Pressemitteilung | 29.04.2013

Mehr als Schwarz und Weiß: die Grauschattierungen des Daseins als Castingshow-Kandidat

Kooperationsstudie der LfM und des IZI erforscht erstmals die Situation von Castingshow-Kandidaten – Ergebnisse heute bei Fachtagung in Essen vorgestellt – Brautmeier: „Knebelverträge durch faire Vertragsbedingungen ersetzen“

Junge Talente, die an bekannten Castingshows wie Deutschland sucht den Superstar, X Factor oder The Voice of Germany teilnehmen, verkraften das dort Erlebte und das mediale Echo höchst unterschiedlich. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Kooperationsstudie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) und des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), die heute im Rahmen einer Fachtagung der LfM in Essen vorgestellt wurde. Die Forscherinnen nahmen das Phänomen Castingshow aus einer neuen Perspektive unter die Lupe: Das Team um Dr. Maya Götz (IZI) befragte 59 ehemalige Castingshow-Kandidatinnen und -Kandidaten zu ihren ganz persönlichen Eindrücken und Erlebnissen während und nach ihrer Zeit im Rampenlicht – die systematische Befragung ehemaliger Kandidatinnen und Kandidaten stellt ein Novum dar. Dem Forscherteam gelang es dabei, ein nuanciertes Bild zwischen der Castingshow als Karrieresprungbrett und Krisenbeginn zu zeichnen: Insgesamt sieben verschiedene Teilnehmertypen konnten die Forscherinnen identifizieren. 

Im Positiven wie im Negativen: TV-Produktionen veränderten das Leben

Die Studie zeigt, wie ambivalent die ehemaligen Kandidatinnen und Kandidaten das Durchlaufen der Fernsehproduktionen im Nachhinein empfinden. Negative Erfahrungen weisen dabei vielfältigere Schattierungen auf als Positive. „Von den sieben verschiedenen Typen von Castingshow-Kandidaten resümieren nur zwei überwiegend positiv: Zum einen Profis, die durch ihre Teilnahme einen Karrieresprung machen und, zum anderen, Neuentdeckungen, die ins Rampenlicht katapultiert werden“, so die Leiterin der Studie Dr. Maya Götz. „Aber auch die erfolgsverwöhnteren Kandidatinnen und Kandidaten merkten die Auswirkungen von kurzzeitigem Ruhm und beurteilen diese im Nachhinein oftmals kritisch. Bei den verbleibenden fünf Erfahrungsmustern kristallisierten sich in unterschiedlichen Ausprägungen immer mehr negative Aspekte heraus.“

So berichten etwa abgewertete Hoffnungsträgerinnen (Typ 3), wie Annemarie Eilfeld, über die Wirkung, die der medial getragene Aufstieg und Fall in der Produktionszeit auf sie hatte: „Ich war 18 Jahre alt und kannte diese Art einer TV-Produktion nicht. Ich vertraute immer allen und im Nachhinein war das naiv und hat mir und meiner Familie sehr viel Schmerz bereitet.“

Unerfahrenheit, Bloßstellung und Überforderung: (Bittere) Erfahrungen mit Dramaturgie, Inszenierung und Montage

Götz beurteilt die Einstellung der Kandidatinnen und Kandidaten als relativ unbedarft: „Dass bei diesen TV-Sendungen nicht immer die reine Leistung im Mittelpunkt steht, ist den meisten Kandidatinnen und Kandidaten zwischen den Zeilen schon vor dem Start bewusst. Wie die Arbeit mit absoluten Profis jedoch ausgeht, hängt vom Teilnehmertyp und der ihm oder ihr zugedachten Rolle ab“. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden zu heimlichen Komplizen (Typ 4) der Produktionsfirma und arbeiten am zugedachten Image mit, sind dann jedoch vom Echo auf ihre Darstellung überrascht. Andere werden sich ihrer Rolle nicht bewusst und kompensieren die negative Darstellung, indem Sie Beschämung umdeuten (Typ 5). So liefern die Studienergebnisse vier weitere Erfahrungsmuster, die dem Zusammenspiel zwischen Produzenten und Kandidaten Rechnung tragen. Sie genießen die Aufmerksamkeit, die sie durch einen gewissen Würdeverlust erfahren.

Problembeladen wird das Leben für Kandidatinnen und Kandidaten der Typen 6 und 7, also diejenigen, die medial bloßgestellt werden oder im Anschluss psychisch überfordert sind. „Diese Teilnehmer berichteten uns von massiven Problemen im Nachgang der Produktion. Für manche wurde die ständige Wiederholung ihrer Auftritte zum psychischen Verhängnis, andere konnten die Anforderungen einer Produktion nicht verarbeiten“, so Götz. 

Knebelverträge durch faire, deutliche und zeitlich begrenzte Produktions- und Verwertungsbedingungen ersetzen


Faktoren wie diese stehen auch für LfM-Direktor Dr. Jürgen Brautmeier im Mittelpunkt: „Wir beobachten das Castingshow-Geschehen seit geraumer Zeit. Es war uns mit der heutigen Veranstaltung sehr wichtig, sowohl die Öffentlichkeit als auch Produzenten und potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten dafür zu sensibilisieren, welche  - auch negativen - Auswirkungen eine Castingshow-Teilnahme haben kann. Dies untermauern die Ergebnisse unserer Studie.“  Zudem wolle die LfM auf die grundsätzlich unterlegene Position von Kandidatinnen und Kandidaten gegenüber den Produktionsfirmen aufmerksam machen. Brautmeier betonte, dass es angepasste Verträge für Castingshow- Kandidatinnen und -Kandidaten geben müsse, die den willkürlichen und tendenziösen Zusammenschnitt von Videomaterial sowie eine „gezielte Lächerlichmachung“ bestmöglich unterbinden: „Kandidaten dürfen nicht zu medialem Freiwild und damit langfristig zum Opfer ihrer Teilnahme werden. Die momentan gängigen Knebelverträge müssen durch faire, deutliche und zeitlich begrenzte Produktions- und Verwertungsbedingungen ersetzt werden, so dass ein Vergessen möglich wird.“ Auch beim Thema Aufklärung nahm Brautmeier die Produzenten in die Pflicht: „Viele Teilnehmer wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Ihnen muss deutlich gesagt werden, dass sie auch ohne viel eigenes Zutun zum Beispiel als unsympathisch oder unfähig abgestempelt werden könnten.“

Brautmeier, der auch Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) ist, kündigte an, die Verträge im Kreis der Medienanstalten zu thematisieren. Ein Ziel könnte dabei sein, mit Veranstaltern und Produzenten über eine Selbstverpflichtung zu sprechen.

Maya Götz, Christine Bulla, Caroline Mendel:
Sprungbrett oder Krise? Das Erlebnis Castingshow-Teilnahme: Eine Befragung von ehemaligen Teilnehmerinnen an Musik-Castingshows. Düsseldorf: LfM, 2013. 164 S. LfM-Dokumentation Band 48 

Maya Götz, Christine Bulla, Caroline Mendel:
„Bestimmt ein tolles Erlebnis!“ Repräsentativbefragung von 6- bis 17-Jährigen zu ihren Vorstellungen vom „Erlebnis Castingshow-Teilnahme“. Düsseldorf, LfM. 41 S. LfM-Dokumentation Band 49/online

Außerdem gingen die Ergebnisse der Studien zu Musik-Castingshows in die Erarbeitung der dritten Ausgabe der LfM-Reihe „tv.profiler" ein.