Spielwiesen für kreative Spezialisten

NRW-Spitzentreffen der Campus-Radios in Düsseldorf

Live – authentisch – studentisch: Unter diesem Motto trafen sich am 5. Dezember in Düsseldorf mehr als 150 Nachwuchsjournalisten mit Experten, um über die aktuelle Situation der Hochschulradios zu diskutieren. Der 14. Campus-Radio-Tag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) fand in den Räumen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf statt. Dort feierte das Hochschulradio Düsseldorf zugleich sein 15-jähriges Bestehen. Im Anschluss an die Tagung wurden die Gewinner des LfM-Campus-Radio-Preises 2015 geehrt.

Fünf Stunden lang debattierten Studierende und Medienexperten über innovative Formate und Musik-Playlists, über Off-Air-Veranstaltungen, Online- und Social-Media-Strategien, über Redaktionsmanagement, Nachwuchsarbeit und Karriereplanung. „Die Innovation ist das Besondere“, lobte LfM-Direktor Dr. Jürgen Brautmeier die Campus-Radio-Programme in Nordrhein-Westfalen. Die einmalige Situation, unabhängig von kommerziellen Gesichtspunkten arbeiten zu können, biete jenseits aller Formatvorgaben ein gutes „Experimentierfeld“, um frei arbeiten zu können. Nordrhein-Westfalen habe inzwischen „eine richtig große Campus-Radio-Szene“, auf die das Land stolz sein könne, sagte Andreas Meske. Der Vorsitzende des Hochschulradio Düsseldorf e.V. betonte, dass in Nordrhein-Westfalen noch kein Campus-Radio-Standort aufgegeben werden musste. Hochschul-Radioprogramme seien nicht nur für die Berufsvorbereitung oder den Erwerb sogenannter „Softskills“ wichtig, sondern auch für die Außenwirkung von Hochschulen und für die publizistische Vielfalt.

Social Media im Campus-Radio-Einsatz

Die Panel-Teilnehmer des Workshops „Programm-Labor Campus-Radio: Kreative und innovative Formate für das (Campus-)Radio“ Foto: (c) Uwe Völkner / FOX
Die Panel-Teilnehmer des Workshops „Programm-Labor Campus-Radio: Kreative und innovative Formate für das (Campus-)Radio“ Foto: (c) Uwe Völkner / FOX

„Vom Campus-Radio kommen viele kreative Leute“, machte Daniel Fiene, der im Verlag der Rheinischen Post den Bereich Social Media leitet, deutlich, dass sich die Freiräume des Hochschulradios für die spätere Karriere auszahlen. Das Innovationspotenzial sei enorm, urteilte der Mann, der einst in Münster Campus-Radio machte und dort das Medienmagazin „Was mit Medien“ etablierte, das inzwischen bei DRadio Wissen („Eine Stunde was mit Medien“) zu hören ist. Fiene kritisierte aber auch, dass die Campus-Radios einst zu den Pionieren bei Facebook gehört, ihre Bedeutung dort aber verloren hätten. Auch Dennis Horn, Journalist und Online-Experte bei der ARD, riet zu mehr Facebook-Aktivitäten. Zwar verfügen nahezu alle Hochschulradio-Redaktionen über eigene Facebook-Seiten, nutzen diese meist aber nur für Programm-Ankündigungen (Teaser). Horn – als Student einst Mitglied des Campus-Radio-Teams in Bonn – hatte viele wertvolle Tipps parat: Facebook eigne sich kaum fürs Teasing, sondern müsse für programmbegleitende Zusatzinhalte genutzt werden. Basis dafür sei eine gute Website. Twitter hingegen biete als „Nischenmedium“ vor allem Chancen für Recherche und Vermarktung einzelner Journalisten. Aber Vorsicht: „Zu viele Hashtags erschweren die Lesbarkeit von Tweets“, warnte Horn.

