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22.04.2009
In den digitalen Fallen
Gegen die "Generationenkluft" – Wie Eltern Medienkompetenz lernen können
 Ein Elternabend der Initiative "Eltern+Medien" – Fox-Foto Uwe Völkner
"Wie lange sollte denn ein Kind überhaupt online sein?" Die Frage der Mutter in der Aula der
Gemeinschaftsgrundschule An den Kaulen in Köln-Worringen klingt besorgt. Ihre Tochter, so berichtet sie,
komme an manchen Tagen "locker" auf fünf Stunden, die sie am Computer verbringe. Ab wann denn
"dieses ständige Unterwegssein der Kinder im Internet" gefährlich werden könne, möchte ein beunruhigter
Vater wissen. Ob "sozialer Rückzug" zu befürchten sei, gar "Isolation"? Und ob aus dem täglichen Spiel
irgendwann Sucht werden könne? Und wie das mit den Kosten sei?
Schon nach einer halben Stunde der Veranstaltung im Rahmen der Initiative "Eltern+ Medien" der
Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Zusammenarbeit mit dem Adolf-Grimme-Institut wird klar: Mütter und Väter
registrieren mit Besorgnis den wachsenden Anteil, den Internet, Computer- und Konsolenspiele sowie das Handy im
Alltag ihrer Kinder erobert haben. Viele Erwachsene sind alarmiert und suchen wie die knapp 40 Eltern in Worringen
nach praktikablen Orientierungen. Sie gehören zu den Müttern und Vätern, die das virtuelle Leben ihrer Kinder in
den diffusen digitalen Welten nicht gleichgültig lässt.
"Es ist auch der Computer, der die Generationen voneinander entfernt", hat der Psychoanalytiker
Horst-Eberhard Richter nach dem Massaker von Winnenden mit 113 Schüssen und 16 Toten geschrieben. Heutzutage,
sagt Richter, "wissen die Älteren wenig davon, was im Innern vieler männlicher Jugendlicher vorgeht".
Verantwortungsbewusste Eltern ahnen allerdings mehr und mehr den Sog der virtuellen Parallelwelten, entdecken die
"digitalen Fallen", in denen sich ihre Kinder verfangen (können).
So hat gerade das Spektakuläre an Winnenden die Chance erhöht, die Sensibilität der Eltern für
die digitalen Risiken, denen Kinder und Jugendliche unterliegen, zu verstärken. Die Vermittlung von Medienkompetenz
ist zu einer zentralen Kategorie gesellschaftspolitischer Nachfrage geworden. Ein Schub für die 2007 gestartete
Initiative? Mit einem NRW-weiten Angebot ziele diese darauf ab, sagt LfM-Referent Rainer Smits in Düsseldorf, dem
"deutlich gestiegenen Orientierungsbedarf" von Eltern in der Medienerziehung ihrer Kinder gerecht zu werden.
In Worringen hat der Medienpädagoge Tobias Schmölders Computer- und Konsolenspiele in den Fokus der
Aufklärung gerückt. Es ist eines von vier Themen, die die Initiative interessierten Schulen anbietet. Eines, das
"nach Winnenden" noch an Brisanz gewonnen hat. 213 Minuten verbringen männliche Neuntklässler in Deutschland nach
einer neuen Studie durchschnittlich pro Tag mit Fernsehen/Video/DVD. Sog. "Killer- und Rollenspiele" ziehen manche
Jugendliche geradezu magisch an. "World of Warcraft" etwa, freigegeben ab zwölf Jahre, wurde weltweit über elf
Millionen Mal verkauft. Dem "Spiegel" gilt "WoW" als die "stärkste Droge" unter allen Online-Rollenspielen.
Spiele der Sparte "Ego-Shooter" sind es, die kleinen Gemütern das Gefühl von Macht über Menschen vermitteln.
Computerspiele vor dem Aus? In der Aula der Worringer Schule outet sich Schmölders in "entwaffnender"
Offenheit als bekennender Fan dieser Passion. Mit Entschiedenheit argumentiert er gegen eine Debatte der Simplifizierung.
Sein Plädoyer heißt Differenzierung und Verantwortlichkeit. Man mache es sich zu einfach, beruhigt er seine Zuhörer,
Computerspiele als einzige Ursache für Tendenzen der Verrohung in der Gesellschaft anzusehen. Für die Annahme, mediale
Gewaltdarstellungen seien ursächlich für die Auslösung von Gewalt, gebe es "ungeachtet tausender Studien" keinen
wissenschaftlichen Beweis. Im Spiel lernten Kinder seit jeher am besten, ihre Phantasien und Fähigkeiten zu entwickeln.
