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29.08.2007
"Wir sind keine Nestbeschmutzer"!
Die freie Hörfunkjournalistin Sandra
Müller über die Hintergründe des "Tutzinger
Appells" und die Ziele der Initiative FAIR RADIO.
funkfenster online: Während des Hörfunkseminars
der bpb und der Akademie für politische Bildung in Tutzing
hat sich ein Workshop mit der Ethik im Radio beschäftigt.
Was hat Sie persönlich an dem Thema besonders gereizt?

Sandra Müller
Sandra
Müller: Vor allem die Möglichkeit, sich mit
Kollegen über das Thema auseinanderzusetzen. Schließlich
stoßen wir doch täglich an die ethischen Grenzen
unserer Arbeit: Darf man als Radiomoderator das aufgezeichnete
Interview anmoderieren, als ob es live wäre? Sollen wir
von der Beerdigung eines Mädchens berichten, das bei
einem Busunfall ums Leben kam? Und: Was tun, wenn Zeitungen
und Agenturen morgens Dinge melden, die sich auf die Schnelle
nicht nachrecherchieren lassen? Leider fallen die Entscheidungen
da oft einsam und eher pragmatisch - schließlich muss
beim Radio ja alles schnell gehen. Also heißt es: Wenn
zwei Zeitungen das melden und die Agentur, wird's schon stimmen.
Und: Wenn alle von der Beerdigung berichten, dann müssen
wir das auch. Für eine redaktionsinterne Besprechung
in aller Ruhe fehlt meist die Zeit und leider auch allzu oft
das Verständnis. Wer nach ethischen Grundsätzen
fragt, erntet oft nur genervtes Augenrollen. Schließlich
haben wir Radiomacher Produktionsdruck. Aufgezeichnete Interviews
als Live-Gespräche verkaufen? Das machen doch alle! Unlauter
ist es trotzdem, finde ich. Und viele Interviewpartner, vor
allem wenn sie nicht Radio erfahren sind, irritiert das. Es
dürfte klar sein, was die ihren Freunden erzählen:
Da siehst Du mal! Die schummeln doch immer beim Radio! Doch
den Radiomachern scheint das egal. Dass unsere Glaubwürdigkeit
so verloren geht, interessiert keinen. Die Tatsache, dass
sich im Workshop dann doch Leute getroffen haben, die sich
sehr wohl dafür interessieren, fand ich so gesehen sehr
anregend und beflügelnd.
Im Laufe der Diskussion entstand die Idee
zu einer Initiative "Fair Radio". Und ein Appell
für mehr Glaubwürdigkeit im Radio. Welche realistischen
Chancen räumen Sie der Verwirklichung einer solchen Idee
ein?
Ich bin Idealistin. Ich denke, dass sich gemeinsam
etwas verändern lässt. Wir müssen dahin kommen,
dass engagierte Radiomacher, die unser Alltagsgeschäft
und unsere alltäglichen Produktionsmethoden hinterfragen,
nicht als Nestbeschmutzer gelten. Wir müssen den Idealisten
Mut machen, sich ihren Idealismus zu bewahren. Sich als Unterzeichner
öffentlich zum "Tutzinger Appell" zu bekennen,
heißt auch: Sich selbst den Rücken zu stärken
und genau hinzuschauen - vor allem bei sich selbst. Denn gerade
wenn die Redaktion keine eindeutige Haltung dazu hat: Das
nächste aufgezeichnete Interview nicht wie ein Live-Interview
zu verkaufen, kann jeder Moderator im Zweifel mit sich selbst
abmachen. Und kein Reporter muss eine Meldung schreiben über
einen Sachverhalt, den er nicht persönlich nachrecherchiert
hat.
Können Sie selbst in Ihrer täglichen
Arbeit den Leitlinien der Initiative folgen, oder kommen Sie
in Konflikt mit den tatsächlichen Anforderungen des Radioalltags
und Ihrer Arbeitgeber?
Natürlich komme ich zum Teil mit den Leitlinien
in Konflikt, wenn auch zum Glück längst nicht mit
allen, die unser Appell auflistet. Aber allein schon der Grundsatz
"Recherche vor Schnelligkeit". Diesen Zwiespalt
kennt jeder Radiomacher. Denn der Chef vom Dienst und der
nächste Termin warten. Da lügt man sich gern selbst
in die Tasche und hält für geklärt, was man
gar nicht wirklich geklärt, sondern nur mal schnell im
Internet bei unsicheren Quellen nachgeschlagen hat. Aber wie
gesagt: Der Appell ist ja ein Appell an uns selbst als Radiomacher.
Wenn wir es anders machen wollen, müssen wir es anders
machen. Und wir müssen den Programmchefs, Redaktionsleitern
und Chefs vom Dienst klar machen: Wir haben da unsere Grundsätze
und gegen die verstoßen wir nicht.
Welche weiteren Schritte sollen dem Appell
folgen?
Am liebsten hätten wir so was wie ein Label,
ein Gütesiegel "Fair Radio". Radiostationen,
die sich zu unseren Grundregeln bekennen, sollten es führen
und damit Werbung machen dürfen. Und weil die Bedingungen
des Siegels öffentlich sind, können sich die Hörer
selber melden, wenn sie glauben, dass gegen die Regeln verstoßen
wurde. Dazu arbeiten wir an einer Homepage unter www.fair-radio.net.
Das wäre dann die Anlaufstelle, wenn zum Beispiel der
Verdacht besteht, dass ein Interview nur als live verkauft
wurde, aber nicht live war oder wenn Hörer den Eindruck
haben, dass bei Gewinnspielen gemogelt wird. Uns ist natürlich
klar, dass so ein Siegel auch konsequent überwacht werden
müsste. Ob und wie uns das gelingen könnte, wissen
wir selbst noch nicht. Insofern ist das Zukunftsmusik. Wichtiger
als das Siegel ist zunächst deshalb auf jeden Fall, dass
unter uns Radiomachern eine Diskussion in Gang kommt. Auch
dafür könnte die Internetseite eine Anlaufstelle
sein - als eine Art Beichtstuhl aus den Redaktionen. Hier
sollen Radiomacher - auch anonym - über ethische Grenzen,
die sie oder Kollegen überschritten haben, berichten
können. Denn es ist Zeit, den Finger in die Wunde zu
legen. Öffentlich! Nur so, da waren wir uns in der "Arbeitsgruppe
Ethik" einig, wird das ganze Ausmaß der Misere
deutlich und damit auch der Handlungsbedarf.
Interview: Inge Seibel
Der Tutzinger Appell für ein glaubwürdiges
Radio
- Recherche muss vor Schnelligkeit gehen.
- Es wird nichts vorgegaukelt, was nicht tatsächlich
so ist (der Reporter, der angeblich vom Ort des Geschehens
berichtet, tatsächlich aber im Studio sitzt; der Verkehrsreporter,
der vorgibt, aus einem Verkehrsflieger zu berichten)
- Was nicht wirklich live ist, wird auch nicht
als live verkauft.
- PR-Beiträge gehören in den Werbeblock
und nicht ins redaktionelle Programm.
- Nachrichtensendungen werden nicht vorher
aufgezeichnet.
- Mogeleien bei Gewinnspielen sind tabu.

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