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Medienpädagogik

1.09.2009
Brauchen wir Regeln im Internet?
Ein Gespräch mit Dr. Bernhard Bueb

In Ihrem Buch "Lob der Disziplin" fordern Sie für die Erziehung klare Regeln. Regeln müssen sein, sagen Sie. Inwieweit ist es möglich, diese Forderung für den Umgang mit dem Internet umzusetzen?

Ich weiß nicht genau, was technisch möglich ist, aber ich unterstütze den Vorstoß von Frau von der Leyen, Pornographie gar nicht zugänglich zu machen, also zu sperren. Das gleiche gilt für Gewalt. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum man zögert, bestimmte Formen von Gewalt im Netz rigoros einzuschränken. Ich kann in einer solchen Maßnahme keine Einschränkung der allgemeinen Freiheit sehen. Ich sehe das eher in der Analogie zu Phänomenen wie Rauchen oder Alkohol oder Drogen. Beim Rauchen waren wir in Salem - bevor es die neuen, radikalen gesetzlichen Einschränkungen gab – mit unseren Aufklärungsversuchen vollkommen erfolglos. Verbote führten zu einem dauernden Katz und Maus-Spiel zwischen Erwachsenen und Schülern. Dadurch konnten wir das Rauchen minimieren, aber nicht verhindern. Das gleiche galt für den Alkohol. Wenn überhaupt etwas erfolgreich war, dann waren es immer die Einschränkungen, die Einschränkungen durch das Gesetz oder durch den Preis. Ich sehe das ganz analog beim Internet, denn Internet ist für mich wie eine Droge. Kinder und Jugendliche sind überfordert, wenn wir sie mit Computern allein lassen. Der Verführung durch diese Medien zu widerstehen verlangt ein Maß an Selbstdisziplin, das nur eine Minderheit – meist aus gebildeten Familien aufbringen kann.

Welche Internetregeln sollten formuliert werden?

Bernhard Bueb beim Gespräch in Überlingen
Bernhard Bueb beim Gespräch in Überlingen.
©PW

Ich denke an Regelungen, die die Hersteller bzw. die Provider betreffen. Also dass man untersagt, dass in diesem Land etwas ins Netz gestellt wird, was schädlich für Kinder und Jugendliche ist. Pornographie und Gewalt - das sind sicher die Hauptthemen. Wir brauchen Restriktionen, wie man den Gebrauch unterbinden kann, so wie es Frau von der Leyen jetzt vorhat, auch wenn das technisch nicht immer perfekt durchzuführen ist. Und dann sollte man Eltern auch die technische Möglichkeit an die Hand geben, Computer so zu programmieren, dass Pornographie und Gewalt nicht frei zugänglich sind. Auch das werden intelligente Jugendliche umgehen, aber viele werden es nicht umgehen und werden die technischen Möglichkeiten nicht haben. Und dann gibt es noch die Notwendigkeit, Eltern so zu qualifizieren, dass sie den Umgang ihrer Kinder mit dem PC verstehen. Und da sehe ich zwei Hauptforderungen. Man muss Eltern abverlangen, sich mit diesem Medium zu beschäftigen - was ja die meisten Eltern nicht tun. Und das andere ist, dass man Eltern Vorgaben machen sollte, wie lange sie ihr Kind an den PC lassen sollten. Von offizieller Seite sollte ruhig die Empfehlung kommen: Lassen Sie Ihr Kind nicht länger als eine Stunde am Tag am Computer sitzen.

Und dann gestaffelt je nach Alter?

Je nach Alter mehr, ja. Fachleute sollten Empfehlungen ausarbeiten, um hilflosen Eltern Richtlinien zu bieten. Die wissen ja nicht: Soll ich das verbieten, darf ich das verbieten? Es wäre gut, wenn das Kultusministerium oder andere Institutionen wie zum Beispiel Landesmedienanstalten Empfehlungen dazu erlassen.