Warum ihnen aus übertriebener Sorge heute womöglich das nehmen, was sie morgen als soziale Schlüsselqualifikation für ihr
zukünftiges Leben benötigten - die Chance, gekonnt und verantwortlich mit digitalen Medien umgehen zu lernen? Das Angebot
an Computerspielen kenne eben nicht nur das "Killerformat". Der Medienpädagoge macht sein Forum mit einem weiten Spektrum
an Simulations-, Strategie- und Rollenspielen sowie "Funny Games" vertraut. Auf der Flipchart entstehen Konturen von
PC-Spielangeboten, die allerlei fördern – bis hin zum strategischen Denken. So eine Denk- und Entscheidungshilfe für
Eltern ist auch das System der Altersfreigaben USK, das von den Herstellern in freiwilliger Selbstkontrolle erarbeitet
worden ist. Selbst Produkte "freigegeben ab drei Jahre" sollen jedoch nicht ungeprüft geschenkt werden. Und stets sollten
Eltern sich die Frage stellen, ab wann ihr Kind in der Lage sei, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.
Der Psychoanalytiker Richter hat den Finger in die digitale Wunde gelegt: "Das Gespräch zwischen den
Generationen verkümmert." In Worringen plädiert Schmölders ganz ähnlich für eine Kultur des Hinschauens, der Zuwendung,
der Anteilnahme: "Befragen Sie Ihre Kinder zu dem, was sie spielen. Und sie werden Ihnen davon mit großer Begeisterung
erzählen." Die Initiatoren des Projekts "Eltern+Medien" wissen, dass Jugendliche häufig technikaffiner sind als ihre Eltern,
ihnen insoweit an Medienkompetenz überlegen sind. Dadurch entsteht eine "Generationenkluft", der die Vermittlung von
Medienkompetenz gerade entgegenwirken soll. So fasst die LfM all ihre einschlägigen Bemühungen unter dem Credo zusammen,
Medienkompetenz sei darauf angelegt, möglichst viele Menschen an den neuen Medien teilhaben zu lassen, deren Vorteile und
Chancen nutzen zu können und potentielle Risiken vermeiden zu lernen.
Potentielle Risiken verbinden Experten zunehmend mit Internet und Handy. Es ist ein weiterer Themenschwerpunkt
der Initiative, die seit ihrem Start rund 15 000 Mütter und Väter in NRW erreicht hat. In der Aula des Gymnasiums Nümbrecht
im Oberbergischen Kreis investieren rund 60 Mütter und Väter gut zwei Stunden in einen Elternabend, um sich vom Medienpädagogen
Thomas Welsch auf den Stand der Erkenntnisse bringen zu lassen. Handys sind unter den 12- bis 19jährigen nicht nur nützliche
Werkzeuge im Schulalltag, längst Standard bei der Organisation ihrer täglichen Kommunikationsbeziehungen bis hin zum Flirt-Chat
in die andere Schulhofecke. In der Verknüpfung mit zahlreichen Multimedia-Funktionen sind die mobilen Alleskönner eben auch
Einfallstore für den Download gewaltgetriebener Bilder und Filme.
Infos zu den Handreichungen
Zur Durchführung von Elternabenden zum Thema Internet und Handy bietet die EU-Initiative "klicksafe" eine
Handreichung für Referentinnen und Referenten an. Mit der umfangreichen Loseblattsammlung werden Referent/innen mit praxisnahen
Informationen unterstützt. Für Institutionen, die Referent/innen für die Durchführung von medienpädagogischen Elternabenden
ausbilden möchten, hat klicksafe zusammen mit der Initiative Eltern + Medien ein Konzept zur Schulung entwickelt.
Das Train-the-Trainer Konzept enthält praktische Informationen zur Schulung qualifizierter Fachkräfte sowie zu Lernzielen
und Fortbildungsmethoden.
Kostenloser Download oder Bestellung (in gedruckter Form als Loseblattsammlung) der beiden Publikationen:
www.klicksafe.de
Was manche Eltern ahnen oder auch wissen führt Welsch anschaulich vor – die drahtlose Funkverbindung Bluetooth
zwischen Handys oder Handy und Computer. Sie erlaubt den mühelosen Austausch von "Snuff Videos" und so genanntem "Happy Slapping".
Welsch erzählt von Bildern der Gewalt und der Demütigung von Menschen, die nicht zuletzt auf Schulhöfen kursieren. Und von dem
einfachen technischen Weg, wie sich Schüler über ihre Bluetooth-Sperre gegen solch unerwünschte Inhalte schützen können. Nicht
allen Eltern scheint klar zu sein, dass sich Jugendliche ab 14 Jahren strafbar machen, wenn sie gewaltverherrlichende und
pornographische Bilder und Videos weiter verbreiten. Zwischen Besitz und Verbreitung liegt ja prinzipiell nur die sekundenkurze
Verführung eines Klicks. Medienkompetenz heißt hier zu verstehen, den ersten Schritt zu vermeiden, um den zweiten, dann
gravierenden von vornherein auszuschließen.
