Alles gut im Westen?

25 Jahre privates lokales Radio in NRW – jetzt gibt es kommerzielle UKW-Konkurrenz

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Von Dr. Jürgen Brautmeier Direktor der Landesanstalt für Medien NRW (LfM)

Vor 25 Jahren, genauer am 1. April 1990, nahm mit Radio Duisburg das erste Lokalradio in Nordrhein-Westfalen seinen Sendebetrieb auf. Damit wurde das „Zwei-Säulen-Modell“, das zu seiner Zeit politisch hoch umstritten war, aber vor den Augen des Bundesverfassungsgerichts Gnade gefunden hatte, in die Praxis umgesetzt. Mit der Trennung von Programmverantwortung (Veranstaltergemeinschaft auf ehrenamtlicher Basis) und Programmfinanzierung (Betriebsgesellschaft aus örtlichen Zeitungshäusern und Kommunen) wurde ein Modell realisiert, das es so in keinem anderen Land (der Bundesrepublik und der Welt) gibt.

Damit hatte sich NRW als einziges Bundesland für ein reines Lokalfunkmodell entschieden, während in anderen Ländern landesweite bzw. gemischte Systeme mit landesweiten und lokalen Sendern etabliert wurden. Eine weitere Besonderheit des Lokalfunks in NRW besteht darin, dass der Lokalsender in beschränktem Umfang (und in reichweitenschwachen Zeiten) Sendezeit für den so genannten Bürgerfunk zur Verfügung stellen muss. Der Bürgerfunk im lokalen Hörfunk soll das lokale Informationsangebot ergänzen, den Erwerb von Medienkompetenz ermöglichen und zur gesellschaftlichen Meinungsbildung beitragen.

Die Programmleistungen des Lokalfunks zeichnen sich aus meiner Sicht durch hohe Professionalität, lokale Kompetenz und große Hörernähe aus. Die Lokalsender in NRW müssen sich allerdings vor allem gegen sechs öffentlich-rechtliche WDR-Programme behaupten. Durch die Formatierung der WDR-Programme werden immer wieder sehr große Herausforderungen an den Lokalfunk in NRW gestellt. Der Lokalfunk hat die programmlichen Herausforderungen bisher durch eine konsequente Programmstrategie zur Stärkung der lokalen Kompetenz und eine kontinuierliche Programmentwicklung für mehr Hörernähe und Relevanz in der Themenumsetzung und Themengestaltung gemeistert und sich mit großem Erfolg im lokalen Raum in NRW etablieren können. Die Reichweiten des Lokalfunks in NRW haben sich auf hohem Niveau stabilisiert. Die E.M.A. NRW (elektronische Media Analyse) weist in den letzten Jahren sogar einen stetigen Anstieg von Lokalfunkprogrammen aus, die einen Wert „Hörer gestern“ von über 40 % erreichen. Waren es im Jahre 2012 noch drei Lokalsender, die über der 40%-Marke lagen, so sind es mittlerweile elf Programme, die über die magische Grenze gekommen sind. Die Lokalradioprogramme in NRW konnten sich also bisher trotz des gestiegenen Wettbewerbsdrucks (neue Wettbewerber durch digitale Verbreitungswege), trotz eines verändertes Mediennutzungsverhaltens (insbesondere der jüngeren Zielgruppe) und trotz einer Neu-Ausrichtung der WDR-Programme erfolgreich mit ihren Programmen behaupten, woran natürlich das Rahmenprogramm von radio NRW einen großen Anteil hat. Bei der letzten MA 2015 hat sich radio NRW zum 30. Mal hintereinander an die Spitze des bundesweiten Hörfunk-Rankings setzen können und sich damit erneut bundesweit die Marktführerschaft im Hörfunkmarkt gesichert – was natürlich auch an der Größe Nordrhein-Westfalens liegt.

