18.04.2016

Wir müssen offen über die Zukunft des digitalen Radios reden

erschienen in der FAZ am 15. April

Wir müssen offen über die Zukunft des digitalen Radios reden

Von Jürgen Brautmeier und Marc Jan Eumann

Die Digitalisierung ist der Treiber in der Medienwelt. Sie verändert radikal die Art und Weise, wie mediale Inhalte transportiert und konsumiert werden. Daraus ergeben sich komplizierte Fragen hinsichtlich des medienrechtlichen Regulierungsrahmens. Zugleich stehen wir vor wichtigen Weichenstellungen zur Zukunft des terrestrischen Rundfunks. Im terrestrischen Fernsehen ist die Umstellung von analog auf digital längst erfolgt. Die Umstellung auf den Übertragungsstandard DVB-T2 läuft jetzt an. Da scheint es logisch, das - nach einem vergeblichen ersten Anlauf - auch für das Radio anzugehen: Weg von UKW, hin zu DAB+. Aber: Gegenwärtig ist vollkommen unklar, ob die Hörer DAB+ annehmen. Und: Für die Sender wird das richtig teuer. Deshalb sollten wir jetzt offen diskutieren: Ist DAB+ wirklich die digitale Zukunft des Radios?

Es ist und bleibt eine zentrale medienpolitische Herausforderung, auch im Radiobereich die Vielfalt zu sichern und zu vergrößern. Richtig ist, dass wir dank diverser Programme, die exklusiv über digitale Antenne ausgestrahlt werden, schon heute eine Stärkung der Programmvielfalt erleben. Aber: Für die Radiosender, die über DAB+ verbreitet werden, ist die digitale Terrestrik nur einer von mehreren Verbreitungswegen. Es ist vor allem das Internet, das die Vielfalt im Radiobereich erhöht. Wir glauben: Die Vielfalt des Hörfunks, die wir in der UKW-Welt von lokal bis national überall in Deutschland haben und erhalten wollen, ist mit DAB+ nicht zu sichern. Dazu hat das Internet zu viel an Inhalten zu bieten, die dem Radio Konkurrenz machen, und dazu gibt es - zumindest für das werbefinanzierte Radio auf regionaler und lokaler Ebene - keine erfolgversprechenden Geschäftsmodelle. Anders ist etwa das enttäuschende Ergebnis eines "Call for interest" in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten und für mögliche neue Privatradios attraktiven Bundesland, nicht zu interpretieren. Eine Einführung von DAB+ auf allen Ebenen – vor allem regional und lokal – ist deshalb aus unserer Sicht wenig sinnvoll. Zu viele Bedenken sprechen dagegen, nicht nur in Nordrhein-Westfalen.

Grundsätzlich gilt: Das Radio der Zukunft muss sich an den Interessen der Hörer ausrichten. Offensichtlich glauben nicht genug Menschen an die digitale Zukunft des Radios. Vielmehr sind sie interessiert an hybriden, linear-interaktiven, nicht-linearen und individuell konfigurierbaren Angeboten. DAB+ ist zwar digital, aber das Internet kann viel mehr. Zuhause, im stationären Bereich, existieren für eine intensive Internetnutzung längst die erforderlichen Bandbreiten. Im mobilen Bereich ist das bis auf weiteres zwar nicht der Fall, aber mittelfristig absehbar. Schon heute können wir Radioinhalte abonnieren und automatisch herunterladen, solange wir Zugriff auf ein WLAN haben, und dann mobil und unabhängig unterwegs anhören – per Smartphone, per Tablet, zu Fuß, im Auto, im Zug, sogar im Flugzeug. Die entsprechenden Angebote werden weiter zunehmen, insbesondere auch von Seiten privater Anbieter, denn für solche Angebote gibt es Geschäftsmodelle der Refinanzierung über individualisierte Werbung.

Wir bezweifeln, dass das digitale Antennenradio damit konkurrieren kann. Heute ist gerade einmal in zehn Prozent der Haushalte mindestens ein DAB+-Empfänger vorhanden. Warum sollten es deutlich mehr werden angesichts der UKW-Programme und dem wachsenden Angebot im Internet? Bietet DAB+ einen Mehrwert, der es ermöglicht, diesen Standard auf allen Ebenen durchzusetzen? Wir meinen: Nein.

