Grußwort zum Sommerfest von Radio Erft

Wesseling, 5. Juni 2015

Text als PDF-Download

Sehr geehrter Herr Ripp, meine sehr verehrten Damen und Herren,

zunächst sehr herzlichen Dank für die Einladung, der ich gerne nachgekommen bin. Ich bin gebeten worden, etwas zum Lokalfunk in Nordrhein-Westfalen und zu seinen Perspektiven zu sagen. Das will ich gerne tun, aber ich verspreche Ihnen angesichts des Anlasses, des Wetters und Ihres Bedürfnisses, miteinander zu feiern, mich kurz zu fassen, zumal ich davon ausgehe, dass Sie alle als kundige Thebaner gelten können und das Meiste ohnehin schon wissen, was ich Ihnen sagen will. Aber warten Sie ab, bis ich geendet habe, dann werden Sie sehen, was ich zu sagen vorhatte.


Nordrhein-Westfalen diskutiert das System des Lokalfunks jetzt seit mehr als 25 Jahren. Im letzten und in diesem Jahr hat die Diskussion vor allem durch die Ausschreibung und Vergabe einer sogenannten "UKW-Kette" besondere Bedeutung und zum Teil auch Schärfe angenommen. Allerdings sind wir noch zu keinem Ergebnis gekommen, weder bei der Kette - das wird jetzt vor Gericht verhandelt, Ende offen -, noch bei der Frage nach der richtigen Strategie für die Zukunft des Lokalfunks in Nordrhein-Westfalen. Die Landesanstalt für Medien hat den Lokalfunk in vielerlei Hinsicht gefördert, von der Frequenzsuche und -optimierung über Volontärskurse und Inhouse-Schulungen bis zur Moderation zwischen den Säulen des Systems und mit dem Mantelprogrammveranstalter Radio NRW. Sie wird auch in der jetztigen Situation alles Erforderliche tun, um den Lokalfunk in der digitalen Welt konkurrenzfähig zu halten. 


Seit 25 Jahren billden zwei Säulen das Fundament einer sehr speziellen Konstruktion. Zwei Säulen, über die seit ihrer Installation fortwährend diskutiert wird.  Bislang geschah das auf der Grundlage eines reichweitenstarken Erfolges, der die Basis dafür lieferte, nahezu flächendeckend lokales Radio in NRW anzubieten. Darauf können Sie als Vertreter dieser Säulen und vor allem die dritte Säule, nämlich die Chefredakteure und ihre Teams stolz sein, stolz vor allem auf das Niveau der lokalen Berichterstattung. Wenn täglich 170.000 Menschen im Rhein-Erft Kreis „ihr“ Radio Erft einschalten, dann ist das eine Zahl, die für sich spricht und eine Tagesreichweite, die den Spitzenplatz unter den hier empfanbgaren Sendern bedeutet. 


Das beeindruckt umso mehr, als man zwar vielleicht nicht aus allen Städten Ihres Verbreitungsgebietes uneingeschränkten Blick auf den Dom hat – aber eben doch viele Pendler, die täglich in Richtung Köln unterwegs sind. Und sich dabei dennoch über so viele Jahre hinweg so beachtlich zu positionieren, gerade gegen die öffentlich-rechtliche Konkurrenz im Schatten der Domspitzen – das ist aller Achtung wert. Und es unterstreicht die Bedeutung des Lokaljournalismus für die lokale Kommunikation. Die Suche nach lokaler Information, die Einordnung in größere Zusammenhänge, die Lieferung von Hintergründen, die Analyse von Entwicklungen vor Ort kann auch nur vor Ort gut, kompetent und zuverlässig erfolgen. Maschinen und Algorithmen können mittlerweile viel, aber wir sollten in unser aller Interesse Wert darauf legen, dass der Faktor Mensch, sprich der Lokaljournalist, nicht von ihnen ersetzt wird. 


Zum Stichwort der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz: Die finanzielle Seite des Lokalfunks insgesamt ist seit einer Weile auf einem Weg, der die friedliche Koexistenz zwischen landesweitem öffentlich-rechtlichem und lokalem privaten Radio, die zur Ursprungsidee des Ganzen gehörte, aufgekündigt hat und deshalb die Diskussionen zum NRW-System zu Recht gegenwärtig lauter werden lässt. Der in NRW naturgemäß mächtige und politisch gefürchtete WDR ist intensiv dabei, eigene Diskussionen zur Zukunft des Radios im Allgemeinen - Stichwort Flottenstrategie - und zur der Ausrichtung der einzelnen „Wellen“ im Speziellen zu führen. Das sorgt nicht nur im Lokalfunk für Sorgenfalten. Der Lokalfunk lebt von der Werbung , nur von der Werbung. Beim WDR ist dies entscheidend anders. Und wenn sich ein Modehaus vom Niederrhein oder ein Möbelhaus im Rheinland oder im Ruhrgebiet entschließen, beim WDR-Hörfunk landesweit zu werben – und dort kräftige Rabatte für ihre „Streuverluste“ eingeräumt bekommen, dann stimmt etwas nicht. Und deshalb fordere ich vom WDR sowohl eine deutliche Reduzierung dieser regionalisierten Werbung, zumal er ja als Mitgesellschafter von Radio NRW wissen müßte, welche Folgen das für den Lokalfunk hat, und ich fordere eine Reduzierung der Werbemenge auf 60 Minuten täglich in nur einem WDR- Programm. Das funktioniert beim NDR auch und ist meiner Meinung nach überfällig. Der Gesetzgeber in NRW kann und muss hier handeln.


