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Tipps - Literatur

20.05.2005
Rufer in der Wüste
"Ist das Radio noch zu retten?" - Ein Buch von Hermann Stümpert

Foto - Hermann Stümpert
Hermann Stümpert

"Wir brauchen es. Wir nutzen es. Wir verschwenden keinen Gedanken daran", schreibt Hermann Stümpert, und der muss es wissen. Der Klappentext weist ihn als einen der Pioniere des modernen Popradios in Deutschland aus. Er hat, und das ist in der Tat herausragend, als Programmgestalter und -berater sowohl im öffentlich-rechtlichen als auch im privaten Hörfunk gearbeitet. Stümpert ist also ein zertifizierter Profi.

Das vernachlässigte Medium

Sein Urteil über den Zustand des deutschen Hörfunks ist verheerend. Anspruchslos sei er, unoriginell und langweilig. Und was fast noch schlimmer wiegt als die Ignoranz der Hörer ist, dass die deutsche Wirtschaft den Hörfunk noch weniger zur Kenntnis nimmt. Gerade mal 3,6 Prozent vom Werbekuchen werden in den deutschen Radioredaktionen verteilt. Der Rest, nämlich 96,4 Prozent, geht an Fernsehen, Print, Plakat und Internet.

Stümpert gibt zu, dass er den Grund für das mangelnde Interesse der Werbewirtschaft am Hörfunk nicht versteht. Aber er listet auf, wie das bei den Nachbarn ist. In Spanien, Frankreich, Belgien und Polen sei das anders. Mehr als dreimal so hoch sei dort der Radioanteil am nationalen Werbebudget.

Radio-Paradies

Noch eklatanter ist der Unterschied zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Hörfunk. 11.000 Radiostationen gibt es dort und Stümpert attestiert dem Hörfunk in den USA eine Akzeptanz, von der deutsche Sender nur träumen können. Hier zu Lande, meint der Autor, hielte jeder an der Theorie fest, dass ein Radiosender ein Vollprogramm sein müsse. In den USA hat man diese Idee mit dem TV-Boom in den 50er-Jahren begraben und macht seitdem, was auch Stümpers Meinung nach das Radio am besten kann: Musik. Informationen? Ja auch und natürlich Service, aber alles in Kurzform, lautet die Erfolgsformel.

Der ideale Radiomensch

Das US-Radio setzt auf Moderatoren und zwar solche, die das Leben lieben, emotional sind und am liebsten live senden. Und die gibt es nicht wie Sand am Meer, fürchtet Stümpert. Radioleute würden immer noch eher nach ihrer theoretischen als nach ihrer emotionalen Begabung ausgewählt. Im deutschen Radio grassierte die "Magazinitis", attestiert der Autor. Vor allem in den Achtzigern.

Und seitdem? Seitdem gibt es den Privatfunk. Leider ist nicht wirklich zu erkennen, ob es seitdem dem Hörfunk in Deutschland besser geht. Nur soviel weiß Stümpert zu berichten: Der Privatfunk zwingt die öffentlich-rechtlichen Sender zu Konzessionen.

Die Lizenz zum Abstellen

Wenig Gutes weiß der Autor auch über die Privatfunkgesetzgebung zu berichten. Auf die Diskrepanz zwischen ihr und der Radiowirklichkeit führt Stümpert das schlechte Image des Radios zurück. Darüber ließe sich trefflich zanken, genauso wie über die These des Autors, die meisten Rundfunkaufsichtsgremien in Deutschland seien "gutwillig aber fachlich ahnungsarm".

Streitlustig ist es sicherlich, dieses Plädoyer für "ein populäres Radio". Und anrührend, denn hier schreibt einer, der das Radio wirklich retten will.

Bettina Schmieding

WEITERE INFORMATIONEN
ZU DIESEM ARTIKEL

Cover - Ist das Radio noch zu retten?

Hermann Stümpert
Ist das Radio noch zu retten?
Überlebenstraining für ein vernachlässigtes Medium

uni-edition, Berlin 2005, 196 Seiten, Paperback
ISBN 3-937151-30-3
Preis: 19,90 EUR

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