Die Landesmedienanstalten sagen seit langem an die Adresse der Eltern gewandt: Sprechen Sie mit Ihren Kindern über das, was Ihre Kinder im Netz erleben. Natürlich hat der Satz seine Berechtigung, aber man erreicht damit immer nur die Eltern, die informiert und gutwillig sind und Zeit haben, sich zu kümmern. Aber was ist mit Sozial Benachteiligten, armen Familien, was mit Familien mit Migrationshintergrund?

Bernhard Bueb
Bernhard Bueb; ©PW

Den Eltern aus bildungsfernen Schichten und den Immigranteneltern kann man nur dadurch helfen, dass man für die Kinder Gemeinschaften außerhalb des Unterrichts schafft, in denen sie gemeinsam mit Erwachsenen etwas unternehmen. Ich denk an die flächendeckende, verpflichtende Ganztagsschule. Hier darf jedoch nicht den ganzen Tag unterrichtet werden. Vormittags sollte Schule sein, dann ein gemeinsames Mittagessen, und der Nachmittag müsste dem Spiel gewidmet sein, dem Sport, dem Theater, schöpferischer Medienarbeit, naturwissenschaftlichem Experimentieren usw. Dann wäre den Eltern aus den bildungsfernen Schichten geholfen, und die Kinder wären weitere vier bis fünf Stunden unter der Anleitung von Erwachsenen in Gemeinschaften aufgehoben – und nicht am PC. Der beste Weg, die Medien zu regulieren, ist der, junge gleichaltrige Menschen in Gemeinschaften etwas unternehmen zu lassen. Verbote sind nur bedingt erfolgreich, sie sind meiner Ansicht nach notwendig, aber sie lösen das Problem nicht, sondern das Problem lässt sich nur lösen, wenn man Kinder und Jugendliche begeistert für Spiele.

Unter Anleitung von Erwachsenen?

Sie können Kinder und Jugendliche nicht sich selbst überlassen. Die Erwachsenen müssen die Akzente setzen, müssen sie begeistern, müssen die ganze Sache strukturieren und gestalten. Und diese Art der Jugendarbeit ist ja seit hundert Jahren bekannt. Angefangen bei den Pfadfindern bis zu der pervertierten Art der Jugendarbeit der Hitlerjugend. Das waren ja Meister in der Nutzung des Faktors "gleichaltrig" für ihre Zwecke. Auch die Jugendarbeit der Kirchen war geprägt davon, dass man in der Gemeinschaft etwas unternommen hat. Die Kirchen ziehen sich aber mangels Akzeptanz zurück und auch das Vereinswesen nimmt ab. Auch die Großfamilien verschwinden und irgendetwas muss an ihre Stelle treten. Das kann nach meiner Auffassung nur die Ganztagserziehung sein.

Armin Laschet, der nordrhein-westfälische Familienminister, hat auf dem Medienforum NRW im Juni in Köln Altersbeschränkungen für Onlinemedien gefordert, wie beim Fernsehen oder Kino. Was halten Sie davon?

Das unterstütze ich. Es ist ja nicht einzusehen, warum ich beim Kino Einschränkungen mache und beim Internet nicht, zumal das Internet ja viel zugänglicher, verbreiteter und populärer bei den Jugendlichen ist als das Kino. Und auch beim Fernsehen gibt es die Hinweise, dass bestimmte Sendungen für unter 16-Jährige nicht geeignet seien. Es gibt überhaupt gar keinen Grund, warum das nicht aufs Internet übertragen werden sollte.

Viele Internetnutzer haben am Anfang immer damit argumentiert, dass das Internet ein freies Medium ohne Regelung sei. Und diese Befürworter des völlig freien Zugangs sagen jedem, der Regelungen einführen möchte, sie wollten das Internet zensieren. Was antworten Sie solchen Menschen?

Ich sage: Warum wendet Ihr dieses Argument nicht auch auf Druckmedien an, oder auf Filme? Wenn wir uns entschlossen haben, Filme zu zensieren und Druckmedien zu zensieren, dann gibt es doch keinen Grund, nicht auch das Internet zu zensieren. Die Frage ist ja nur, wie weit geht die Zensur? Und wenn ich die zunächst erst mal auf Pornographie und Gewalt beschränke, dann kann doch niemand was dagegen haben. Ich kann das Argument nicht einsehen, warum das für die anderen Medien zulässig ist, aber für das Internet nicht.