Zwar nutzen viele Campus-Radio-Redaktionen auch Online-Dienste wie Instagram, YouTube, SoundCloud oder Flickr, meist aber fehlt es an Personal und Zeit, um solche Web-2.0-Angebote kontinuierlich zu gestalten. Grund dafür ist nicht zuletzt die große personelle Fluktuation in den Hochschulradio-Teams. Regelstudienzeit und straff organisierte Bachelor-Studiengänge erlauben jenseits des Pflichtprogramms nur geringe Freiräume. Einige Hochschulen aber vergeben inzwischen Leistungspunkte für die Teilnahme an Praktika oder Campus-Radio-Kursen. Dies ist etwa in Köln oder Bochum der Fall. In Dortmund machen Journalistik-Studenten die werktägliche Frühsendung. Marie Gorlas, Programmchefin vom Bochumer Sender CT das radio, bilanzierte, zurzeit herrsche trotz Zeitdruck im Studium kein Nachwuchsmangel. Allerdings sei in den Semesterferien die Personaldecke oft sehr dünn. Lion Oeding, Programm- und Ausbildungsleiter von HORADS 88,6, dem Campus-Radio für die Region Stuttgart und Ludwigsburg, empfahl für die vorlesungsfreien Wochen spezielle Kurse, zum Beispiel in Form einer Summerschool. Auf dem Programm in Stuttgart stehen dann beispielsweise Einführungen in Hörfunkjournalismus, Technik und Moderation.

Radio, Marketing und Events: Vor-Ausbildung auf dem Campus

Der Workshop: „Journalist heute – Wie werde ich Profi-Journalist?“ Foto: (c) Uwe Völkner / FOX

Die meisten Campus-Radio-Redaktionen bieten Praktika, Grundausbildung und anschließend Workshops für Moderation, Reportage, Musik-Redaktion etc. an. „Beim Campus-Radio lernt man alles“, lobte Kathrin Sielker, die heute als freie Journalistin unter anderem bei DRadio Wissen arbeitet und sich das journalistische Handwerkszeug in der Redaktion von Hertz 87.9 in Bielefeld aneignete. Allerdings, so räumte Sielker ein, habe sie erst später in Studium und Beruf Zeitmanagement und den präzisen Umgang mit der Sprache gelernt.

Wolfgang Sabisch, der das Aus- und Fortbildungsradio afk M94.5 in München leitet, gab den Nachwuchsjournalisten mit auf den Weg, sie sollten ihre Campus-Radio-Zeit nutzen, um eigene Schwächen zu finden und zu bekämpfen. Es gelte, eine eigene Haltung zu entwickeln und sich möglichst viele Themengebiete zu erschließen. Inga Hinnenkamp, die als freie Journalistin ebenfalls bei DRadio Wissen zu hören ist, bezeichnete Campus-Radio als „gute Spielwiese“ für kreative Köpfe. Zugleich warnte sie jedoch, zu viel machen zu wollen: „Dann hat man am Ende keine Ahnung von nichts!“ Daniel Chur, der früher zum Campus-Radio-Team in Bochum gehörte und inzwischen als freier Hörfunk-Journalist für den WDR arbeitet, blickte gerne auf die eigene Zeit beim Hochschulradio zurück. Dort habe er schnell gelernt, Verantwortung zu übernehmen, und habe sich als Moderator ausprobieren dürfen. In Zukunft werde das bi- und trimediale Arbeiten wichtiger, riet er den Campus-Radio-Journalisten von heute, sich crossmedial auszurichten.

Natürlich zählen auch Bereiche wie Marketing und Event-Management zu den Aufgaben von Campus-Radio-Redaktionen. So tourte etwa das Kölncampus-Team im Oktober mit einem Bus durch die Stadt, und zwar von Campus zu Campus, um vor Ort Beiträge zu produzieren. Nach diesem Roadtrip sei die Zahl neuer Bewerber bei Kölncampus deutlich gestiegen, berichtete Eva Schwert, die beim Kölner Campus-Programm die Off-Air-Ausbildung leitet.