Die Umstellung von UKW auf DAB+ ist extrem teuer. Rund hundert Millionen Euro wurden seit 2011 bereits investiert. Für den weiteren Ausbau soll die ARD in der Beitragsperiode von 2017 bis 2020 weitere 89,4 Millionen Euro ausgeben können und das Deutschlandradio 63,6 Millionen Euro. So steht es im 20. Bericht der KEF, der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten. Die Gesamtkosten des Umstiegs schätzt die KEF bei einer Abschaltung von UKW im Jahr 2025 auf rund 585 Millionen Euro für ARD und Deutschlandradio. Weitere rund fünfhundert Millionen Euro für den Parallel-Betrieb Simulcast kämen deutschlandweit für den privaten Rundfunk hinzu, schätzt Radio NRW bei einem für erforderlich gehaltenen Parallelbetrieb über zehn Jahre. Wir reden also von Umstellungskosten von möglicherweise mehr als einer Milliarde Euro. Wirtschaftlich ist das nicht darstellbar. Die meisten privaten Rundfunkanbieter sehen kein Geschäftsmodell, das es ermöglichen würde, die Zusatzkosten eines Simulcast zu refinanzieren. Deshalb werden schon staatliche Hilfen für die privaten Anbieter gefordert. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann die Umstellung finanzieren, wenn die Beitragszahler ihm dafür Geld geben. Die KEF tut sich aber erkennbar schwer damit, die von den Anstalten angemeldeten Mittel für den Ausbau anzuerkennen. Nicht nur für die KEF ist es eine berechtigte Frage, ob die Beitrags- und Steuerzahler mit einem Technologiewechsel belastet werden sollen, der an ihren wirklichen (Radio-)Bedürfnissen möglicherweise vorbei geht.

Fraglich ist auch, wie stark das Interesse der Automobilindustrie an DAB+ ist. Diese Industrie wird die Digitalisierung der Kommunikation im Fahrzeug zweifellos vorantreiben. Aber warum sollten sie dazu noch auf digitalen Rundfunk setzen? Vieles spricht dafür, dass auch die Automobilhersteller Geschäftsmodelle entwickeln, die auf individuell konfigurierbare Internetangebote setzen. Schon heute haben praktisch alle Autobauer entsprechende Systeme im Angebot: Ford mit Sync, Opel mit OneStar, BMW mit ConnectedDrive, Mercedes mit Command-Online oder Volkswagen mit Car-Net. Damit wird schnelles Internet im Auto Alltag – auch wenn es den Nutzer Geld kostet. Spätestens wenn unsere Autos selbstständig fahren und wir nicht nur die Hände, sondern auch den Kopf frei haben und den Blick von der Straße nehmen können, werden sich im Auto audiovisuelle Angebote durchsetzen. DAB+ bietet dafür keine Optionen. Die Automobilhersteller werden sich nicht die Freiheit nehmen lassen, das Internet ins Auto zu bringen, auch, um detaillierte Verkehrsdaten zur Verfügung zu stellen. Und dann ist das Radio nur noch eine Applikation unter vielen anderen, für die ein teurer Sonderweg keinen Sinn macht.

Häufig wird argumentiert, Europa habe sich auf das digitale Antennenradio verständigt und Deutschland könne nicht ausscheren. Schaut man allerdings genau hin, dann ist der Trend keineswegs eindeutig. Dänemark und die Schweiz sind relativ weit mit dem Ausbau von DAB+. Länder wie Frankreich oder Österreich hinken indes hinterher. In Norwegen ist der geplante Wechsel zu DAB+ unvollständig und umstritten. Und manche Länder verabschieden sich komplett davon. Schweden hat sich Anfang Februar gegen DAB+ entschieden und folgt damit Finnland. Bislang hat kein europäisches Land - auch nicht das in vielerlei Hinsicht vorbildliche Großbritannien, wo der Geräteverkauf stagniert - den Nachweis erbracht, dass die digitale Terrestrik in dem Maße angenommen wird, dass eine Abschaltung von UKW in den nächsten fünf bis zehn Jahren realistisch ist. Nicht nur bei uns, auch in den anderen Ländern Europas gilt, dass das Aufkommen des Internetradios den Wettbewerb der Systeme grundlegend verändert.