Viele Eltern wissen nicht, ob ihr Kind einen Fernseher oder Computer in seinem Zimmer haben soll. Was würden Sie darauf antworten?

Ein totales Nein. Ich finde es ein Verbrechen an einem Kind, wenn man ihm einen Fernseher ins Zimmer stellt. Und da sind sich auch alle Pädagogen und gebildeten Eltern einig. Prozentual stehen die meisten Fernseher und Computer in Kinderzimmern der Unterschicht. Der Mangel an Bildung führt zu einem gefährlichen Umgang mit den Medien. Wir müssen daher dafür sorgen, dass sich alle Kinder bilden können. Daher die Forderung nach Einführung der Ganztagsschule.

Es gibt also nicht die Notwendigkeit einer neuen "Erziehung im Digitalen", sondern die traditionelle, gleichsam analoge Erziehung behält ihre Gültigkeit und müsste dann für neue Medien umgesetzt werden?

Es ist meiner Ansicht nach ein Fehler, wenn man glaubt, dass der Umgang mit dem Internet nur dadurch gelernt wird, dass man frühzeitig dieses Medium dauernd benutzt, z.B. in der Schule oder im Kinderzimmer. Das, was ich für den Umgang mit dem Internet brauche, ist Bildung. Die kann jeder auf herkömmliche Weise erwerben.

Wie haben Sie in Ihrer Zeit als Leiter des Internats Schloss Salem für Ihre Schüler Regeln formuliert, die das Internet betreffen?

Solange ich Leiter von Salem war, war das Bewusstsein darüber, dass man diesen Bereich regulieren muss, noch nicht so ausgeprägt. Die jüngeren Schüler, also die Unterstufe und die Mittelstufe, hatten nur ganz geringen Zugang zu Internet und Computern. Nur den letzten Jahrgängen war das freigestellt. Wir sind davon ausgegangen, dass man erst mit 18 Jahren weiß, wie man mit dem Medium umgeht. Das hat sich heute geändert. Insofern ist die Aufgabe, diesen Bereich zu regulieren, eigentlich eine Aufgabe nach meiner Zeit geworden.

Gibt es heute in Salem andere Internet-Regeln?

In der Unterstufe, bis einschließlich der 7. Klasse, gibt es praktisch gar keinen freien Zugang zum Internet. Ab der 8. Klasse haben die Schüler Zugang nur zu bestimmten Tageszeiten mit der Auflage, es nur für schulische Zwecke zu nutzen, was natürlich eine wohlwollende Annahme ist. Nachts sind die Computer gesperrt.

Dr. Bernhard Bueb wurde 1938 in Britisch-Ostafrika (heute Tansania) geboren. Er studierte Philosophie und katholische Theologie in München und Saarbrücken, wo er 1968 über das Thema Nietzsches Kritik der praktischen Vernunft promovierte. Bekannt wurde er als Leiter des Internats Schule Schloss Salem – dieses leitete er von 1974 bis 2005. Im Jahr 2005 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Sein Buch "Lob der Disziplin" (erschienen bei Ullstein) wurde ein Bestseller. Bueb lebt in Überlingen am Bodensee.

Das Gespräch führte Peter Widlok

INFOS ZUM ARTIKEL

Buch Cover

Bernhard Bueb: Lob der Disziplin – Eine Streitschrift. List, Berlin 2006, ISBN 3-471-79542-1.

Bernhard Bueb: Von der Pflicht zu Führen. Neun Gebote der Bildung. Ullstein, Berlin 2008, ISBN 978-3550087189.

Micha Brumlik (Hrsg.): Vom Missbrauch der Disziplin. Antworten der Wissenschaft auf Bernhard Bueb. Beltz, Weinheim 2007, ISBN 3-407-85765-9.


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