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Tipps - Literatur

06.09.2006
Fernsehen digital
Die Digitalisierung des Fernsehens wird die Welt des Rundfunks verändern. Wie sie danach aussehen könnte, darum geht es in dem Buch "Fernsehen digital. Eine Einführung".

Fernsehen digital Eric Karstens war bis vor sechs Jahren Leiter der Programmplanung bei Vox und arbeitet inzwischen als freier Medienberater und Projektmanager. Gemeinsam mit dem ehemaligen Vox-Geschäftsführer Jörg Schütte schrieb er im vergangenen Jahr das "Praxishandbuch Fernsehen". In seinem aktuellen Buch bemüht er sich erneut um größtmögliche Verständlichkeit. Im ersten Teil werden die technischen Grundlagen der digitalen Medienwelt erläutert.

Zur Verdeutlichung komplexer technischer Zusammenhänge greift der Autor dabei auf Beispiele der analogen Welt zurück. Datennetze werden mit Wasserleitungen verglichen oder digitale Wertschöpfungsmodelle anschaulich auf den Buchmarkt übertragen. In weiteren Kapiteln beschreibt und analysiert Karstens die unterschiedlichen Verbreitungsnetze (Kabel-TV, Satelliten, Terrestrik, Mobilfunk, Internet) und Endgeräte. Interaktivität und Konvergenz, so prophezeit er schließlich, führten zu weiterer Publikumsfragmentierung und stellten den klassischen Rundfunkbegriff in Frage.

Selten abstrakt

Karstens Beschreibungen bleiben selten abstrakt, sondern werden meist konkret. Ein Beispiel: Der Autor rechnet vor, dass die analoge Ausstrahlung eines TV-Satellitenprogramms drei bis sechs Millionen Euro koste, die digitale Übertragung aufgrund von Datenkompression und -reduzierung allerdings achtzig bis neunzig Prozent preiswerter sei. Die bundesweite Distribution eines TV-Kanals per Kabel kalkuliert er auf vier bis fünf Millionen Euro, was pro Empfangshaushalt mit etwa zwanzig Cent dem Preisniveau der Satellitenausstrahlung entspreche.

Die DVB-T-Verbreitungskosten eines Kanals pro Jahr (2005) und Haushalt beziffert Karstens hingegen auf fast drei Euro. Die Verbreitung von Video-Signalen über Internet-Verbindungen, so rechnet er vor, lohne sich nur für die Netzbetreiber selbst. Der Listenpreis für ein Gigabyte Datenvolumen liege bei etwa vierzig Cent, so dass allein der Transport einer einzelnen Serienepisode (45 Minuten) etwa 33 Cent Übertragungskosten pro Haushalt verursache. Die Rundfunk-ähnliche Übermittlung von 45 Programmminuten an nur eine Million Zuschauer würde deshalb bereits Kosten von 330.000 Euro verursachen. Als Alternative zu dieser Verbreitungsform kommen deshalb für Karstens dauerhaft nur Peer-to-Peer-Netzwerke in Frage, wie sie bereits zum Tausch von Musikdateien eingesetzt werden.

Schneisen im digitalen Dschungel

Der größte Wert des Buches, das für Studierende ebenso geeignet ist wie für Medienmanager, Journalisten oder Programmmacher, liegt darin, dass der Autor es versteht, in den digitalen Dschungel Schneisen der Orientierung zu schlagen. Technologie und Ökonomie, Inhalte und Nutzungsformen des digitalen Fernsehens werden systematisch durchleuchtet und zueinander in Beziehung gesetzt. Dadurch erschließen sich den Lesern neue Zusammenhänge, werden Interdependenzen und Trends deutlich und schließlich sogar Prognosen möglich. Ein Glossar liefert am Ende des Buches noch einmal die wichtigsten Erklärungen für Fachbegriffe und Abkürzungen. Wer nach wissenschaftlichen Querverweisen oder Quellenangaben sucht, wird allerdings enttäuscht. Das Literaturverzeichnis nennt gerade einmal zwei Dutzend Bücher und Aufsätze, ein Fußnotenapparat fehlt völlig.

Marktlücke

Und dennoch: Eric Karstens Buch füllt überzeugend eine Nische, da es bislang an einer ähnlich umfassenden, gründlichen und zugleich leicht verständlichen Behandlung des Themas Digital-TV in der deutschen Fachliteratur fehlt. Dabei liegt die Stärke des Bandes vor allem darin, dass alle technologischen Optionen auf ihre Realisierungschancen im Markt hin geprüft werden. Meist nimmt der Autor die Rolle des ehrlichen Maklers ein, nennt Optionen und Positionen, ohne selbst Partei zu ergreifen. Als dezidierter Gegner äußerst er sich allerdings zum terrestrischen digitalen Fernsehen (DVB-T) und prophezeit sogar "den Abstieg der Terrestrik in die völlige Bedeutungslosigkeit" (S. 85). Angesichts der neuen Wertschöpfungspotenziale warnt er außerdem vor Tendenzen, Märkte abzuschotten oder die Bedienfreundlichkeit ("Usability") neuer Geräte kommerziellen Aspekten zu opfern. Nur an wenigen Stellen des Textes schimmert zwischen den Zeilen durch, dass der Verfasser für die privatwirtschaftlichen TV-Programmanbieter etwas mehr Sympathie aufbringt als für ARD, ZDF & Co.

Wohltuende Nüchternheit

Äußerst differenziert fällt das Urteil bei Themen wie Video on Demand und Personal Video Recorder aus. Karstens sagt voraus, dass die Zeiten linearer Live-Programme bald vorbei sein werden. Vielmehr würden Nutzer über unterschiedliche Netze und Plattformen gezielt einzelne Filme, Serien-Folgen, Dokumentationen oder Reportagen beziehen, die entweder automatisch von Festplattenrecordern mitgeschnitten oder gezielt von Datenservern herunter geladen werden könnten. Dadurch würden die Produzenten dauerhaft in die Lage versetzt, ihre Inhalte selbst zu vermarkten, urteilt der Medienberater und weist auf die Marktmacht amerikanischer Global Players hin und darauf, dass deutsche Free-TV-Programmanbieter meist nur über beschränkte Auswertungsrechte verfügen.

Auftrag erfüllt

Karstens, der unter anderem als Lehrbeauftragter der Kölner Fachhochschule arbeitet, ist gelungen, was im Klappentext des Buches versprochen wird: Er macht technische Begriffe und Businessmodelle des digitalen Fernsehens transparent, skizziert Perspektiven für Technik und Markt, ersetzt aber die in der Branche sonst übliche Euphorie durch wohltuende Nüchternheit.

Matthias Kurp

WEITERE INFORMATIONEN
ZU DIESEM ARTIKEL

Eric Karstens:
Fernsehen digital.
Eine Einführung

VS Verlag
Wiesbaden 2006
233 Seiten
ISBN 3531148648, 24,90 Euro


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