Zu den Veranstaltungen, die von Campus-Radio-Redaktionen unterstützt oder organisiert werden, gehören Kurzfilmabende, Konzerte oder Kulturfestivals. Hinzu kommen Partys, Plakataktionen, Studio-Besuche und Kooperationen mit kommerziellen Partnern. Auf diese Weise soll auf das Programm aufmerksam gemacht werden. Außerdem lässt sich so die Hörerbindung verstärken. Ein wichtiges Element, um Hörer an ein Radioprogramm zu binden, ist außerdem die Musikauswahl. Während bei professionellen Hörfunkprogrammen die Playlists durch Computeralgorithmen bestimmt werden, setzen Musikredakteure beim Campus-Radio weniger auf Software und mehr auf Experimente. Das Ergebnis: eine größere Genre-Vielfalt und größere Rotationen, sodass einzelne Titel seltener wiederholt werden.

Alper Kurtoglu, Musikredakteur beim Hochschulradio Aachen, bezeichnete die Campus-Radio-Musik jenseits des Mainstreams als „Szene-prägend und Szene-bildend“. Dabei verwies er auf Moderatoren etablierter Radiosender, die sich immer häufiger an dem orientierten, was im Hochschulrundfunk gesendet werde. Rebecca Wasinski, Musikchefin beim Hochschulradio Düsseldorf, betonte, die Campus-Redaktionen würden inzwischen auch von Musikindustrie und Promotern wahrgenommen. Hochschulradio ist also mehr als ein reines Nischen-Angebot. Zwischen Profi-Bereich und Campus-Radio sei „gar kein großer Unterschied mehr“, lobte Daniel Fiene. Und Sascha Fobbe, Chefin vom Dienst bei Radio RST sowie stellvertretende Landesvorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes in Nordrhein-Westfalen, gab den Nachwuchsjournalisten den Tipp, auch jenseits der Großstädte intensiver den Kontakt zu Lokalfunkredaktionen zu suchen.

LfM-Campus-Radio-Preis: Das beste aus dem Jahr 2015

Die Gewinner des Campus-Radio-Preises 2015.
Die Gewinner des Campus-Radio-Preises 2015. Foto: (c) Uwe Völkner / FOX

Zum Abschluss des Campus-Radio-Tages zeichnete die LfM besonders gelungene Campus-Radio-Beiträge und ihre Macher aus. Der Campus-Radio-Preis in der Sparte Moderation ging an Markus Meyer-Gehlen (eldoradio*, Dortmund). Ihn lobte die Jury für Moderationen, die „Information, Emotion und Haltung“ transportierten. Für den besten Beitrag zum Thema Hochschule wurde Andreas Hermwille (Hertz 87.9, Bielefeld) ausgezeichnet, der kritisch die Finanzierung eines Hochschuldaches recherchierte. In der Kategorie Wissenschaft gewannen Tarkan Bagci und Jan Ripke (Radio Q, Münster) mit einem informativen Beitrag über das Bienensterben.

Als beste kreative Programmleistung prämierte die Jury die Satireshow „Hertz an Hertz“ von Simon Strehlau, Philip Strunk und Conor Körber (Hertz 87.9, Bielefeld). Ebenfalls nach Bielefeld ging der Preis für die beste Musiksendung, den die Redaktion von Hertz 87.9 für das „Campusfestival 2015 Spezial“ bekam. Die beste crossmediale Berichterstattung realisierte ein Münsteraner Autorenteam von Radio Q: Christoph Fendrich, Henrik Kipshagen, Yannis Krone, Daniel Meyer, Hendrik Scholten und Felix Zimmermann beleuchteten die Gaming-Szene in Münster und benutzten dafür unter anderem das Video-Streaming-Portal TwitchTV. Mit Anerkennungspreisen würdigte die Jury eine Reportage von Nadja Baschek und Claudio Minardi (Hochschulradio Düsseldorf) über Anti-Dügida-Demonstrationen sowie ein Radio-Porträt des Dirigenten Herbert von Karajan, mit dem Christina Schnauss (eldoradio*, Dortmund) einen ungewöhnlichen Campus-Radio-Kontrapunkt setzte.

Dr. Matthias Kurp