Das inhaltliche Konzept: Journalismus auf Augenhöhe

Screenshot Taeglich.ME
Screenshot Taeglich.ME

„Wir berichten auf Augenhöhe, mit Respekt auch über die Kaninchenzüchter. Jeder hat das Recht, sich in der Zeitung wiederzufinden – und wir haben ja kein Platzproblem mehr“, berichtet Reuter.

Auf der anderen Seite, ergänzt Nieländer, müsse Taeglich.ME nicht krampfhaft eine bestimmte Zahl von Seiten füllen, es gebe keine Selbstverpflichtung, täglich x Meldungen zu produzieren:  „Wir bieten das ganze Jahr über eine seriöse und authentisch gewichtete Berichterstattung“. Mindestens eine Geschichte und drei bis vier Meldungen pro Ort sollten es dann doch schon sein.

„Wir machen klassischen Lokaljournalismus, setzen das aber anders als früher um“, sagt Reuter. Die Sprache sei direkter, die Berichte kürzer. In der Politik bringe man zunächst einmal alle Fakten, steige dann in die Diskussion vor Ort ein. Ergänzend dazu gebe es Videos und vor allem Fotogalerien. Mit Blaulicht-Meldungen geht die Redaktion nach eigener Einschätzung zurückhaltend um; gemeldet werde nur, was tatsächlich relevant ist.

Übersicht Gottesdienste Taeglich.ME
Übersicht Gottesdienste Taeglich.ME

Von außen betrachtet findet man auf Taeglich.ME viele Routine-Texte, Terminberichterstattung und Ein-Quellen-Geschichten. Dann doch relativ viel Blaulicht, aber auch viel Service wie die regelmäßige Auflistung aller Gottesdienste am kommenden Wochenende. Aufwendig recherchierte, gar investigative Texte findet man nicht, größere Interviews sind selten.

Berichte über Ausschüsse und Stadtratssitzungen kommen deutlich rascher, als man es bei einer gedruckten Zeitung gewohnt ist. Bei wichtigen Themen eine erste Nachricht am gleichen Abend, der ausführliche Bericht noch in der Nacht. 

„Wir sind noch sehr mit dem Pflichtprogramm in der Fläche beschäftigt“, räumt Reuter ein. Wenn Zeit für etwas Kür bleibt, dann werde die meistens in Geschichten über Menschen in der Region gesteckt.

Mancher moderne, crossmediale Ansatz hat sich bereits als nicht sinnvoll erwiesen. Ein Twitterkanal wurde eingerichtet, aber nach knapp 300 Tweets vor gut einem Jahr eingestellt, weil die Resonanz minimal war. Ein ambitioniertes Videoblog erschien der Redaktion nach einem Jahr etwas „abgenutzt“; nun ist ein neues Videoformat im Bereich Meinung in Planung.

Einen Newsletter gibt die Redaktion nicht heraus; sie will jetzt aber per Leserbefragung herausfinden, wie ein WhatsApp-Dienst ankommt. Dort will sie dann einmal am Tag einen Nachrichtenüberblick liefern und sich ansonsten nur bei wirklich wichtigen Nachrichten melden.

Facebook-Seite Taeglich.ME
Facebook-Seite Taeglich.ME

Kommentierung der Leser kommt langsam in Gang

Wichtig ist es der Redaktion, bei vielen, durchaus auch örtlich sehr begrenzten Themen, eine Diskussion angestoßen zu haben und diese Themen kontinuierlich zu begleiten.

Eine Kommunikation mit den Lesern und Akteuren ist gewünscht, kommt aber nur langsam in Gang. Kommentieren dürfen nur angemeldete Leser unter ihren Klarnamen, damit eine „vernünftige Diskussion“ zustande kommt. „Allmählich honorieren die Lokalpolitiker das und nehmen an manchen Debatten teil; auch das ist anders als bei der gedruckten Zeitung – da gab es zuletzt ja nicht einmal mehr Leserbriefe“, sagt Reuter.

Unter den Artikeln gibt es nur selten Kommentare. Auf Facebook hat Taeglich.ME zwar 5.200 Fans, aber auch dort gibt es nur wenige Debatten; die Seite wird von der Redaktion vor allem für Hinweise auf eigene Artikel und Marketing genutzt. Und bei eiligen Ereignissen wie Unfällen, Bränden oder Sperrungen für die schnelle Kommunikation.

Dabei legt Nieländer Wert darauf, dass die Facebook-Posts immer auf die eigene Website verweisen: „Mehr (in Kürze) auf Taeglich.ME“. Ziel sei es, die Leser auf die Seite zu holen – weil nur dort Geld verdient wird.

Seriös und kritisch, aber freundschaftlicher Ton

Der Ton der Berichterstattung ist seriös und kritisch, aber freundschaftlich. Man müsse ja nicht immer meckern, es gebe auch viele positive Dinge, über die die Leser mehr erfahren wollen. Bei vermeintlichen Skandalen geht Taeglich.ME betont zurückhaltend ran; so habe man Vorwürfe von sexuellen Übergriffen durch Flüchtlinge gründlich recherchiert – und auf eine Berichterstattung verzichtet, als sich herausstellte, dass nichts dran war.

Inzwischen hat sich Taeglich.ME in der Region zwischen Düsseldorf, Essen und Wuppertal etabliert. Sechs Redakteure bearbeiten die Kreisstadt Mettmann (ME) und die Kleinstädte Haan und Wülfrath. Nach einem Jahr waren Velberts Stadtteile Neviges und Tönisheide dazugekommen.

Dabei profitieren die Jungverleger auch von der schwachen journalistischen Angebotsstruktur in der Region: Die angestammten Tageszeitungen ziehen sich aus der Fläche zurück, Anzeigenblätter sind unterschiedlich stark vertreten.

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