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11.07.2011
„News of the World“ in Aachen
An einem medienhistorisch relevanten Wochenende wurde das Internationale Zeitungsmuseum in Aachen wiedereröffnet.
„Du sollst Deine Fehler richtig stellen. Du sollst zwischen Verdacht
und Schuldbeweis unterscheiden. Du sollst …“ Mahnend hängen die Regeln des Deutschen
Presserats wie die „zehn Gebote“ an einer der Ausstellungswände im Internationalen
Zeitungsmuseum. Sie zeigen, worauf es den Initiatoren der Ausstellung ankommt:
„Wir wollen die Medienwelt besonders für junge Leute transparenter machen“, sagt
Meike Thüllen, Vorsitzende des Fördervereins für das Internationale Zeitungsmuseum,
die als geistige Mutter des Projekts gilt.
Internationales Zeitungsmuseum Aachen. Foto: Stadt Aachen/P. Hinschläger
Ihr liegt besonders am Herzen, dass Jugendliche überhaupt erfahren, welche Rolle
Journalisten in der Gesellschaft spielen. Deshalb tönt es aus kleinen Bildschirmen,
dass Journalisten Schleusenwächter im „massenmedialen Kommunikationsprozess“ sind.
Und dass es eben überhaupt einen Presserat gibt, an dessen Regeln sich Journalisten
auch halten sollten.
Bürgerliches Engagement
„Es begann mit einer Zeitungslektüre“, erzählt Meike Thüllen.
Sie las in den Aachener Nachrichten im Januar 1993, dass das Zeitungsmuseum
geschlossen werden sollte. Das spornte sie an, wenig später einen Aufruf in
derselben Zeitung zu starten: „Suchen Helfer für das Zeitungsmuseum“. Etwa 15
Interessierte meldeten sich, gründeten einen Förderverein und krempelten die
Ärmel auf. Die Suche nach Sponsoren und geistigen Unterstützern begann, um dem
alten Museum eine Frischzellenkur zu verpassen. Und plötzlich öffneten sich auch
Finanzierungstüren für das engagierte Team. Ihre Idee für ein neues Internationales
Zeitungsmuseum wurde zum Leitprojekt der Euregionale 2008 und damit standen 3,4 Mio.
Euro vom Land NRW und der EU für den Umbau zur Verfügung.
Das Internationale Zeitungsmuseum Aachen Foto: Stadt Aachen/P. Hinschläger
Der Ausstellungsraum „Wahrheit und Lüge“ empfängt den Besucher
mit einem Blitzlichtgewitter von Paparazzi-Fotografen. Damit wird für jeden
erfahrbar, wie es sich anfühlt im Mittelpunkt der Medienwelt zu stehen.
Dass man nicht allem glauben kann, was man auf Bildern sieht, können die Besucher
ebenfalls auf einem interaktiven Bildschirm selbst ausprobieren. Berührt man ihn,
verschwindet plötzlich das Pferd, das neben einem Mann stand und das Bild wirkt
genau so echt wie vorher.
Alles ist möglich
Durch die digitalen Raffinessen in unserer modernen Medienwelt
ist inzwischen fast alles möglich, das wird dem Besucher hier recht schnell klar.
Dabei fing alles so beschaulich an. In der Zeit der Aufklärung gab es
beispielsweise noch Lesegesellschaften, die sich nur eine Zeitung
gemeinsam leisten konnten. „Dort haben sich Menschen zusammengeschlossen,
haben die zusammen durchgelesen und dann darüber gesprochen“, erzählt
Museumsdirektor Andreas Düspohl. Damals war die Zeitung eben noch ein
kostbares Gut, das sich längst nicht jeder leisten konnte, auch das zeigt
das Internationale Zeitungsmuseum. Aber mit der Entstehung der Zeitungen
begann allmählich die Entwicklung der Massenmedien.
Foto: Stadt Aachen/P. Hinschläger
Rund 200.000 Zeitungen aus fünf Jahrhunderten liegen im Archiv
des Museums, aber nur ein kleiner Teil wird in den Schubladen der
Ausstellungsvitrinen unter Plexiglas oder auf Bildschirmen gezeigt.
Zum Beispiel Blätter, die zensiert wurden, wie die „Neuen Rheinische
Zeitung“ im Mai 1849, in der Karl Marx Chefredakteur war. „Erst-, Letzt-
und Sonderausgaben waren die ursprünglichen Kriterien, nach denen der
Aachener Zeitungssammler Oskar von Forckenbeck seine Kollektion zusammenstellte“,
berichtet Museumsdirektor Düspohl.
Zeitgeschichte
„Rupert Murdochs „News of the world“ werden wir natürlich mit
in unser Archiv übernehmen“, strahlt er. Und Düspohl hat noch einen Tipp für
wahre Zeitungsliebhaber: Wer tatsächlich mal das ein oder andere Blatt selbst
in den Händen halten möchte, der kann danach fragen. Einzelne historische
Zeitungen werden auf Wunsch in den Lesesaal des Museums gebracht, und dort
kann man dann in aller Ruhe in der ausgesuchten Zeitung blättern und schmökern.
Gerade Zeitungen, die älter sind als 1850, wurden meist noch aus besserem Papier
hergestellt, so Düspohl, und deshalb hat er keine Bedenken, einige Ausgaben aus
dem Archiv freizugeben. Die einzige Voraussetzung sei, dass man beim Blättern
weiße Handschuhe trüge.
Foto: Stadt Aachen/P. Hinschläger
Auf einem großen interaktiven Bildschirm ist eine Weltkarte
abgebildet, die man mit der Hand verschieben und vergrößern kann. Tippt der
Besucher auf ein Land, so erscheint eines der dort veröffentlichten Blätter.
In Nordamerika beispielsweise wird das Titelbild einer „New York Times“ Ausgabe
gezeigt und einige Informationen zu Auflage und Leserschaft. So bekommt der
Besucher einen Eindruck von international erscheinenden Blättern. Gleich nebenan
wird Medienverhalten von gestern und heute auf riesigen Leinwänden kontrastierend
vor Augen geführt: Auf einer Leinwand ist eine Familie samt Hund vor dem Fernseher
abgebildet und daneben hängt die Aufnahme eines kleinen Mädchens, das mit dem
I-Pad allein auf dem Sofa sitzt.
Medien-Überfluss
Wohin entwickelt sich unsere Medienwelt und welche Zukunft hat
die Zeitung? Diese Fragen will und kann die Ausstellung nicht beantworten.
Dafür darf der Besucher in einem sogenannten Chaosei selbst spüren, was es
bedeutet, dass sein Gehirn dem täglichen Informationsüberfluss ausgeliefert
ist. Dort sitzt man wie in einem Raumschiff und auf einem Bildschirm wird
mit bunt blitzenden Lichterstreifen simuliert, wie ständig Informationen und
elektronische Bilder auf uns niederprasseln.
Aber ganz perspektivlos wird der Besucher nicht aus der Ausstellung
entlassen. Auf kleinen Bildschirmen geben Wissenschaftler und Journalisten ihre
Einschätzung zur Zukunft der Zeitung. Zum Beispiel Bild-Chefredakteur Kai Diekmann:
„Zeitungen, die ein Alleinstellungsmerkmal haben, werden noch sehr lange erfolgreich
sein.“ Und die WDR-Journalistin Sonja Mikich glaubt an eine friedliche Koexistenz von
Papier und Elektronik: „Ich glaube auch, dass es immer noch sehr viele Menschen gibt,
die dieses Haptische mögen. Und sie können mit einem I-Pad einfach nicht rascheln.“
Bettina Köster

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