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27.07.2007
Garantiert nicht sexy
Ein TV-Spartensender der besonderen Art
wird ab Herbst in Brandenburg starten: EOS TV bezeichnet sich
selbst als Trauerkanal.
Der Tod ein Tabu in unserer Gesellschaft, das
Bestattungsgewerbe seit vielen Jahren um einen Imagewandel
bemüht. Beides gute Gründe für einen eigenen
TV-Kanal zum Thema Trauer, finden der Fachverlag des deutschen
Bestattungsgewerbes und Wolf Tilmann Schneider, ein ehemaliger
Sat.1-Manager. Gemeinsam haben sie bei der Hessischen Landesanstalt
für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen)
eine Fernsehlizenz beantragt. Im November will EOS
TV starten. Aber um die Toten soll es gar nicht gehen, sondern
um die Lebenden. Wie werden sie mit der Trauer fertig, wie
gestalten sie die Jahre im Alter, wie bereiten sie sich auf
ihren Tod vor? funkfenster online im Gespräch
mit Dr. Kerstin Gernig vom Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes.

Dr. Kerstin Gernig, Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes
funkfenster
online: Woher kommt der Name "EOS TV"?
Dr. Kerstin Gernig: Es sollte ein Name sein,
der auch international einsetzbar ist. Wir wollen in Deutschland
starten, haben aber auch die Perspektive, weltweit zu expandieren.
Wie ist die Idee für einen Sender über
das Thema Bestattungen entstanden?
Wolf Tilmann Schneider, der lange für Sat.1
gearbeitet hat, ist auf uns zugekommen. Schneider hatte sich
bereits zwei Jahre lang mit der Entwicklung dieses Senderkonzepts
befasst. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass uns der Tod
zwar alle angeht, jedoch auch von vielen verdrängt wird,
wenn sie ihn nicht unmittelbar erleben. Vor allem jüngere
Menschen verdrängen dieses Thema oft. Es gibt also ein
Defizit, was die Informationen über den Tod und alles,
was damit zusammenhängt, angeht. Außerdem, welche
Seite wird in den Zeitungen als erstes aufgeschlagen: die
Seiten mit den Todesanzeigen. Also, die Menschen wollen wissen,
wer in ihrer Stadt verstorben ist.
An wen wendet sich EOS TV?
Unsere Zielgruppe sind die Zuschauer, die älter
als sechzig sind. In diesem Alter beginnen die Menschen, sich
zum Beispiel mit Bestattungsvorsorge oder Trauerritualen auseinander
zu setzen.
Wie finanziert sich das Programm?
Die Finanzierung steht auf drei Säulen.
Die erste Säule sind die Trauernachrufe, die in zwei-
bis dreiminütigen filmischen Beiträgen, basierend
auf Fotos- und Videobeiträgen, an Verstorbene erinnern.
Die zweite Säule bilden unsere Programmpaten aus den
Wirtschaftsbranchen, die für ältere Menschen relevant
sind, also beispielsweise Pflegeheime oder Treppenlifthersteller.
Die dritte Säule der Finanzierung werden voraussichtlich
Fördermittel aus Berlin-Brandenburg sein, weil mit dem
Sender auch Arbeitsplätze geschaffen werden.
Ist die dritte Finanzierungssäule so
zu verstehen, dass ihre Programmpartner, also Unternehmen
wie beispielsweise Treppenlifthersteller, Beiträge über
ihre Produkte gegen Entgelt in ihrem Programm unterbringen
können?
EOS TV wird weder ein Werbe- noch ein Verkaufskanal
sein, sondern ein seriöses Informationsprogramm. Sie
kennen das vielleicht aus dem Fernsehen schon, dass nach einem
Beitrag der Vermerk "Diese Sendung wurde gesponsert von..."
eingeblendet wird. In diese Richtung wird das bei uns auch
gehen.
Mit Journalismus hat das dann aber nicht
mehr viel zu tun.
Doch, selbstverständlich. Wir werden journalistische
Arbeitsplätze schaffen und ein Filmteam engagieren, das
sich auf diese speziellen Themen konzentriert.

