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17.07.2009
Mission Wasserturm
In Remscheid macht waterboelles.de den Zeitungen Konkurrenz.
Lothar Kaiser sagt von sich selbst, er sei ein Journalist aus
Leidenschaft und wolle "sich einmischen". Bis vor vier Jahren leitete der
gebürtige Remscheider das Wuppertaler WDR-Landesstudio. Als er am 1. Juli
2005 in den Ruhestand ging, suchte er nach neuen Herausforderungen und
startete ein halbes Jahr später noch einmal neu durch. Seitdem ist Kaiser
lokaler Online-Chronist, recherchiert und schreibt eigene Texte, macht Fotos,
redigiert Leserbriefe, besucht Sitzungen des Stadtrates und sorgt in
Remscheid mit seinem Weblog waterboelles.de
für etwas, das er selbst als "ergänzende Öffentlichkeit" bezeichnet.
Blick in die Amtsstuben
Waterboelles, so nennen die Remscheider einen alten Wasserturm,
der gleich hinterm Rathaus das Stadtbild prägt und die Haushalte mit Wasser
versorgt. Von seiner Spitze aus bietet sich ein Blick über die gesamte Stadt
(ca. 120.000 Einwohner) und natürlich auch in die Amtsstuben der benachbarten
Stadtverwaltung. Ähnliches wie der Wasserturm will auch Kaiser leisten: mit
Hochdruck Nachrichten sprudeln lassen und dabei Einblicke in die Kommunalpolitik
ermöglichen.
Der Journalist Lothar Kaiser betreibt "waterboelles.de". © Kaiser
waterboelles.de ist längst mehr als nur ein Weblog.
Das Online-Angebot bietet Informationen und eine Diskussionsplattform für Neues
aus der Kommunalpolitik. Das inhaltliche Spektrum reicht von der Stadtplanung
über die Finanz- oder Schulpolitik bis zum Raucherqualm im Ratskeller. Hinzu
kommen Pressemitteilungen von Parteien, Stadtverwaltung oder Vereinen sowie
Briefe und Kommentare von Leserinnen und Lesern. Und natürlich wird auch
darüber berichtet, dass die Internetseiten der Stadt(verwaltung) weder
benutzerfreundlich noch barrierefrei sind.
Auf dem Weg zum Massenmedium
Hielt sich die Resonanz anfangs in Grenzen, informieren sich
inzwischen bis zu 750 Remscheider pro Tag bei waterboelles.de. Seit Januar
2006 wurden etwa 5.000 Texte online gestellt. Hinzu kamen fast ebenso viele
Kommentare. Was als kommunalpolitisches Tagebuch begann, hat sich zu einem
Massenmedium entwickelt, das den Remscheider Lokalzeitungen publizistische
Konkurrenz macht. Die Redaktionen des Remscheider General-Anzeigers und der
Bergischen Morgenpost tun zwar so, als gebe es waterboelles.de nicht. Dennoch
haben sie auf das Angebot reagiert: "Ich habe das Gefühl, dass die Zeitungen
Leserbriefe jetzt schneller als früher abdrucken", sagt Kaiser und verweist
darauf, dass es bei ihm oft nur wenige Minuten dauert, bis Lesermeinungen im
Internet veröffentlicht werden.
Als Online-Angebot kann waterboelles.de Aktuelles meist schneller
publizieren als die örtlichen Printmedien. Das gilt auch für Pressemitteilungen,
die rasch und ungefiltert zur Diskussion bereitgestellt werden. Vor allem aber
schätzt Lothar Kaiser, dass ihm das Internet genügend Raum zur ausführlichen
Darstellung und Spielflächen für Analyse und Bewertung bietet. "Meine Artikel
haben alle irgendwie Farbe", bekennt sich der Journalist zu einem Schreibstil,
der "erzählerischer, gefälliger und manchmal auch ironischer" sei als alles,
was er früher für Zeitungen geschrieben oder beim WDR verantwortet habe.