Man braucht Medienkompetenz, sagen die Experten, damit sich Sender und Empfänger verstehen. Und sich naive
Web-Freaks nicht beispielsweise gedankenlos auf gefährliche Pfade in den virtuellen Dschungel von Social Communities wie
Facebook oder YouTube einlassen. Wie wichtig dies gerade für junge Menschen sein kann verdeutlicht Welsch in der Nümbrechter
Elternrunde an SchülerVZ, einem der unter Jugendlichen populärsten sozialen Netzwerke überhaupt. Jeder zweite von ihnen ist,
wie der Medienpädagoge auf Basis einer Studie darlegt, regelmäßig in solchen virtuellen Megaclubs unterwegs. 4,5 Millionen
Mitglieder hat SchülerVZ. Täglich kommen Hunderttausende von Bildern hinzu. Harmlose Bilder, kuriose, lustige, aber auch jede
Menge intimer Bilder. Welsch sagt, SchülerVZ befriedige bei minimalem Aufwand das wachsende Bedürfnis Jugendlicher nach
Selbstinszenierung. Einige Eltern werfen sich Blicke der Bestätigung zu. Sie wissen nur zu gut, welche Sehnsüchte die
interaktiven Kommunikationsplattformen in ihren Kindern wecken.
 Elternabend: Es gibt viele offene Fragen – Fox-Foto Uwe Völkner
"Deutschland sucht den Superstar" – wenn eben nicht auf der großen Bühne, dann zumindest mit eigener Homepage
samt Foto im Netz! Was soll daran in der Anonymität der virtuellen Massen problematisch sein? Für Welsch ein willkommener Anlass,
den Eltern die Gefahren des unreflektierten Agierens ihrer Kinder im Internet bewusst zu machen: "SchülerVZ suggeriert den
Jugendlichen: Da sind wir unter uns! Dies ist aber zu kurzsichtig, weil Türen und Tore für diejenigen geöffnet sind, die ganz
andere Interessen verfolgen." Voyeuren etwa, Päderasten nicht zuletzt. Oder auch Arbeitgebern in spe. Und schon gibt es die
nächste Lektion. Bekanntlich vergisst das Netz nicht. Fotos von Alkoholexzessen aus dem digitalen Netzarchiv passen kaum in das
Bild, das sich ein Personalchef gerade von einem Jobaspiranten machen will, dessen Bewerbungsunterlagen auf dem Tisch liegen.
Die meisten Eltern in der Nümbrechter Aula reagieren konsterniert. Sorgen nicht Geburtsdaten und Kontrollen auf Anbieterseite
dafür, dass die Community unter sich bleibt? Welsch, Mitarbeiter der SK Stiftung Jugend und Medien und alles andere als "Schüler",
weist am Beispiel seiner eigenen Homepage bei SchülerVZ nach, wie einfach - weil unkontrolliert – die Zu-gangshürden zu
sozialen Netzwerken unterlaufen werden können.
Für 2009 hat die Initiative bereits 460 Elternabende auf Anfrage von Schulen in NRW fest gebucht. Mehrere Hundert
weitere stehen auf einer Warteliste. Referenten werden gesucht und ausgebildet. 250 000 Euro sind für das Projekt bereitgestellt.
Stiege nicht zuletzt als Reflex auf Winnenden die Nachfrage weiter, sollen nach Angaben von Smits weitere Gelder beantragt werden.
Kathrin Jung, Medienbeauftragte der Schule in Worringen, hat nach dem Elternabend dort positiv registriert, dass Computerspiele
nicht ausschließlich negativ gesehen worden seien. Medienkompetenz 2009, wie sie in Elternabenden dieses Typs vermittelt wird,
ist ohnehin keine Sache des simplen Schwarz-Weiß. Entscheidend ist die Fähigkeit von Eltern und Kindern, die richtige Dosierung
zu finden. Und auch auszuprobieren. Eine Stunde "Medienzeit" am Tag soll zum Beispiel für Kinder bis zwölf angemessen sein; die
doppelte Zeit für die bis 16 Jahre. Moderne Medienkompetenz verweist auf das Können, Spielregeln auszuhandeln, die vor verbotenen
Inhalten schützen, und deren Einhaltung zu sichern. Funktionieren solche "Bündnisse" nicht, bleibt Eltern immer noch die Option,
unter Einschaltung einschlägiger Internetadressen Sperren anzuwenden. Diese blockieren bestimmte Angebote auf dem Computer im
Kinderzimmer oder limitieren die Zeit der Nutzung für diese. Eine ultima ratio sind solche Sperren ohnehin nicht, wie eine Mutter
in Nümbrecht berichtet: "Wenn es zuhause das Verbot gibt, weiß ich noch lange nicht, was mein Sohn bei seinen Freunden mitbekommt."
Ralf Siepmann

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