Medien im Ausland
18.01.2010
Drei Länder – ein Problem
Dreiländertreffen der Initiativen Qualität im Journalismus.
In der aus deutscher Sicht doch so beschaulichen Schweiz ist dieser Tage ganz schön was los. Und Medien und Politik spielen eine große Rolle dabei. Von Filz ganz besonderer Art ist momentan viel zu hören und zu lesen. Zielscheibe sind ausgerechnet deutsche Professoren. Zu den Kritikern gehören einige eidgenössischen Medien und auch Parteien, wie die Schweizerische Volkspartei (SVP), die ihre Vorwürfe zum Teil mit offen nationalistischen Tönen gegen die Akademiker garnieren. Den deutschen Professoren wird unterstellt, sie würden nicht nur Posten besetzen, die eigentlich für Schweizer Bürger da seien, sondern auch - "Achtung Filz!" - Assistenten aus Deutschland mitbringen.
Der Tagesanzeiger in Zürich, liberal und weltoffen, konterte jetzt mit einem langen Kommentar zweier deutscher Professoren in Zürich. Der Text war deutlich auf Deeskalation der von Abstimmungen über Minarette belasteten Debatte ausgerichtet. Und das berühmte Cabaret Voltaire assistierte: Im Schaufenster in der Nähe des Limmatquai hängt seit Tagen ein Plakat: "Liebe deutsche Professoren, lasst uns mit dem Schweizer Filz nicht allein!"
Überleben in der Krise
Eine aufgeheizte Atmosphäre in den Medien also – die nur zum Teil überdeckt, dass sich Medienhäuser in der Schweiz, genauso wie in Deutschland und Österreich, große Sorgen um ihre Zukunft machen. So standen beim Züricher "Dreiländertreffen" der Initiativen Qualität im Journalismus (IQ) aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Überlebensstrategien von Zeitungen und elektronischen Medien im Mittelpunkt.
Ausgerechnet ein, nun ja, deutscher Medienprofessor las schweizerischen Verlegern im Medienmagazin Edito die Leviten – und hat sich wohl auch damit den Zorn einiger Schweizer zugezogen. Otfried Jarren, Ordinarius für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Zürich und Prorektor, konstatierte nämlich eine Managementkrise als Ursache der Misere. Jarren akzeptierte nur zum Teil das Argument, die wirtschaftliche Krise sei auf die Weltfinanzkrise zurück zu führen: "Bei der Entwicklung neuer Medien haben sich die Verlage in der Schweiz übernommen", sagte Jarren. "Verlage konnten über zu lange Zeit eine Strategie fahren, neue Medienanbieter vom Markt zu drücken oder aufzukaufen, statt mit publizistischen Produkten zu innovieren."
Kein Mangel an Tageszeitungen
Dabei ist die Vielfalt an Blättern in der Schweiz, oberflächlich betrachtet, erstaunlich. Das Land hat die höchste Zeitungsdichte in Europa – mit mehr als 70 Tageszeitungen. Doch die starke Stellung von Gratisblättern und der Rückgang an Werbeanzeigen zwangen etablierte Medienhäuser zum Umdenken: Die Verlagsgruppe des Tagesanzeiger (TA) etwa installierte einen Blatt übergreifenden "Newspool". Jetzt profitiert nicht nur der TA von mehr und besser recherchierten Nachrichten. Er verkauft sie auch an andere Tageszeitungen, etwa in Bern und Basel.
Res Strehle, Co-Chefredaktor des TA, sagte als Gast beim Dreiländertreffen, er sei zuversichtlich, dass die Halbierung der Erträge der letzten Jahre – "Erosion des Geschäfts" nannte er es - durch solche Maßnahmen aufgefangen werden könnte. Allerdings blieben nach Aussage von Strehle von ehemals 230 Vollzeitstellen im Verlagshaus nur noch 180 übrig. "Doch mit dem Newspool allein ist es nicht getan. Wir haben zusätzlich neue Schwerpunkte für unsere Arbeit festgelegt", sagte er. So gäbe es jetzt mehr Spielraum für zeitintensive Recherchen. Auch neue Bilderstrecken sollen neue Leser anlocken.
Tabula rasa
Einen Paradigmenwechsel ganz eigener Art, ist bei den privaten elektronischen Medien in der Schweiz zu beobachten. Das BAKOM (Bundesamt für Kommunikation) hatte vor drei Jahren die Lizenzen aller 41 Radio- und 13 TV-Stationen kassiert und sofort wieder ausgeschrieben. Eine neue Zulassung erhielten Antragsteller nur, wenn sie sich verpflichteten, feste Summen für technische Infrastrukturen, aber auch – und das war die eigentliche Neuigkeit – für Mitarbeiter und deren Aus- und Fortbildung bereitzustellen. 30.000 Franken waren etwa für die Fortbildung vorgeschrieben.
Matthias Ramsauer, Vizedirektor des BAKOM, schilderte auf dem IQ-Treffen, welche Konsequenzen diese Auflagen hatten: "Wir sind sicher, dass dieser Zwang für mehr Qualität in den Programmen gesorgt hat. Sender investieren nun, von uns nachprüfbar, mehr in die Ausbildung, und Mitarbeiter bekommen bessere Löhne als vorher."
"Beamten-Dilettanten"
Dieser Wandel hinterließ jedoch Wunden. "Beamten-Dilettanten" war, so erinnert sich Ramsauer, noch ein eher salonverträgliches Schimpfwort. Das BAKOM war damals für Programmveranstalter der Inbegriff eines ignoranten staatlichen Apparates.
Doch der Erfolg, so sieht es auch Prof. Vinzenz Wyss von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, gibt der Medienaufsicht letztlich Recht. Wyss ist einer von vier Evaluatoren, die im Auftrag des BAKOM Sender und ihre Programme untersuchen. "Früher gab es bei den Privaten so gut wie keine Aus- und Weiterbildung. Es hieß immer `Wir machen Weiterbildung – wir haben ja eine Redaktionskonferenz´". Erst der Druck der Medienaufsicht habe hier zu einer spürbaren Verbesserung geführt.
Ulrike Kaiser, Sprecherin der IQ Deutschland, schilderte die Lage in Deutschland als ernüchternd. Aus- und Weiterbildung hätten in Medienhäusern oft kaum einen Stellenwert, sagte sie: "Wir haben in Deutschland, was Medien betrifft, leider keine Weiterbildungskultur." Kein Wunder, dass der Beruf des Journalisten gegenwärtig so unattraktiv sei.
Meinrad Rahofer, Leiter der österreichischen Journalistenschule in Salzburg, zeichnete dieses negative Bild auch für Österreich. Für das Jahr 2010 hofft er auf Verbesserungen im Vergleich zum Vorjahr. "Wir beobachten mehr Zutrauen in die Zukunft." Zwei Fachhochschulen für Journalismus (in Graz und Wien) seien neu gegründet worden. Allerdings, so Rahofer, sind die beruflichen Aussichten für Absolventen auf mittlere Sicht nicht eben rosig. "Wir reden bei Berufseinsteigern eher von Praktika als von festen Stellen."
Das Treffen der um Qualität im Journalismus bemühten Experten in Zürich zeigte vor allem eines: In den gesättigten Medienmärkten der drei Nachbarländer Österreich, Schweiz und Deutschland sind Probleme wie Herausforderungen durchaus vergleichbar.
Peter Widlok