Vision, Passion und Mission zugleich
Für viele Leser in Remscheid ist Waterboelles mittlerweile
nicht mehr nur ein Name für den Wasserturm, sondern auch Synonym für einen
publizistischen Wachturm. Und für Lothar Kaiser ist das Internet-Angebot
Vision, Passion und Mission zugleich. Bis zu 35 Stunden pro Woche investiert
er in sein Online-Engagement, das längst mehr ist als nur ein Hobby. Auch
im Urlaub bemüht sich der begeisterte Blogger um neue Inhalte. Sogar im
Ausland bucht er im Hotel stets eine Flatrate, um aktuelle Artikel,
Kommentare oder Leserbriefe zu veröffentlichen.
"Ich kann und will keine Tageszeitung ersetzen, aber politische
Diskurse in Gang bringen", lautet Kaisers kategorischer Imperativ. Manchmal
gelingt ihm das durch seine kritische journalistische Perspektive, manchmal
aber auch ganz einfach, weil ihm Unbekannte Informationsmaterial frei Haus
liefern. So war das etwa vor zwei Jahren, als in Kaisers Briefkasten plötzlich
nicht-öffentliche Berichte des Remscheider Rechnungsprüfungsamtes landeten.
Das Material war so brisant, dass wenige Tage später auch die Lokalzeitungen
nicht mehr an dem Thema vorbeikamen.
Spannendes Experiment
waterboelles.de ist eine Mischung aus Weblog und Lokaljournalismus.
Am liebsten würde Lothar Kaiser noch mehr publizieren (lassen). Für Vereine hat
er deshalb das Angebot waterboelles-vereint.de
geschaffen. "Da haben sich etwa fünfzig Vereine angemeldet, aktiv aber schreiben nur etwa fünf oder sechs.
Wahrscheinlich trauen sich viele ganz einfach noch nicht", zieht Kaiser eine
erste Zwischenbilanz, glaubt aber weiterhin an das positive Entwicklungspotenzial
der Idee. Für alle, die an Remscheider Stadt-Geschichte(n) interessiert sind,
steht außerdem das Web-2.0-Angebot waterboelles-erzaehlt.de
zur Verfügung, das Kaiser zu einem "Feuilleton mit Remscheider Lokalkolorit" ausbauen möchte.
Freilandversuch
Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist waterboelles.de
ein spannendes Experiment. Vergleichbare Online-Foren, die sich journalistisch
unabhängig mit lokalen Ereignissen auseinandersetzen, gibt es nur wenige. Die
meisten dieser Angebote werden in Deutschland von Zeitungs- oder Anzeigenblattverlagen
betrieben. Auch einige kleinere Agenturen und Stadtmagazine versuchen, mit
Online-Portalen lokale Werbemärkte zu erschließen. waterboelles.de aber ist ein
Non-Profit-Unternehmen. Die Einnahmen, die bislang durch Google und ein paar
Anzeigenkunden entstanden, kommen über die "Lothar und Ulrike Kaiser-Stiftung"
komplett sozialen Zwecken zugute. Lothar Kaiser geht es nicht ums Geschäft, sondern
um einen Journalismus, der sich an Nachrichtenwerten statt an Rendite orientiert.
"Mitstreiter willkommen"
Für die Zukunft wünscht sich der Erfinder und Macher von
waterboelles.de, dass sein Beispiel Schule macht. "Da sind Mitstreiter
willkommen", sehnt sich Lothar Kaiser nach Unterstützern oder gar Sponsoren.
Am liebsten würde er einen Volontär oder eine Volontärin einstellen, um noch
mehr eigene und fremde Inhalte über das Geschehen in Remscheid publizieren
zu können. Dafür aber reichen weder die Werbeeinnahmen noch die Mittel der
Stiftung, in die immerhin fast 250.000 Euro eingebracht wurden, aus.
"Manchmal nimmt sich meine Frau abends noch einmal die Zeit,
um Tippfehler in meinen Texten zu korrigieren", berichtet Lothar Kaiser. Über
die viele Zeit, die ihr Gatte täglich dem Projekt waterboelles.de widmet,
aber kann sich die Medienjournalistin Ulrike Kaiser kaum beschweren.
Schließlich war sie es selbst, die ihren Mann vor ein paar Jahren auf die
Möglichkeiten von Weblogs aufmerksam machte.
Matthias Kurp

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