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NRW Medien

28.11.2005
Ein bisschen wie Oscar
Die Landesanstalt für Medien NRW verlieh zum 14. Mal den Hörfunkpreis für den privaten Rundfunk in Nordrhein-Westfalen.

Draußen erhellten Schneeflocken die dunkle Industriekulisse, drinnen zuckten Laserblitze durch die Halle. An festlich gedeckten Tischen saßen etwa dreihundert Gäste, darunter einige merklich angespannt. Auf der Bühne jonglierte Moderator Klaus-Jürgen "Knacki" Deuser ("NightWash") mit Bällen und mit Worten. Unten im Saal kündete ein riesiger Kranhaken, der an mächtigen Stahlseilen hing, von der Vergangenheit des ehemaligen Phoenix-Stahlwerkes, das wieder die Kulisse für die Verleihung des LfM-Hörfunkpreises bot. Nominiert waren knapp zwei Dutzend Beiträge. Am Ende verlieh die Jury sieben Mal die höchste Auszeichnung, zwei Anerkennungspreise und einen Sonderpreis.

Foto - Hörfunkpreisverleihung
Die Preisträger des 14. LfM-Hörfunkpreises - © FOX - Fotoagentur

Zwischen den Gala-Gästen schwebten elfengleich vier weiße Engel durch die Halle. "Ja, ist denn heut' schon Weihnachten?", scherzte ein Gast. Tatsächlich verließ er die Halle drei Stunden später reich beschenkt. Schließlich sind die Vollpreise mit jeweils 2.500 Euro dotiert, Anerkennungspreise bescheren den Gewinnern immerhin noch 1.250 Euro. Wichtiger noch als das Geld aber schien allen Preisträgern der begehrte Bühnen-Auftritt. Egal ob Oscar oder LfM-Hörfunkpreis: Da stieg so mancher wie Phoenix aus der Asche des Radioalltags und durfte sich im Licht erhellender Lobeshymnen und greller Bühnenscheinwerfer sonnen.

"Renaissance des klassischen Journalismus" - Inge Seibel-Müller

Dass der Hörfunkpreis in der Branche immer begehrter wird, macht die hohe Zahl der eingereichten Beiträge deutlich. In den journalistischen Sparten lagen der Jury 108 Tondokumente vor, von denen 28 die Endrunde erreichten. Die Jury-Vorsitzende Inge Seibel-Müller lobte "wahnsinnig viele gute Ideen" und die "große Kreativität" im NRW-Lokalfunk (siehe Interview). Jürgen Brautmeier, Stellvertreter des LfM-Direktors, pflichtete ihr bei: "Allen Unkenrufen zum Trotz stellt der NRW-Lokalfunk auch publizistisch eine Besonderheit dar."

Dreißig der 46 Lokalfunkstationen in Nordrhein-Westfalen versuchten diesmal einen der begehrten Preise zu ergattern. Zu den absoluten Gewinnern des Abends zählten schließlich mit jeweils zwei Prämierungen Radio Wuppertal und Antenne Unna. Die Wuppertaler Redaktion erhielt den LfM-Sonderpreis für die beste lokale Nachrichtentredaktion und durfte sich über einen Vollpreis für Sabrina Heuer freuen, die das Thema "Swingerclub" vom Tabu zur Preisreife entwickelte. Antenne-Unna-Chef Elmar Thyen feierte mit seiner Crew zwei Anerkennungspreise, die reichlich Diskussionsstoff boten.

Angeregte Diskussionen

Foto - Hörfunkpreisverleihung
© FOX - Fotoagentur

Dafür dass diese Aktion, Landtagskandidaten als Moderatoren für die Morning-Show vors Studio-Mikrofon zu lassen, einen Preis erhielt, hatten einige Kritiker im Publikum wenig Verständnis: "Wenn Journalisten das Mikrofon freiwillig Politikern überlassen, ohne selbst kritisch zu fragen, hat das mit Journalismus nicht mehr viel zu tun", monierte eine ehemalige Lokalfunk-Chefredakteurin beim Small-Talk während einer Pause.

Die meisten Gäste im Saal aber honorierten die preisgekrönte Idee mit lautem Applaus. Den gab es auch für die mit einem Anerkennungspreis ausgezeichnete lokale Werbekampagne von Antenne Unna, bei der Gefangene der Justizvollzugsanstalt Schwerte warnten: "In den Knast gehst Du allein. Häftlinge empfehlen: Bleib sauber!"

"Der Privatfunk wird erwachsen" ? Wolfgang Hahn-Cremer

Foto - Hörfunkpreisverleihung
Wolfgang Hahn-Cremer (rechts) mit Moderator "Knacki" Deuser. - © FOX - Fotoagentur

Zwischen Weiß- und Rotwein, zwischen Live-Musik ("Voice Acts") und eingespielten Hörproben der Sieger-Beiträge, zwischen Lobreden und "Knacki" Deusers augenzwinkerndem Lamento ("Deutschland ist ein Biotop des Jammerns") bestand während der Hörfunk-Preisverleihung in der etwas unterkühlten Industriekulisse immer wieder Gelegenheit zur Kontaktpflege. Die Veranstaltung avanciert zum unverzichtbaren Branchentreff. Wolfgang Hahn-Cremer, designierter Geschäftsführer der LfM Nova GmbH, sprach von einem Lokalfunk-Fest und forderte die am Hörfunk Beteiligten (zum Beispiel radio NRW) zu mehr konkreter Unterstützung auf, um auch im nächsten Jahr eine solche Veranstaltung durchführen zu können. Schließlich habe man sich im Konsensmodell stets zusammengerauft, und es sei "immer wieder etwas Positives daraus entstanden".

Generell zeigte sich der scheidende Vorsitzende der LfM-Medienkommission (siehe Interview) mit der Qualität des Lokalfunks ebenso zufrieden wie mit dem Verlauf der Preisverleihung. Und dann wurde gefeiert bis nach Mitternacht. Was viele nicht ahnten, war eine Überraschung zum Schluss, die den Abend für einige unvergesslich machen wird: Schnee auf den Straßen und stundenlanges Verkehrschaos bis in den frühen Morgen. Sicher auch so ein spannendes Thema für preisverdächtige Lokalfunk-Beiträge. Fortsetzung also vielleicht beim LfM-Hörfunkpreis 2006.

Matthias Kurp


 

Interview mit Inge Seibel-Müller,
Vorsitzende der Jury für Programmleistungen

Foto - Hörfunkpreisverleihung
Jury-Vorsitzende Inge Seibel-Müller
© FOX - Fotoagentur

Wie beurteilen Sie die Qualität der eingereichten Wettbewerbsbeiträge?
Wir hatten selten so viele Beiträge mit so vielen kreativen Ideen. Interessant ist vor allem, dass aufwändig produzierte Wort-Elemente wieder im Kommen sind und viele Stücke inzwischen auch wieder länger als neunzig Sekunden dauern, ohne dabei langweilig zu wirken.

Welche anderen aktuellen Trends lassen sich sonst noch feststellen?
Comedy-Beiträge verlieren offenbar ein wenig an Bedeutung, der klassische Journalismus mit gebauten Stücken erlebt eine kleine Renaissance, wird aber um moderne Mittel ergänzt. Ein Kompliment haben sich auch die vielen neuen Serien verdient.

Handelt es sich bei den eingereichten Beiträgen um Zufallserfolge oder steigt das Lokalfunk-Niveau generell?
Als Jury können wir nur das beurteilen, was uns vorgelegt wird. Jedenfalls fällt auf, dass es enorm viele Serien gibt, was für ein durchdachtes redaktionelles Konzept spricht. Ich glaube, dass die Redaktionen wieder mehr Wert auf ausgedehnte Hintergrundrecherche legen und auf eigene Themen.

Welchen der prämierten Beiträge fanden Sie besonders originell?
Ich fand zum Beispiel, dass Dirk Matlik in der Serie "Best of Pope Music" den Wirbel um die Papstwahl gut persifliert hat, ohne dabei christliche Gefühle zu verletzen. Informativ und sehr feinfühlig hat Sabrina Heuer aus einem Swinger-Club in Wuppertal berichtet. Die Idee von Radio Leverkusen, Kommunalpolitiker einem Lügentest zu unterziehen, war äußerst mutig und ein richtiger "Talk of the town".

Inge Seibel-Müller gehört seit 2000 der Jury des LfM-Hörfunkpreises an. Sie arbeitet als Journalistin und Programm-Beraterin in Stephanskirchen bei München und ist Mitglied des Projektteams Hörfunk der Bundeszentrale für Politische Bildung in Bonn.


 

Interview mit Wolfgang Hahn-Cremer,
Vorsitzender der LfM-Medienkommission und Mitglied der Jury für Programmleistungen

Foto - Hörfunkpreisverleihung
Wolfgang Hahn-Cremer

Sind Sie zufrieden mit dem Niveau der eingereichten Wettbewerbsbeiträge?
Ich bin äußerst zufrieden. Ich glaube, wir hatten noch nie eine so breite Spitze und noch nie eine so breite Palette an eingereichten Beiträgen. Das ist wirklich sehr beeindruckend.

Über welchen positiven Trend freuen Sie sich am meisten?
Die Inhalte werden wieder ausführlicher behandelt oder in ganze Serien verpackt. Toll finde ich auch, dass die Machart immer professioneller wird. Da könnte vieles auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesendet werden, allerdings traut sich der WDR weniger als die Lokalfunk-Stationen.

Wie meinen Sie das?
Vieles von dem, was wir in den vergangenen Jahren ausgezeichnet haben, ist sehr provokant, ohne dabei aber geschmacklos zu sein. Immer mehr entwickelt der Lokalfunk offenbar seine eigene Art und nutzt dabei die Nähe zu den Hörern, aber vor allem auch zum Objekt der Berichterstattung.

Können Sie dafür Beispiele nennen?
Inzwischen werden auch auf den ersten Blick weniger sensationelle Dinge beleuchtet. Dieser Trend zeigt, dass der Lokalfunk erwachsen wird. Serien über Regional- oder Ortsgeschichte wären etwa noch vor ein paar Jahren kaum denkbar gewesen.

Wolfgang Hahn-Cremer begleitet den Lokalfunk in NRW von Anfang an, zunächst als Vorsitzender des Lokalfunk-Ausschusses, seit 1999 als Vorsitzender der LfM-Medienkommission. Im Dezember wechselt Hahn-Cremer in die Geschäftsführung der LfM Nova GmbH, die das medienforum.nrw 2006 (21.-23. Mai) vorbereitet und durchführen wird.

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