Also alles gut im Westen? Trotz der geschilderten positiven Entwicklungen befindet sich das Lokalfunksystem in Nordrhein-Westfalen derzeitig im Umbruch. Die Sorgen wachsen, dass sich die aggressive Flottenstrategie des WDR (mit einer neuen Hörfunkdirektorin aus dem Privatfunk), das veränderte Nutzungsverhalten der Jugendlichen (Musikdienste aus dem Netz), die Umwälzungen am Werbemarkt (Onlinewerbung, regionalisierte Werbung nationaler TV-Veranstalter) und die noch nicht erkennbare Möglichkeit der Abbildung des kleinteiligen Lokalfunks im Digitalradiostandard DAB+ (ganz abgesehen von neuer Konkurrenz durch weitere Sender) destabilisierend auf das Gesamtsystem Lokalfunk in NRW auswirken werden. Die trotz der erfolgreichen Reichweitenentwicklung zurückgehenden Werbeerlöse stellen ein wirtschaftliches Problem dar, das sich sicherlich nicht durch einfache Patentrezepte lösen lässt. Erschwerend, wenn auch nicht wirklich gravierend, kommt hinzu, dass der terrestrische UKW-Hörfunk in NRW zukünftig durch eine private Kette ergänzt wird, die weit davon entfernt ist, als „landesweit“ bezeichnet werden zu können, die aber erstmalig private Konkurrenz in dem bislang eigentlich wohl behüteten Hörfunkmarkt in NRW zulässt. Viel gravierender ist, dass es das Modell der friedlichen Koexistenz zwischen landesweitem öffentlich-rechtlichem Radio und privatem Lokalfunk, das ursprünglich beabsichtigt war, nicht mehr wirklich gibt und mit einer landesweiten Kette auch formal aufgekündigt ist.

Wenn dies so ist und das ursprüngliche Konsensmodell der Vergangenheit angehört, bedarf es eines ganzen Bündels an Maßnahmen, um in dieser Situation die Zukunft des Lokallfunks zu sichern. Der WDR kann und sollte dabei eine wichtige Rolle und (Mit-) Verantwortung übernehmen, zumal er Mitgesellschafter bei radio nrw ist: Die 60-Minuten-Werbebegrenzung im WDR- Hörfunk in nur einem Programm, vor der sich die Politik nicht scheuen muss, wäre das eine, der freiwillige Verzicht auf regionale Werbung bzw. entsprechende Rabatte wäre das andere. Keine regionale Werbung bundesdeutscher TV-Veranstalter (bei der ARD übrigens gängige Praxis), auf die sich die Bundesländer aber anscheinend nicht verständigen können, wäre ebenfalls hilfreich, wobei letzteres in der heutigen Welt, in der selbst Google regionale und lokale Werbung schaltet, eigentlich ein Schritt zurück wäre. Und wem das zu sehr nach Protektionismus bzw. Weiterführung eines nordrhein-westfälischen Konsens- bzw. Sonderweges aussieht, dem sei versichert, dass auch das Lokalfunksystem als solches noch Möglichkeiten hat, etwa in einer konsequenteren Ausschöpfung des regionalen und lokalen nordrhein-westfälischen Werbemarktes, welche die am Lokalfunksystem beteiligten Zeitungshäuser bisher noch vermeiden konnten.

Und schließlich die Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Digitalisierung? In der Produktion, im Redaktions- und Studioall- tag der Lokalradios hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten. Aber für die digitale Verbreitung fehlt aus meiner Sicht noch ein tragfähiges Konzept. Streamen im Netz: ja; Podcasts: ja; audiovisuelle Webangebote: ja. Jedoch steht das Lokalradio ohne eine digitale Verbreitung über terrestrische Wege eines nicht mehr allzu fernen Tages am Ende einer Sackgasse. Natürlich kann man darauf warten, oder darauf, dass sich alles über das Internet lösen lässt. Aber besser wäre die Suche nach technischen Möglichkeiten, um die digitale Terrestrik auch für den Lokalfunk nutzbar zu machen. Zwar wäre dies zwangsläufig mit Systemveränderungen, anderen Zuschnitten von Verbreitungsgebieten, neuer Konkurrenz verbunden, aber daran wird ohnehin kein Weg vorbei führen. Dazu muss man kein Prophet sein, dazu reicht schon ein Blick in die Geschichte, dass nämlich technische Revolutionen vorhandene Strukturen in der Regel über den Haufen werfen. Dem muss sich der Lokalfunk in Nordrhein-Westfalen, und natürlich nicht nur dort, nach 25 Jahren stellen, solange er noch so gute Voraussetzungen hat wie jetzt. Die Politik muss dafür die Rahmenbedingungen schaffen, indem sie die gesetzlichen Voraussetzungen im WDR- und im Landesmediengesetz schafft. Untergesetzliche Maßnahmen wären nur von vorrübergehender Wirkung, weshalb man aber mit ihnen schon beginnen könnte. Die LfM wäre dazu bereit.