Dass die gegenwärtigen Diskussionen dazu führen, dass so intensiv wie lange nicht mehr die Frage gestellt wird: Was müssen die Lokalradios und ihre Dachmarke programmlich tun, um ihre Kernkompetenz wieder präsenter zu machen, begrüße ich ausdrücklich. Im Lokalen ist niemand so gut aufgestellt wie das jeweilige Lokalradio. Die Lokalradios und ihr Rahmenprogramm müssen diesen Trumpf mit Deutlichkeit und Selbstbewusstsein ausspielen und gemeinsam einen Weg finden, diese Positionierung vor Ort immer wieder klar zu machen, für lokale Kompetenz auf hohem Niveau, für Partizipation und Vielfalt vor Ort. Das muss das Ziel sein und dieses Ziel kann nur gemeinsam von allen im System erreicht werden. Und das gilt, obwohl die Zeiten von UKW eines Tages vorbei sein werden. Wann das sein wird, haben schon viele prophezeit und alle lagen bisher falsch. Aber wenn es eines Tages so weit sein wird, braucht es eine starke lokale Marke, die in der digitalen Welt Bestand hat und weiterhin erfolgreich agiert, darauf müssen die Lokalradios und Radio NRW weiter hinarbeiten.


Das bedeutet auch, dass wir nicht nachlassen dürfen in der Qualifizierung der journalistischen Seite, in der Aus- und Weiterbildung. Ein starker Lokalfunk hängt von starken Inhalten ab, die nur von gut ausgebildeten und engagierten Machern kommen können. Wie gesagt, von maschinell erstellten Artikeln, die es ja bereits gibt, möchte ich eigentlich nicht so gerne beliefert werden. Die LfM wird mit ihrer neuen Stiftung Vielfalt und Partizipation, die den lokalen Journalismus im Rundfunk und in vergleichbaren Telemedien fördern soll, besonderes Augenmerk auf die Qualifizierung von lokal und regional tätigen Journalisten legen. Das wird auch für die Macher im vorhandenen System interessant, crossmedial ist der Lokalfunk ja schon unterwegs, aber da kann und muss noch mehr passieren. Dann bleibt auch die Marke Lokalradio erfolgreich. 


Apropos Erfolg: Heute „verabschieden“ Sie und wir Stefan von der Bank und Andreas Houska. Lieber Stefan von der Bank: Gerade noch Vorsitzender der Veranstaltergemeinschaft, jetzt schon Mitglied der LfM Medienkommission. Gut, zunächst als Stellvertreter, aber das kann ja eigentlich auch nur der erste von weiteren Schritten sein. Gute und immer mehr Gründe für Fahrten ins schöne Düsseldorf über stauarme Nebenstrecken! Lebhafte Diskussionen an sonnigen Freitag-Nachmittagen in einem herrlichen Sitzungssaal! Tonnen von Papieren und Konzepten nicht nur für die Zukunft des Lokalfunks und für die Zukunft des Medienlandes Nordrhein-Westfalen, sondern auch für die Zukunft der Medien in der digitalen Welt! Wenn es in der VG als Verein schon bisher viel Derartiges gab, ok, aber jetzt geht es erst richtig los, versprochen!


Aber im Ernst: Ich weiß, dass Ihnen dieser Schritt nicht leicht gefallen ist, und kann das sehr gut verstehen. Ich weiß, dass Sie weder gerne aus Ihrem Amt scheiden noch gerne ziehen gelassen werden. Sie haben sowohl hier vor Ort als auch eine ganze Zeit im Verband intensiv gearbeitet und sind dieser Region und vor allem dem Sender verbunden. So sehen Sie auch mich nur auf einem Auge lachen – und ich denke, ich spreche im Namen aller hier, wenn ich Ihnen für Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren mehr als herzlich danke. 


Und als wäre das nicht schon Veränderung genug, haben Sie in diesen Tagen ja auch gleich einen weiteren Wechsel auf der Programmseite zu verzeichnen. Andreas Houska hat nach 14 Jahren engagierter Arbeit als Chefredakteur vor einiger Zeit bereits erklärt, neue berufliche Herausforderungen zu suchen. So bedauerlich es ist, verdiente und kompetente Programmchefs zu verlieren, so sehr möchte ich auch Ihm für seine Arbeit danken, die ebenfalls über den Rhein-Erft-Kreis hinaus gewirkt hat. Wenn Sie jetzt die Radiowelt zumindest ein gutes Stück hinter sich lassen, dann möchte ich von meiner Seite aus sagen, dass auch die LfM Ihre Arbeit hier sehr anerkannt und respektiert hat. Und auch die Art, für einen geordneten Übergang zu sorgen, verdient in der heutigen Zeit alle Achtung. Danke ausdrücklich also auch an Sie, Herr Houska.


Dank drückt sich aber am besten persönlich aus. Und damit dafür ausreichend Zeit und Gelegenheit bleibt, wünsche ich Ihnen allen nun einen weiterhin schönen Abend und freue mich gleich noch auf das ein oder andere Gespräch mit Ihnen.