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21.06.2011
Wie kommen die Nachrichten ins Radio?
Eine Gesamtschulklasse beim Medientrainer Thomas Bruchhausen.
Robin sieht nicht unbedingt aus wie der typische Frühstücksfernsehen-Moderator. Eher so, als würde er sich zur Frühstücksfernsehen-Zeit normalerweise mühsam aus dem Bett
quälen und dann schnell zum Bus sprinten, um nicht zu spät zur Schule zu kommen. Trotzdem, er gibt sich selbstbewusst: „Herzlich willkommen zum Sat.1-Frühstücksfernsehen." Robin zögert.
Er ist mit seiner Kreativität schon am Ende. "… und nun zum Gewinnspiel." Immerhin - das professionelle Moderatoren-Lächeln klappt schon ganz gut. Doch statt in Fernsehkameras lächelt
Robin in die Gesichter seiner Mitschüler.
 Medientrainer Thomas Bruchhausen erklärt den Schülern die Aufnahmegeräte. Foto Jasmin Maxwell
Radio auf dem Stundenplan
Frühstücksfernsehen steht heute in der Erich-Kästner-Gesamtschule in Duisburg eigentlich nicht auf dem Stundenplan - sondern Radio. Deshalb hat Moderator Robin ein Aufnahmegerät
um den Hals hängen, trägt Kopfhörer und hält sich selbst ein Mikrofon unter die Nase. Bei einem viertägigen Radio-Projekt sollen Achtklässler lernen, was hinter dem Programm von "einslive" und
Co. steckt. Die Jugendlichen sollen eigene Radio-Beiträge produzieren, die später bei „Radio Duisburg" gesendet werden.
Medienkompetenz heißt das Zauberwort. Um die zu vermitteln, ist Thomas Bruchhausen an die Schule gekommen. Bruchhausen ist Medientrainer. Er leitet das Medienkompetenzzentrum EXLEX
in Mönchengladbach und bietet im Namen der Landesanstalt für Medien (LfM) NRW Medien-Projekte an Schulen an. Der 46-Jährige wirkt jünger, als er ist. In der Vorstellungsrunde fragt ihn eine
Schülerin nach seinem Alter. „Rate mal", sagt Bruchhausen. "35 bis 43?", schätzt sie. Das machen wohl der sportliche Pulli und die kurzgeschorenen Haare.
Nur keine Routine
Mit Jugendlichen hat Bruchhausen durch seine Projekte viel Erfahrung und weiß, wie er sie aus der typischen gelangweilten Coolness herausreißen kann. Erst müssen sie die Tische
verschieben, bis der Raum nicht mehr aussieht wie ein Klassenzimmer. Dann teilt er die Aufnahmegeräte aus. Berührungsängste mit Technik haben die Schüler nicht. Schnell halten sie sich gegenseitig
Mikros unter die Nase, interviewen sich. Don und Leonard lachen Tränen, als sie sich ihre Aufnahmen anschließend noch mal anhören. Sie haben die Schnell-Abspiel-Taste entdeckt - Mickey-Maus-Effekt
inklusive. Die Bedienung der Technik macht anscheinend weniger Probleme, als in die Rolle von Journalisten zu schlüpfen. Da versteckt sich so mancher hinter Phrasen, die er aus dem Fernsehen kennt.
Medien sind ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens dieser Jugendlichen. Bevor das Projekt losgeht, werden schnell noch die neusten Entwicklungen im Dschungelcamp diskutiert -
rein statistisch könnte sich jeder Zweite von ihnen die Sendung auf einem eigenen Fernseher ansehen. Doch nicht nur Jugendliche
sind gut ausgestattet - jeder Sechs- bis 13-Jährige sieht laut einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbandes Südwest
mehrmals die Woche fern. Jeder Dritte zwischen zwölf und 19 Jahren besitzt einen eigenen Computer, bei Handys herrscht sogar Vollausstattung - auch in der achten Klasse der Erich-Kästner-Schule.
"Wer von euch hat kein Handy?", fragt Bruchhausen in die Runde. Das brauchen die Schüler, wenn sie am nächsten Tag in der Duisburger Innenstadt Umfragen durchführen sollen. Niemand meldet sich.
 Technische Geräte bedienen - für die Jugendlichen kein Problem. Foto: Jasmin Maxwell
Medientraining - ist das überhaupt nötig?
Offensichtlich können Kinder und Jugendliche mit technischen Geräten also gut umgehen - ist Medienkompetenz-Training dann überhaupt noch nötig? Ja, meint Ulrike Wagner. Sie ist
Direktorin des Instituts für Medienpädagogik in München und sagt: „Die Medienausstattung sagt grundsätzlich nichts über die Medienkompetenz aus."
