Zwischen stiller Partnerschaft und Kritik: Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten
Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen
(LfM) legt Studie zur "Kritik der Medienkritik" vor
Fachtagung der LfM und der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb in
Köln
Für
Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland ist das Fernsehen ein wichtiges Thema.
Allerdings gelingt es Printmedien nur in Grenzen, für eine kritische Einsicht
in Zusammenhänge und Wirkungsweisen des Mediums Fernsehen zu sorgen. Sie
versuchen vielfach, vom Aufmerksamkeitswert des Fernsehens zu profitieren, aber
sie stellen es nicht ausreichend zur Debatte. Auch enge ökonomische Perspektiven,
aus denen heraus das TV oftmals betrachtet wird, werden dem Medium kaum gerecht.
Dies sind Ergebnisse der Studie "Zur Kritik der Medienkritik", die die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) in Auftrag gegeben hatte. Durchgeführt wurde sie vom Hans-Bredow-Institut (Hamburg) gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Hamburg und des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Die Studie wurde am 3. März 2005 im Rahmen einer Tagung der LfM und der Bundeszentrale für politische Bildung in Köln vorgestellt.
Nach Prof. Dr. Ralph Weiß, (Hans-Bredow-Institut; jetzt Universität Düsseldorf) sind die institutionellen Grundlagen für eine regelmäßige öffentliche Beobachtung und Kritik des Fernsehens in Deutschland nur schwach ausgeprägt. Zusätzliche Anreize seien nötig, vor allem Formen der Selbstverpflichtung von Medienunternehmen zu Transparenz und Fairness im Sinne von "Media-Governance"-Ansätzen, damit eine lebendige Medienkritik dazu beitragen kann, dass Medien ihrer besonderen Verantwortung für Politik und Gesellschaft nachkommen. Auch eine "Stiftung Medientest", die treuhänderisch für die Gesellschaft agiere und medienkritische Beiträge leiste, könnte ein neuer Weg sein, die Selbstreflexivität im Mediensystem zu fördern.
Für die Studie sind anhand einer repräsentativen Stichprobe alle Artikel in überregionalen Tages- und Wochenzeitungen, in "Bild" und in Programmzeitschriften ausgewertet worden, die sich mit dem Fernsehen befassen. Darüber hinaus ist die Berichterstattung zu wichtigen Einzelthemen (u. a. die Show "Deutschland sucht den Superstar", die ersten "TV-Duelle" und die Berichterstattung zum Irakkrieg) ausgewertet worden. "Die Strukturen der publizistischen Medienkritik sind fragil. Die kritische, reflektierende und hintergründige Berichterstattung über Medien ist in der aktuellen Tages- und Wochenpresse bislang nicht dauerhaft installiert. Innerhalb der redaktionellen und beruflichen Strukturen prägt sie sich unterschiedlich aus. Publizistische Medienkritik stellt sich so als ein Konglomerat und Nischenprodukt auf dem Prüfstand dar", sagte Weiß.
Trotz Ressourcenproblemen erweisen sich die Medienseiten der Qualitätszeitungen (z. B. Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung) als zentrale Orte für eine unabhängige Medienkritik. Allerdings zeichnet sich - so ein weiteres Resultat - eine Konjunkturabhängigkeit dieser journalistischen Disziplin ab, die auf wenig Rückhalt hoffen darf: weder im organisatorischen Gefüge von Medienunternehmen mit ihren wirtschaftlichen Interessen noch bei den konkurrierenden Berufskollegen. Eine weitere Gefahr sehen die Forscher in der Nähe der Medienjournalisten zu ihrem Berichterstattungsgegenstand. Die Journalisten bewegten sich deshalb zunehmend zwischen Selbstbespiegelung und Überschätzung auf der einen und Tabuisierung und falscher Rücksichtnahme auf der anderen Seite. Den eigentlich relevanten Fragen der Berichterstattung und Analyse, nämlich wie und unter welchen Bedingungen Medienangebote produziert, publiziert und rezipiert werden, drohe so systematisch das Abseits.
