel veröffentlicht oder ob er nicht den Qualitätskriterien entspricht.  

Be- und Abrechnung der Honorare

Auch über die Honorarhöhe entscheidet das Redaktionssystem. Nach und nach können die Mitarbeiter sich einen Rang erarbeiten, als Senior- oder Masterjournalist. Ein Einsteiger bekommt pro Text inklusive Foto einen Fixbetrag von 25 Euro, bei einem Senior sind es 30, maximal sind 45 Euro drin.

Hinzu kommt ein Bonus, gemessen an der Zahl der Klicks und der Lesedauer. Dieser Bonus kann in Ausnahmefällen 50 Euro erreichen, im Schnitt liegt er jedoch bei 15 Euro. Damit erreicht das durchschnittliche Gesamthonorar 45 Euro.

Dass davon kein Journalist leben kann, ist Conrad klar. Aber die traditionellen Zeitungen zahlten ihren Freien noch weniger; zudem würden viele Autoren diese Aufträge als Sprungbrett sehen.

Auch hier setzt Conrad auf Marktkräfte: Im Idealfall reißen sich die Autoren um die starken Themen, von denen sie starke Aufmerksamkeit und damit auch einen großen Bonus erwarten können, wenn sie einen guten Text liefern.

Was ein guter Merkurist-Text ist, erfahren die Autoren im Statistiktool der Factory. Conrad zeigt ein Beispiel: Ein Beitrag, der 7281 Mal mehr als zwei Sekunden lang  im sichtbaren Bereich angezeigt wurde, ist 1232 Mal angeklickt worden. Und 71 Prozent derjenigen, die den Text geöffnet haben, haben ihn zu mindestens 75 Prozent gelesen; die meisten Ausstiege gab es nach dem dritten Absatz.

Die standardisierte Redaktion

Mitarbeiter nutzen das Snip-System, um eigene Vorschläge zu machen – in der Regel bearbeiten sie das Thema dann auch. Eine Themenplanung, eine Redaktionskonferenz sind hier überflüssig; diese Aufgaben werden im System abgewickelt. Nicht automatisiert, aber standardisiert.

„In einer traditionellen Redaktion wird oft stundenlang diskutiert, welches Thema nun der Aufmacher wird; am Ende entscheidet der Chef aus dem Bauch heraus. Dabei geht unheimlich viel Zeit verloren, die Redakteure sind oft frustriert und der Leser bekommt vorgesetzt, was der Chef will“, beschreibt Conrad das Gegenmodell. Und schüttelt nur den Kopf.

Und dennoch haben die Redakteure bei Merkurist eine wichtige Rolle, „die lassen sich nicht durch Roboter ersetzen“, betont Conrad. Ein großer Teil ihrer Arbeitsprozesse aber eben doch. Gleichzeitig erschließe das System ein riesiges Potenzial von Themen, auf die innerhalb der Redaktion niemand gekommen wäre.

Mit den Snips kämen auch einige unsinnige Vorschläge rein, aber die würden von den Redakteuren ausgefiltert – bei der Freigabe der Snips haben sie also nach wie vor eine Gatekeeper-Rolle. Katzen-Themen, das betont Conrad, wurden bislang nicht vorgeschlagen. Die größte Bedingung für ein Thema: Es muss lokal sein.

Ist der Snip aber einmal frei geschaltet, so das Versprechen von Merkurist an seine Leser, wird das Thema auch gemacht. Findet sich kein freier Autor, ist es der Job der Redakteure, aus dem Thema einem Beitrag zu machen.

Allerdings gibt es auch Themen, die nicht von den Lesern kommen. Sondern von der Aktualität gefordert sind, über Pressemeldungen reinkommen, etc. Dann reagiert die Redaktion ganz journalistisch – aber innerhalb des Systems. Bei einem Großbrand wird auch bei Merkurist eine Eilmeldung gemacht, aber eben in Form eines Snips, der nach und nach mit Informationen angereichert wird, bevor er zu einem Artikel wird.

Am Tag des Redaktionsbesuchs gab es einen auffälligen Polizeieinsatz bei einer Bank in der Innenstadt. Ein Leser, der das Eintreffen der Polizisten gesehen hatte, stellte einen Snip ein: „Polizeieinsatz mit Maschinenpistolen – ist das ein Überfall?“.

Klar, dass die Redaktion sofort recherchiert und die Polizei anruft. Schnell stellt es sich heraus, dass es sich um einen Selbstmord in der Bank handelt. Aufgrund des großen öffentlichen Aufsehens entscheidet sich die Redaktion, die Geschichte dennoch zu machen, ein Redakteur veröffentlicht sie unter dem zurückhaltenden Titel „Todesfall ohne Fremdeinwirkung“. Die lokale Tageszeitung zieht zwei Stunden später nach, mit der Überschrift „Mann erschießt sich auf Toilette der Commerzbank“.

Einen Anspruch auf Vollständigkeit gibt es beim Merkurist nicht. Dennoch deckt die Redaktion die großen lokalen Themen ab, besetzt Ratssitzungen. Aber auch dann wird per Snip entschieden, ob daraus ein Bericht wird.

Zurück zur Übersicht