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10.05.2010
Das unbekannte Massenmedium
Buchbesprechung: Die Neuerscheinung "Radio" von Hans-Jürgen Krug
Jeder kennt es, fast alle Deutschen haben eines und es ist gleichzeitig das älteste elektronische
Massenmedium – das Radio. Schlicht wie der Titel suggeriert, nähert sich Hans-Jürgen Krug in seinem Buch dieser
medialen Selbstverständlichkeit an. Und fördert durch seine Beschäftigung mit dem Wesen des Hörfunks viel Unbekanntes
und Erstaunliches zu Tage.
Mit dem Vorurteil, dass das Internet dem Radio längst den Rang abgelaufen habe, räumt Krug gleich auf der
ersten Seite auf. Siebzig Minuten hätten die Deutschen 2009 täglich im Internet zugebracht, das Radio dagegen lief im
Durchschnitt mehr als drei Stunden pro Tag.
Also, der Hörfunk ist nach wie vor ein Schwergewicht unter den elektronischen Medien und sollte nicht
unterschätzt werden. Spätestens nach der Lektüre von „Radio“ käme auch kein Leser mehr auf diese Idee. „Die Geschichte des
deutschsprachigen Radios ist weitgehend ungeschrieben“, bedauert Krug und legt zugleich den Finger auf die einzelnen Defizite.
Politik, Unterhaltung, die Werbung und die Entwicklung zum Formatradio – diese Entwicklungen seien von der Medienwissenschaft
weitgehend verschlafen worden, kritisiert der Autor.
Nicht totzukriegen!
Aber die Wirtschaft, und das ist vielleicht neben dem Interesse der Hörerinnen und Hörer der Hauptgrund dafür,
dass das Radio nicht tot ist, diese Wirtschaft also liebt den Hörfunk. Weil er, so bekannte ein Vorstandsmitglied der Axel
Springer AG, was die Rentabilität angehe, unter den Mediengattung einen Spitzenplatz einnehme.
Also, mit Radio ließ und lässt sich Geld verdienen. Auch wenn sich im Haifischbecken Hörfunk, „jede Seite von
der Refinanzierungspraxis der anderen“ bedroht fühle. Der alte Streit zwischen Privatfunk und den öffentlich-rechtlichen
Großfischen sei so alt wie das duale System und auch hier sei zu bedauern, so Hans-Jürgen Krug, dass sich die Wissenschaft
damit noch nicht beschäftigt habe.
Nebenbei-Medium
Was viele vielleicht vergessen haben: Ja, es hat einmal eine Zeit vor dem Formatradio gegeben (und erklärt
sogleich, was das überhaupt ist). Doch seit den ersten Tagen des dualen Systems, seitdem immer mehr Hörfunkprogramme um die
Gunst der Hörer buhlen, seit diesen Tagen will und muss das Radio unverwechselbar sein. Formatiert und durchstrukturiert
präsentieren sich seitdem nicht nur die kommerziellen Sender.
Doch Krug blickt auch auf eine Zeit zurück, als der Hörfunk noch das einzige elektronische Medium war, als sich
abends die ganze Familie um die Empfangsgeräte versammelte. Das Fernsehen sei dafür verantwortlich, dass aus dem Abendmedium Radio
zwangsläufig ein Tagesmedium geworden sei. Weil nämlich die Rezipienten die späten Stunden im Wohnzimmer auf einmal vor dem
Fernseher und nicht mehr vor dem Radio verbringen wollten.
Konservativ und beharrlich
Dem guten alten Hörfunk hat es nicht geschadet, dieser Rückfall in die Unauffälligkeit. Im Gegenteil, das heutige
Begleitmedium profitiere, so Hans-Jürgen Krug, vor allem von einem Umstand: der Liebe seiner Hörer: Der Radionutzer „verhält sich
wenig selektiv und ist seinem Programm außerordentlich treu“. Doch Obacht, wie auch die anderen klassischen Medien, also Fernsehen
und Zeitungen, sollten sich die Radioverantwortlichen vor allem um eine Spezies bemühen, meint Krug: dDen jungen Hörer. Der nämlich,
mahnt der Autor, schalte das Radio nur noch 89 Minuten pro Tag an.
Bettina Schmieding

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