Die technologischen und finanziellen Bedenken werden seit Jahren diskutiert. Das Zeitfenster für eine weitestgehende Abbildung der UKW-Radiolandschaft in Deutschland hat sich aus unserer Sicht mittlerweile geschlossen. Die politische Entscheidung steht deshalb jetzt an, ob DAB+ dennoch als Übergangstechnologie dienen kann, mit der vor allem auf nationaler Ebene - oder nach den spezifischen Bedürfnissen einzelner Bundesländer - Zeit zu gewinnen ist, bis sich die genannten Bedenken haben widerlegen lassen oder das Internet auch diese Frage beantwortet hat.

Das bedeutet, dass wir uns rechtlich alle Optionen offen halten müssen. Es geht um die Bedarfsanmeldung der Länder gegenüber der Bundesnetzagentur. Wie bei den UKW-Wellen ist es erforderlich, dass die Bundesnetzagentur in ihren Abstimmungen mit unseren Nachbarländern Spielräume für den weiteren Ausbau von DAB+ sichert. Deshalb ist es richtig, dass auch die Länder ihren Zukunftsbedarf definieren und an die Bundesnetzagentur melden, damit diese in den Verhandlungen mit unseren Nachbarn sicherstellen kann, dass wir bei DAB+ auf allen Ebenen handlungsfähig bleiben, ohne eine politische Vorentscheidung zu treffen.

So kritisch wir den Ausbau von DAB+ vor allem auf regionaler oder lokaler Ebene sehen – auf nationaler Ebene sieht das anders aus. Mit dem Deutschlandradio verfügen wir über einen öffentlich-rechtlichen Sender, der schon heute konsequent auf DAB+ setzt und der schon heute – von der Flächenabdeckung her – von mehr Menschen über DAB+ empfangen werden kann als über UKW. Auf dem nationalen DAB+-Multiplex gibt es zudem bereits einige Angebote des privaten Rundfunks und es ist durchaus denkbar, dass ein zweiter bundesweiter DAB+-Multiplex eingerichtet wird, wenn es dafür seitens privater Anbieter Bedarf gibt. Landesrundfunkanstalten könnten langfristig von DAB+ auf nationaler Ebene ebenfalls profitieren, wenn sie Programme, die überwiegend national ausgerichtet sind, beispielsweise in Kooperation mit dem Deutschlandradio anbieten, statt auf UKW-Wellen auf Landesebene. Und: Es gibt das berechtigte Argument, dass wir uns in Krisensituationen keineswegs nur auf das Internet als Kommunikationskanal verlassen sollten. Neben UKW kann dafür DAB+ auf nationaler Ebene eine sinnvolle Option sein.

Für eine Konzentration der Kräfte und der Mittel auf eine nationale Verbreitung von DAB+ gibt es gute Argumente. Aber entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg ist, was die Bürger wollen – und nicht, was die Techniker oder die Politik wollen. Lineares Radio über DAB+ als Ersatz für UKW lässt sich nicht verordnen. Es muss sich im Wettbewerb behaupten. Selbst wenn wir UKW-Radio, das viele Menschen und Rundfunkanbieter keinesfalls als Auslaufmodell sehen, eines Tages abschalten würden, bliebe die starke Konkurrenz durch das Internetradio. In dieser Situation wäre es ein Irrweg, den Rundfunkbeitragszahlern und vielleicht sogar den Steuerzahlern in den nächsten Jahren erhebliche Summen für ein gewaltiges DAB+-Investitionsprogramm auf der lokalen, der regionalen und auf der Ebene aller Bundesländer abzuverlangen.

Wir müssen darüber diskutieren. Die Befürworter von DAB+ sind gefragt. Wer mehr als eine Milliarde Euro für die Einführung von DAB+ ausgeben möchte, muss vor allem eine Frage beantworten: Hat digitales lineares Radio auf allen Ebenen bei den Nutzern eine Chance? Welchen Mehrwert bringt dieses Radio, den UKW und Internetradio in Kombination nicht bieten? Und ist eine nationale terrestrische Verbreitung als Übergang in die Internetwelt nicht ausreichend, auch und vor allem angesichts der Summen, um die es geht?

Jürgen Brautmeier ist Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM); Marc Jan Eumann ist Staatssekretär für Europa und Medien in der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen.