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NRW Medien

20.12.2005
Gibt es ein Leben nach dem Lokalfunk?
Porträt – Karin Richter

Foto - Karin RichterSie war die erste Chefredakteurin im nordrhein-westfälischen Lokalfunk und Mentorin zahlreicher heute berühmter Radio-ModeratorInnen. Inzwischen arbeitet sie nur noch für Printmedien und bereitet ihren "Standortwechsel" ins Saarland vor. Im fünfzehnten Teil unserer Serie über die Karrieren ehemaliger Lokalfunk-ChefredakteurInnen stellen wir Karin Richter vor, die als Redaktionsleiterin die Station Radio K.W. in Moers aufbaute.

Karin Richter erinnert sich noch ganz genau an die Anfänge im nordrhein-westfälischen Lokalfunk. "Es war das reine Chaos. Unser Studio funktionierte erst drei Tage vor Sendestart", schildert sie die Anfänge. Die Selbstfahrer-Technik stammte aus den USA, das Geld vor allem von der WAZ-Gruppe, und die Chefredakteurin hatte zuvor in Reutlingen und Freiburg vor dem Radio-Mikrofon gesessen. "Ich komme ja eigentlich aus Dorsten, wollte zurück nach NRW und hatte einfach mal eine Initiativbewerbung an die Essener WAZ-Gruppe geschickt", berichtet die Journalistin, die als erste Frau in Nordrhein-Westfalen eine Lokalfunkstation aufbaute.

"Eigentlich wollte ich nur Redakteurin werden. Aber die von der WAZ haben mich dann gefragt, ob ich mir auch vorstellen könnte, in Moers die Leitung des Lokalfunks für den Kreis Wesel zu übernehmen." Karin Richter konnte. Anfang Februar 1990 legte sie in Moers los. Drei Monate später, am 6. Mai 1990, startete Radio K.W. als zweite Lokalfunk-Station in Nordrhein-Westfalen.

Pionierarbeit

Foto - Karin Richter
Karin Richter Anfang der 90er Jahre im Interview mit dem Schauspieler Uwe Ochsenknecht.

Zu dem Team, das sich Karin Richter in Moers aufbaute, gehörten auch drei, deren Stimmen heute WDR-Programme prägen: WDR-2-Nachrichtensprecher Udo Stiehl lernte den Umgang mit dem Mikrofon ebenso bei Radio K.W. wie die Westzeit-Moderatorin Steffi Neu (fing als Praktikantin an) oder Sportzeit-Moderator Kay Hoffmann. Auch die Lokalfunk-Chefredakteure Thomas Münten (1991-93 bei Radio en), Frank Schwarz (bis vor kurzem noch bei Radio K.W.) sowie der im Sommer tödlich verunglückte Michael Kusmanov (bis 2002 ebenfalls bei Radio en) lernten ihr Hand- und Mundwerk in Moers bei Karin Richter.

Die damals erst 30-jährige Chefredakteurin setzte von Anfang an auf journalistische Inhalte und baute für die Städte im Verbreitungsgebiet ein kleines Korrespondentennetz freier Mitarbeiter auf. Bereits ein Jahr nach Sendestart titelte die WAZ-Lokalsausgabe für Moers: "Radio K.W. verweist den WDR vom Start weg auf die Plätze."

Tanz auf dem Drahtseil

Dass die Lokalfunk-Marktanteile in den Folgejahren sanken, lag einerseits am wenig homogenen Verbreitungsgebiet und andererseits an einer unzureichenden Frequenz-Versorgung im rechtsrheinischen Kreis Wesel. 1994 beschrieb ein WAZ-Artikel Karin Richters "Tanz auf dem Drahtseil zwischen Veranstaltergemeinschaft, Betriebsgesellschaft und ihren eigenen Programmansprüchen". Tatsächlich mühte sie sich stets darum, zwischen Entertainment und Musik genügend Raum für Journalismus zu schaffen. Außerdem wurde bei Radio K.W. stets großer Wert auf die journalistische Weiterbildung aller Aktiven gelegt, was auch für freie MitarbeiterInnen und sogar für den Bürgerfunk galt.

Karte - Radio K.W. Frequenzen

Der Vergleich mit dem Drahtseilakt gefällt Karin Richter auch im Rückblick noch. Heute bezeichnet die ehemalige Chefredakteurin vor allem die Versuche von Mitgliedern der Veranstaltergemeinschaft (VG), sich ins Programm einzumischen, "schlichtweg als Horror". Dabei nimmt sie ihren ehemaligen VG-Vorsitzenden Klaus Eberz, der in Nordrhein-Westfalen zugleich den Verband Lokaler Rundfunk leitete, ausdrücklich in Schutz. Das tägliche Miteinander der beiden habe oft an eine Vater-Tochter-Beziehung erinnert. "Da will das Kind dann eben auch oft nicht so, wie sich die Eltern das vorstellen", schmunzelt die Frau, die Ende 1995 in Moers als dienstälteste Chefredakteurin aus dem Amt schied. Klaus Eberz lobt noch heute die Hartnäckigkeit von Karin Richter: "Das war schon eine gute Chefredakteurin, die das alles gut gemeistert hat. Wir waren mit ihr sehr zufrieden."

Am Ende seien Familie und Beruf einfach nicht mehr miteinander vereinbar gewesen, sagt Karin Richter. Auch der Lokalfunk-Streik von 1993 habe Spuren hinterlassen. "Nach meiner vorzeitigen Rückkehr aus dem Erziehungsurlaub im Herbst 1994 fehlte mir dann irgendwann einfach die Kraft", gibt sie zu. Als wenig später Klaus Eberz den VG-Vorsitz niederlegte, dauerte es nicht mehr lange, bis Karin Richter Radio K.W. verließ. Auf Eberz folgte Hans Paukens, der heute die Deutsche Hörfunkakademie in Oberhausen leitet. Nachfolger von Karin Richter wurde Gerrit Reichert, der aber schon nach etwas mehr als einem Jahr wieder ausschied.

Idealismus zwischen Programm und Profit

Foto - Gesprächsrunde bei Radio K.W.
Gesprächsrunde bei Radio K.W.

Inzwischen hat Karin Richter Abstand gewonnen zum Lokalfunk und sieht manches nüchterner. Was bleibt, sind Erinnerungen an ein engagiertes Team, an die tägliche Suche nach Themen und an ihr Modell, Programm und Profit so zu vereinen, dass journalistische Inhalte nicht zu kurz kommen. "Dafür hat auch Klaus Eberz immer wieder gesorgt", lobt sie und betont, dass damals bei Radio K.W. Beiträge auch länger als neunzig Sekunden sein durften.

Karin Richter kam als Lokalfunk-Pionierin nie ohne Idealismus aus. "Aber auch als Idealistin musste ich rasch erkennen, dass manche Modelle scheitern", sagt sie und meint damit den Bürgerfunk. "Wir haben stets versucht, Bürgerfunker nicht zu disqualifizieren, sondern zu qualifizieren. Aber das Medienkompetenz-Ziel, das breite Publikum vors Mikrofon zu bringen, wurde verfehlt." Oft sei es den Hobby-Radiomoderatoren nur darum gegangen, eigene Platten abspielen zu dürfen. Während Karin Richter auf vieles beim Bürgerfunk bei Radio K.W. gerne verzichtet hätte, hielt sie Radio NRW stets für einen wichtigen Partner. Dass die Lokalstationen seit Jahren die Möglichkeit haben, mittags um 12.30 Uhr lokale Nachrichtenfenster im Rahmenprogramm zu platzieren, sei auf ihren Vorschlag hin realisiert worden, freut sie sich, auch zehn Jahre nach dem Ausstieg aus dem Lokalfunk noch eigene Spuren finden zu können.

Ein Medium unter vielen

Heute geht Karin Richter mit dem Medium Hörfunk so um, wie die meisten: Sie schaltet ein, hört ein wenig und schaltet um oder aus. Nach dem Ausstieg bei Radio K.W. kümmerte sie sich zwei Jahre lang vor allem um ihren Sohn und arbeitete als freie Journalistin. 1997 wechselte sie als Redakteurin zur evangelischen Monatszeitschrift "frauen unterwegs" und arbeitete von 2001 bis 2002 für das Neusser Stadtmagazin "Flair". Seit fast vier Jahren pendelt sie inzwischen werktäglich vom Wohnort Neuss nach Nettetal, wo sie als Bildredakteurin beim Verlag der Steyler Missionare für die Zeitschriftentitel Weite Welt, Pico und Stadt Gottes Reportagen und Berichte um möglichst ausdrucksstarke Fotos bereichert. Mitte nächsten Jahres will Karin Richter mit ihrem Sohn ins Saarland ziehen, wo ihr Mann seit einem Jahr als evangelischer Rundfunkpfarrer beim Saarländischen Rundfunk arbeitet. Erneut wird sie sich also umorientieren müssen. Eine Mappe mit Bewerbungsunterlagen hat sie schon zusammengestellt.

Matthias Kurp

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WEITERE INFORMATIONEN
ZU DIESEM ARTIKEL

Foto - Karin Richter

Karriere-Stationen: Karin Richter

1986 Redakteurin und Chefin vom Dienst bei Radio Achalm, Reutlingen

1989 Freie Journalistin und Moderatorin bei Radio Breisgau (SWF), Freiburg

1990 Chefredakteurin Radio K.W., Moers

1996 freie Journalistin und Dozentin

1998 Redakteurin der evangelischen Zeitschrift "frauen unterwegs", Düsseldorf

2001 Redakteurin des Neusser Stadtmagazins "Flair"

2002 Bild-Redakteurin diverser Objekte der Steyler Missionare, Nettetal


FF-ARTIKELSERIE:
LEBEN NACH DEM LOKALFUNK

Wo sind sie geblieben, die ehemaligen Chefredakteure des nordrhein-westfälischen Lokalfunks? In loser Folge geht funkfenster online auf Spurensuche und stellt die Ex-NRW-Lokalfunker in ihrem neuen Arbeitsalltag vor.

- Übersicht der bisher erschienenen Porträts:

Ex-Chefredakteure:
- Michael Koschinski
- Brigitte Barner
- Jürgen Stöcker
- Yara Hackstein
- Hans-Ulrich Frank
- Karin Richter
- Bernd Marenbach
- Ina Rumpf
- Achim Marten
- Tina Joyeux
- Thomas Münten
- Ute Schulze-Heiming
- Henry C. Brinker
- Birgit Röddinger
- Harald Knorn
- Monika Salchert
- Hans Rütten
- Jürgen Mahncke
- Christiane Siemann
- Karsten-Uwe Piper


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