Fachverlag des deutschen Bestattergewerbes
Wenn
der Auftraggeber eines Beitrags nicht der Sender selber ist,
sondern ein zahlender Kunde, kann dann ihre Berichterstattung
überhaupt objektiv sein?
Wir werden einen ethischen Beirat für EOS
TV gründen, um sicherzustellen, dass unsere Informationen
seriös und neutral dargestellt werden. Außerdem
überlegen wir, noch einen Schritt weiterzugehen und wollen
eine "EOS Zertifizierung", vielleicht in Zusammenarbeit
mit der Stiftung Warentest, kreieren. Mit Hilfe dieses Gütesiegels
könnten wir zum Ausdruck bringen, dass die von uns empfohlenen
Produkte oder Dienstleistungen seriös sind. Gerade für
ältere Menschen ist es sehr schwer, sich bei dem heutigen
Überangebot an Informationen zurecht zu finden. Man kann
nicht einfach mal in fünf verschiedenen Pflegeheimen
zur Probe wohnen. Unsere Programmpaten fungieren als Ideengeber.
Und die Bestattungsunternehmen werden unser Programm weder
finanzieren noch sponsern, sondern stehen als qualifiziertes
Netzwerk zur Verfügung.
Was verstehen Sie unter filmischen Nachrufen?
Wir sind bereits angesprochen worden, Filme
von Menschen zu drehen, die noch leben. Das, was man von Prominenten
kennt, dass geschnittene Beiträge über ihr Leben
nach ihrem Tod im Fernsehen gesendet werden, wollen wir auch
ganz normalen Menschen ermöglichen. Wir sehen diesen
Programmbestandteil als Teil der Erinnerungskultur, die vor
Jahrhunderten mit Gemälden begann. Mit dem Aufkommen
der Fotografie wurden dann Fotos von Verstorbenen, was nur
wenige wissen, zu einer sehr lukrativen Einnahmequelle für
Fotografen. Heute, in der Technik affinen Zeit, kommen Videos
und das Internet ins Spiel. Junge Leute würden sich heute
eher einen Film anschauen, als in einem Fotoalbum zu blättern.
Parallel zu unserem TV-Angebot werden wir auch im Internet
vertreten sein, um diese Zielgruppe zu erreichen.
Wie lang wird das tägliche Programm
sein, und wie wird es aussehen?
Uns ist natürlich klar, dass sich kein
Mensch jeden Tag 24 Stunden lang vor einen Trauerkanal im
Fernsehen setzt. EOS TV wird also kein reiner "Trauersender"
werden. Wir werden ein Programm zu Themen gestalten, bei denen
viele Menschen Berührungsängste haben. Ein gutes
Beispiel ist die Bestattungsbranche. Nur wenige Menschen wagen
es, ein Bestattungsinstitut zu betreten, um sich zu informieren.
Aus einem Aberglauben heraus scheinen manche davon auszugehen,
dass sie mit dem Betreten eines Bestattungsinstituts den Tod
herauf beschwören. Diese Berührungsängste gibt
es auch, weil viele nicht mitbekommen haben, wie sich die
Branche verändert hat. Es gibt die Ausbildung zum Bestatter
seit 2003. Vieles, wofür früher die Kirche zuständig
war, wird heute vom Bestatter gemacht. Der erste Anruf bei
einem Todesfall gilt heute nicht mehr dem Pfarrer, sondern
dem Bestatter. Seelsorge ist zu einer der Hauptaufgaben der
Bestatter geworden. Wir planen Sendungen über Bestattungsvorsorge,
aber auch über Pflegeheime oder Produkte für ältere
Menschen, wie beispielsweise Treppenlifte. Bei EOS TV können
Sie sich anonym und unverbindlich über Themen mit hohem
Nutzwert informieren. Aber Sie können ganz beruhigt sei:
Es wird keine Sargwerbung geben. EOS TV wird generell keine
Werbespots senden.
Haben Sie auch Ambitionen, jüngere Zuschauer
für Ihr Programm zu gewinnen?