"Fernsehen hat großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft. Es ist deshalb auch selbst ein wichtiges Thema für die Meinungsbildung der Menschen", sagte Prof. Dr. Norbert Schneider, Direktor der LfM. Es wäre gut, wenn Zeitungen etwa mit Blick auf die Berichterstattung über den Irakkrieg vor Verzerrungen gewarnt hätten, die insbesondere von den Bildern des Krieges ausgehen, sagte Schneider weiter. Sie hätten so mit guten Gründen den Lesern eine skeptische Distanz zu den suggestiven visuellen Botschaften über den Krieg nahe gelegt. "Aber es fällt dieser Berichterstattung über die Berichterstattung erkennbar schwer, für die Leser durchschaubar zu machen, wie Bilder und warum sie als Botschaften wirken."
Thomas Krüger, Präsident der bpb, sagte: "Mehr als sechs Stunden täglich saß der durchschnittliche Fernsehzuschauer im letzten Jahr vor dem Bildschirm. Neben der realen und der virtuellen Welt des Internet besteht eine weitere, soapdurchwirkte Parallelwelt. Kinder und Jugendliche können sich in diesen Medienwelten nur schwer orientieren; die Schulen müssen einen Führerschein für Medien anbieten. Gleichermaßen brauchen Erwachsene Orte der Selbstvergewisserung im Umgang mit dem `Leitmedium´. Das muss die Medienberichterstattung der Zeitungen leisten."
Zur sog. Programmpresse kommt die Studie zu dem Ergebnis, die TV-Zeitschriften verfolgten bei ihrer Thematisierung des Fernsehens das Ziel, ihren Lesern Service und zusätzliche Unterhaltung zu bieten. Beiträge, die das Fernsehgeschäft transparent machen, seien dem untergeordnet. Eine Kritik an der Art, wie Fernsehen informiert oder unterhält, finde kaum statt. Die Programmpresse praktiziere damit eine Art publizistischer "Symbiose" mit dem Fernsehen; man lebt mit- und füreinander. Die Boulevardzeitung "Bild" nutze das Fernsehen, um eigene Geschichten zu den "Prominenten" des Bildschirms zu erzählen. Dabei verwende "Bild" Erzählmuster des Trivialromans. Der Boulevardjournalismus bilde mit dem Fernsehen eine Art "Unterhaltungskonsortium". Allein die überregionale Presse schaffe einen publizistischen Ort, an dem auch kritisches Nachdenken über das Fernsehen und seine Rolle in Politik und Gesellschaft Raum finde.
Auf der Fachtagung der Landesanstalt für Medien und der Bundeszentrale
für politische Bildung diskutieren Vertreterinnen und Vertreter von FAZ
(Michael Hanfeld), SZ (Hans-Jürgen Jakobs), ZDF (Hans Janke), Frankfurter
Rundschau (Harry Nutt), "journalist" (Ulrike Kaiser), Tagesspiegel
(Dr. Joachim Huber) und epd Medien (Uwe Kammann) mit Wissenschaftlern der Hans-Bredow-Instituts
(Prof. Dr. Uwe Hasebrink und Dr. Kerstin Engels) und der Universität Zürich
(Prof. Dr. Otfried Jarren). Die Tagungsmoderation übernimmt Frank Thomsen
(Stern).
Das Programm der Tagung, eine Zusammenfassung der Studie und die Begrüßung von Prof. Dr. Norbert Schneider sind hier abrufbar:
Bibliografischer Hinweis:
Ralph Weiß (Hrsg.), Zur Kritik der Medienkritik. Wie Zeitungen das Fernsehen
beobachten; Berlin (Vistas Verlag) 2005; 586 Seiten; ISBN 3-89158-397-4 (Schriftenreihe
Medienforschung der LfM Band 48); 25€
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Pressekontakt bpb: Bundeszentrale für politische Bildung |