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11.02.2011
Letzte Ausfahrt Digitalradio
DABplus geht an den Start – und ist die letzte Chance für den digitalen terrestrischenHörfunk.
Dr. Gerd Bauer, DLM-Hörfunkbeauftragter
„Wir werden mit DABplus ein bundesweites Hörfunkangebot haben. Das hat es so – mit Ausnahme von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur –noch nicht
gegeben“, resümiert Dr. Gerd Bauer, Hörfunkbeauftragter der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten. Kein Vergleich sei dies zum ersten Anlauf von DAB auf
Länderebene vor rund zehn Jahren: „Damals bot DAB ja nichts Neues“, so Bauer.
Aber es gibt Hoffnung: Mit der geplanten Programmauswahl für das bundesweite Digitalradio ist Gerd Bauer durchaus zufrieden: „DABplus bietet Programme,
die es noch gar nicht oder nur regional begrenzt auf UKW zu hören gibt.“ Neben der stimmigen Programmausrichtung sieht Bauer bei DABplus wichtige Mehrwerte für
Autofahrer. Nicht nur wegen des länderübergreifenden Empfangs, sondern besonders durch zusätzliche Datendienste, wie zum Beispiel deutlich detailliertere
Verkehrsinformationen.
Einfach nutzbar, völlig mobil
Trotz Internet hat das Digitalradio noch nicht ausgedient: „DAB ist einfach in der Luft“, meint Ralf Reynolds, Regionaldirektor Zentraleuropa beim
Weltmarktführer für DAB-Radios, der Firma Pure aus Großbritannien. „DAB ist besonders einfach. Man muss nur das Radio einschalten und bekommt die zur Verfügung
stehenden Programme angezeigt.“ Keine WLAN-Passwörter, keine eingeschränkte Mobilität. „Unsere Kunden sind in Deutschland weniger Teenager als vielmehr Erwachsene,
die bei Dschungelcamp oder Superstar den Fernseher aus- und das Radio einschalten.“
Florian Novak, LoungeFM Foto: Stephan Rauch
Das Entspannungsradio LoungeFM aus Österreich debütiert dank DABplus in Deutschland. Der Sender experimentierte in der Vergangenheit viel mit
technischen Verbreitungsplattformen: „Wir waren das erste UMTS-Radio und wir haben uns am DVB-H-Projekt beteiligt“, zählt Geschäftsführer Florian Novak auf.
„Letztlich mussten wir feststellen, wie wichtig es ist, Verbreitungsplattformen zu wählen, zu denen es bereits die passenden Endgeräte gibt.“ Dass man mit DABplus
nicht die ganz junge Zielgruppe erreichen kann, ist für LoungeFM kein Problem: „Unser Programm ist ein Lifestyleprodukt. Es spricht Hörer von 20 bis 59 Jahren an.“
Radiofreunde sollt ihr sein
Eine breite Zielgruppe visiert auch das Fußballradio 90elf der Firma Regiocast an. Mit dem ursprünglich eingeschlagenen Internet-Only-Konzept konnte
der Sender aus Leipzig zwar zeigen, welch großes Potenzial in diesem Format steckt. Mit DABplus aber eröffnen sich Möglichkeiten, Autofahrer und wenig internetaffine
Hörergruppen besser zu erreichen. Aus gleichem Hause kommen die neuen Programme „RemiX Radio“, ein Format für elektronische Musik und „litera“ ein Programm rund um
Bücher und Literatur.
Best-Ager im Visier
Mit dem Klassikradio bislang in Deutschland per Kabel, Satellit und Internet zu empfangen – bietet das Digitalradio ein konstant hörbares Klassikprogramm
ohne kopflastigen Bildungsauftrag. Das völlig neue Programmradio Rauschgold adressiert die so genannten Best-Ager und somit eine Generation, die emotional stark mit dem
Radio verbunden ist. Die Radiomacher aus Nürnberg setzen auf Album-orientierte Musik, die nicht in den Charts gespielt wird.
 Hartmut Diehl, ERF
Mit dem Evangeliumsrundfunk (ERF) wird auch ein religiöses Programm im neuen bundesweiten Programmbukett nicht fehlen. „Weniger Ausstrahlungswege und die
einfachere Empfangsmöglichkeit bei ausschließlich digitalem Empfang machen es zukünftig leichter, die Angebote des ERF zu nutzen", hofft Hartmut Diehl, Vorstand Technik
und Marketing des ERF in Wetzlar. Der Einstieg des ERF ins Digitalradio folgt dem Vorbild des ERF-Programms Life Channel in der Schweiz. Dort ist man seit Oktober 2009
per DABplus auf Sendung und darf sich seither über steigende Hörerzahlen freuen.
Vorbild Schweiz
Betrachtet man die Fortschritte bei der DAB-Einführung in der Schweiz, sind die Hoffnungen der Radiomacher auf einen deutschen DABplus-Frühling nicht
unrealistisch. Der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG gelang ein DAB-Coup durch die Abschaltung des Volksmusikprogramms DRS Musigwälle, welches bis
dahin sein Dasein auf der Mittelwelle fristen musste. Nachdem das Programm Ende 2008 als
DRS Musikwelle zum DAB umzog, verdreifachte sich der Absatz von DAB-Radiogeräten.
Mit dem Eintritt der Privatsender werden die Deutschschweizer im Verlauf des ersten Quartals 2011 bis zu 28 DAB-Programme empfangen können. Mit 600.000 DAB-Radiogeräten,
davon eine halbe Million in der Deutschschweiz, erreicht man eine Haushaltspenetration von 18 Prozent.
Der deutsche Neuanlauf für das Digitalradio DAB geht immerhin mit interessanten Programmen an die Startlinie. Ob das ausreicht, um den Absatz von
DAB-Radios so zu beflügeln, dass Digitalradio auf mittlere Sicht finanziell tragfähig wird, entscheidet der Hörer.
2011 könnte man rundfunkhistorisch also als einmalig bezeichnen: Es ist das erste Mal, dass ein Rundfunkveranstalter mit einer Konzession in allen 16
Bundesländern auf Sendung gehen darf. Es ist das letzte Mal, dass sich ein Verbreitungssystem für das Radio auf den beschwerlichen Weg in den Markt machen wird.
Scheitert DAB, muss sich das Radio damit abfinden, keine eigene digitale Verbreitungsplattform mehr zu finden.
Mario Gongolsky

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