Wir haben nicht die Absicht zu missionieren,
oder Menschen dazu zu bringen, sich mit dem Thema Trauer auseinander
zu setzen. Unser Ansatzpunkt ist ein anderer. Wir beobachten,
was sich in der Bestattungsbranche tut. Es gibt beispielsweise
eine Zunahme anonymer Beisetzungen, und das hat Gründe.
Über die Gründe und Auswirkungen der aktuellen Trends
wollen wir informieren.
Auf welchen Wegen soll EOS TV ausgestrahlt
werden?
Zunächst wird EOS TV über Satellitenfernsehen
und Internetfernsehen zu empfangen sein. Wenn wir uns etabliert
haben, können wir uns auch gut vorstellen, dass die öffentlich-rechtlichen
das Programm übernehmen. Zunächst werden wir nur
ein dreistündiges Programm ausstrahlen, das wir aber
ausdehnen wollen.
Welche weiteren Inhalte planen Sie?
Dem Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes
als Mitgesellschafter liegt es am Herzen, die Bestattungskultur
nicht verfallen zu lassen. Daher wird es bei EOS TV auch Dokumentationen
über Friedhöfe geben. Bekannte Friedhöfe, wie
der Père Lachaise in Paris, sind eigentlich Freilichtmuseen,
die uns viel über unsere Vorfahren sagen. Mein persönlicher
Wunsch wäre eine Diskussionsrunde im Programm, weil es
zum Thema Tod und Trauer so viele Fragen gibt, für deren
Beantwortung wir Experten ins Studio einladen könnten.
Einerseits also ist der Tod ein Tabu, andererseits aber ist
er in Filmen allgegenwärtig. Es gibt unzählige Krimileichen,
Jugendliche wachsen damit quasi auf.

© Vox
Im
Fernsehen ist eine US-Serie namens "Six feet under"
erfolgreich, die sich mit dem Leben in einer Bestatterfamilie
beschäftigt. Sehen Sie so etwas wohlwollend?
Die Serie finde ich ausgesprochen gut gemacht,
weil sie zeigt, dass Bestatter ganz normale Menschen sind.
Ein echtes Novum ist hier, dass Bestatter die Protagonisten
sind. Diese Serie zeigt, dass die Branche bild- und filmwürdig
ist. Das trägt zu einer Normalisierung bei, die vielleicht
bewirkt, dass der Tod ins Leben zurückehrt, dorthin,
wo er hingehört.
Soll EOS TV auch dem Zweck dienen, dem Bestattungsgewerbe
ein besseres Image zu geben?
Wir wollen über die Entwicklungen der Branche
aufklären. Der Bestatter ist ja seit 2003 ein Ausbildungsberuf,
wir haben ein Fachzeichen, dass nur zertifizierten Unternehmen
verliehen wird. Eine Bestattung ist ein einmaliges Ereignis,
ohne Generalprobe und ohne Wiederholungsmöglichkeit.
Was da schief läuft, ist für immer schief gelaufen.
Daher ist es wichtig, sich zu informieren, und dabei wird
EOS TV helfen.
Können Sie verstehen, dass Menschen
einen TV-Sender, der sich mit Bestattungen befasst, bizarr
finden?
Ja, das kann ich verstehen. Das hat es ja auch
bis jetzt noch nicht gegeben und gibt es überdies auch
in keinem anderen Land. Die Bestattungsbranche taucht nicht
im Horizont der meisten Menschen nicht auf. Auf den zweiten
Blick wirkt ein solches Fernsehprojekt aber schon nicht mehr
bizarr, weil es einen Themenkreis umschließt, der immens
wichtig ist. Es ist ein mutiger Schritt von Seiten der Bestatter,
aber auch von Seiten der Medien, sich eines solchen Themas,
das nun wirklich nicht sexy ist, anzunehmen.
Welche Rolle spielt die demografische Entwicklung?
Die spielt eine wichtige Rolle, ich glaube sogar,
dass die Idee für einen solchen Sender in der Luft lag.
850.000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland.
Wann soll es losgehen?
Im klassischen Trauermonat natürlich, im
November.
Das Interview führte Bettina
Schmieding.

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