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Medien allgemein

Im Namen der Quote

Und wieder wird ein neues Format-Schwein durchs audiovisuelle Dorf getrieben. Gerichtsshows lösen die Daily Talks ab. Und alle, (fast) alle machen mit ...

Auch wenn Gerichtssendungen vom Schlage "Wie würden Sie entscheiden" schon seit den 60er Jahren im deutschen Fernsehen existieren: Der neue Trend kommt, wie sollte es auch anders sein, aus den USA. Dort verfolgte 1995 eine ganze Nation über Monate hinweg den live übertragenen Prozess gegen den ehemaligen Football-Star O. J. Simpson. Nicht nur der sich ganz auf Gerichtsübertragungen spezialisierte Kabelsender Court TV erlebte daraufhin Einschaltquotenrekorde. Mit "Judge Judy" ging wenig später eine Gerichtsshow auf Sendung, die zwischenzeitlich sogar die Talkmutter der Nation Oprah Winfrey auf die hinteren Quotenränge verwies. Durchschnittlich 10 Millionen Zuschauer in den USA können nicht irren, dachte sich da Sat1 und brachte im Herbst 1999 mit "Richterin Barbara Salesch" eine getreuliche Kopie ins Programm. Das Konzept war, wie bei vielen Erfolgsformaten, relativ einfach: Echte Menschen mit echten Emotionen vertrauen ihre Anliegen einer echten Richterin zur Entscheidung an. Das gefällte Urteil war allerdings nur deshalb gültig, weil alle Beteiligten im Vorfeld schriftlich erklärten, es auch zu akzeptieren: keine "wirkliche" große Gerichtsverhandlung also, sondern ein Schiedsgericht, das Bagatellfälle behandelt. Doch solche Feinheiten hängten die Verantwortlichen lieber nicht an die große Glocke. Der besondere Eventcharakter sollte ja erhalten bleiben.

Schleppender Start

Barbara SaleschDabei war "Richterin Barbara Salesch", zunächst werktäglich nach 18 Uhr ausgestrahlt, nicht sofort ein Erfolg. Mit mageren acht Prozent Marktanteil gestartet, wurde ihre Sendung von den meisten Zuschauern erst dann wahrgenommen, als Stefan Raab sich des Maschen-Draht-Zaun-Falles annahm. Das Lamento der Vogtländerin Regine Zindler über den nachbarlichen Knallerbsenstrauch, der angeblich ihren Zaun rosten ließ, fand den Weg in die Hitparade und machte deutlich, dass die Gerichtssendungen vom Schlag Barbara Salesch im Grunde eine Fortsetzung der Daily Talks mit anderen Mitteln sind. Die Zutaten: mehr oder weniger merkwürdige Zeitgenossen mit mehr oder weniger merkwürdigen Problemen. Dazu: Konflikte, Emotionen. Was bei Sonja zum Thema: "Ich schlafe mit der Mutter meines besten Freundes" geronnen wäre, heißt bei "Richterin Barbara Salesch": "Die Mutter meines Freundes – Wilden Sex hatte der 15jährige Mark mit der Mutter seines Freundes. Hat Cora den unerfahrenen Teenager wirklich gegen seinen Willen entjungfert?" Schon längst sind die Fälle der Barbara Salesch nicht mehr authentisch, auch wenn dieses Image durchaus noch besteht. Die jetzt spektakuläreren "Fälle" und ein Vorziehen des Sendetermins auf den Nachmittag halfen, die öffentlich-rechtliche Konkurrenz "Streit um drei" im ZDF abzuhängen und den Ruch der Biederkeit los zu werden.

Sitzungssaal statt Talkshowstudio

Alexander HoldIm Unterschied zur Talkshow, bei der zum Schluss alle Fragen offen bleiben, wird in der Gerichtsshow festgestellt, wer denn nun im Recht ist. Es gibt ein Urteil – und alle müssen es als Lösung akzeptieren. Ob das der Grund für die steigende Beliebtheit der Sendungen ist, ist noch nicht untersucht worden. Tatsache ist jedoch, dass die Quoten der Daily Talks zwischen 1998 und 2001 teilweise über zehn Prozent zurückgegangen sind und die Sender auf das veränderte Zuschauerinteresse reagieren mussten. Nun gehört der Nachmittag bei Sat1 und RTL fast ganz den kleineren und größeren Gerichtsdramen – bei Quoten von jeweils um die 20 Prozent in der beliebten werberelevanten Zielgruppe der 19 bis 49-jährigen. Bei Sat1 entscheidet um 14 Uhr die Psychologin Angelika Kallwass in "Zwei bei Kallwass", wer moralisch integer ist und wer nicht. Das ist zwar keine Gerichtsshow im eigentlichen Sinn, aber die Dramaturgie ist die gleiche. Danach gibt es die mütterlich-patente Richterin Barbara Salesch und um 16 Uhr den schneidigeren Richter Alexander Hold, der mit seinen Kollegen von der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft echte Fälle fiktiv nachstellt. Auch hier sind alle Juristen wirklich Vertreter des Berufsstandes und keine Schauspieler, die Fälle jedoch teilweise so gestrickt, dass auch so mancher Fan im Sat1-eigenen Chat die Echtheit bezweifelte. RTL ist da offenherziger. Im Abspann seines werktäglichen "Jugendgerichts" heißt es: "Die Fälle sind frei erfunden."

Gerichtsshows vom Fließband?

Doch wichtiger als die Aufklärung über juristische Fragen oder die Aufarbeitung gesellschaftlicher Probleme anhand von Prozessen ist ohnehin die fernsehgerechte Inszenierung mit möglichst stereotyp gezeichneten Charakteren, mit denen sich das Publikum entweder identifizieren oder die es ablehnen kann. Diese klassische Unterhaltungskonstellation bringt Nachahmer auf den Plan. Das Branchendienst kressreport berichtete, dass der TV-Produzent Endemol die Show "Liebe vor Gericht" entwickeln will. Mutmaßlicher Abnehmer: RTL. Droht nun wieder eine Überversorgung wie weiland beim Talkshowboom am Nachmittag oder dem Quizboom zu später Stunde, der zunehmend die Fernsehkonsumenten zu ärgern scheint, wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag von TV Today herausfand? Programmalternativen sind bislang jedenfalls nicht in Sicht.

Brigitte Baetz

WEITERE INFORMATIONEN ZU DIESEM ARTIKEL

Court TV von Time Warner Entertainment und Liberty Media Corporation hat seit dem Start 1991 in den USA mehr als 700 Gerichtsverhandlungen gesendet.

Die New Yorker Richterin Judith Sheindlin sorgte mit der Gerichtsshow Judge Judy für Quote in den USA.


Drei Stunden täglich Psycho- und Gerichtsshows in Sat1 ...

Zwei bei Kallwass um 14.00 Uhr,

Richterin Barbara Salesch um 15.00 Uhr,

Richter Alexander Hold um 16.00 Uhr

gegen die öffentlich-rechtliche Konkurrenz

Streit um drei


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