Das heißt: Den Fernseher anzustellen und das richtige Programm einzuschalten, um das Dschungelcamp zu gucken, ist kein Problem. Wie aber das zu bewerten ist, was die Prominenten da im Dschungel
anstellen, welche Interessen hinter einer solchen Sendung stecken und wie sie produziert wird - dieses Wissen kommt nicht von alleine. „Alle Erfahrung ersetzt nicht das Nachdenken über die Erfahrung",
sagt Volker Ladenthin, Pädagogik-Professor an der Universität Bonn.
Ausbaufähige Unterstützung
Das weiß auch Gesa Lüß, die das Projekt von Schulseite begleitet. „Ich stelle fest, dass die Schüler technisch eher oberflächliche Kompetenzen haben", sagt sie. Die Jugendlichen
wissen etwa, wo sie im Internet suchen müssen, wenn sie für ein Referat Informationen brauchen, kennen sich mit Google und Wikipedia aus. „Aber wie die Informationen zu bewerten sind, was
verlässliche Quellen sind - dabei brauchen sie Unterstützung", meint Ulrike Wagner. Diese Unterstützung erhalten sie nach ihrer Einschätzung in Schulen noch nicht genug.
In Untersuchungen hat das Institut für Medienpädagogik Hauptschullehrer zum Einsatz von digitalen Medien befragt. Das Ergebnis: Viele fühlen sich überfordert damit, neben den
regulären Unterrichtsinhalten auch noch Medienkompetenz zu vermitteln. An der Stelle kommt Medientrainer Thomas Bruchhausen ins Spiel. Es sei ein Luxus, meint Gesa Lüß, ihn für vier Tage an der
Schule zu haben. „Klar kommen im normalen Unterricht auch ab und zu mal Medien vor. Aber hier kommt ein reales Produkt raus, das ist etwas Anderes, als so etwas im Unterricht nur zu simulieren."
 Beim Interviewtraining schlägt Coolness in echtes Interesse um. Foto Jasmin Maxwell
Orientierungshilfe nicht nur in der Medienwelt
Tatsächlich schlägt die Coolness der meisten Jugendlichen schnell in echtes Interesse um. Auch die Interviews werden ernsthafter. Robin interviewt Mitschülerin Nam über ihre
Lieblingssportart - Downhill Biking. Ein ungewöhnliches Hobby - Robin fragt interessiert weiter, ganz ohne großspurige Moderatoren-Gesten. Später am Tag überlegen die Jugendlichen sich dann
Themen, zu denen sie am nächsten Tag in der Fußgängerzone Passanten befragen wollen. Am Ende stehen fünf Themen: Fitness, Fußball-WM, Nahverkehr, Schule früher und heute und Traumberufe.
Selbstbestimmt leben
Dass Kinder und Jugendliche lernen, in den Medien ihre eigene Interessen einzubringen, das hält Ulrike Wagner vom Institut für Medienpädagogik für zentral: „Das hilft ihnen, zu
einer souveränen Lebensführung zu kommen." Medientraining also nicht nur als Orientierungshilfe in der Medienwelt, sondern als Orientierungshilfe in der Welt an sich. So sieht das auch Peter
Schwarz von der LfM, die Medienprojekte an Schulen finanziell fördert. Zwar sind auch Berufsorientierung und die Vermittlung von technischen Fähigkeiten Ziele der Medienprojekte. Das Grundanliegen
des Radioprojekts ist aber ein anderes. „Die Fähigkeiten, zu erzählen und zuzuhören und seine Meinung zu äußern, sind Kompetenzen, die ein Mensch für die Teilhabe an der Gesellschaft braucht",
sagt er.
Auch Medientrainer Bruchhausen macht manchmal die Erfahrung, dass er in den Kursen nicht nur Medienkompetenz vermitteln muss, sondern auch Sozialkompetenz. So muss er in der
Vorstellungsrunde am Anfang des Projektes, die eigentlich schon eine Art Interviewtraining sein sollte, erst mal auf Grundlegenderes eingehen: Was wünsche ich mir von einem Gesprächspartner?
Der sollte einem in die Augen gucken, freundlich sein, finden die Schüler. Und wie bringt man seinen Gesprächspartner dazu? Ihn vielleicht mal anlächeln.
„Eine gigantische Aufgabe"
„Medienkompetenz ist eine gigantische Aufgabe", sagt Bruchhausen. Er macht sich nicht die Illusion, die an nur vier Tagen abzudecken. „Das ist eine Querschnitts-Aufgabe, damit
muss man schon in der Grundschule beginnen." Er führt schon ab Klasse 3 Medienprojekte durch. Drittklässler für ein solches Projekt zu begeistern, ist sicher mitunter leichter als pubertierende
Achtklässler. Immerhin - bis zur Mittagspause ist es Bruchhausen gelungen, einige Schüler soweit zu motivieren, dass sie freiwillig ihre Pause opfern, um im Schulgebäude ihre Mitschüler zu
interviewen. Robin ist nicht darunter. Radio-Interviews zu führen scheint nicht so ganz sein Ding zu sein - auch eine Erkenntnis. Vielleicht ist er doch mehr der Frühstücksfernsehen-Typ.
Jasmin Maxwell

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