Programmplaner, Personalities und Preisträger

In Aachen trafen sich 200 Campus-Radio-Experten

Etwa 200 junge Nachwuchsjournalisten trafen sich am 10. Dezember im Hauptgebäude der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen zum 15. LfM-Campus-Radio-Tag. Nie zuvor haben auf Einladung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) so viele Macher von Hochschulrundfunk über aktuelle Entwicklungen diskutiert. Im Anschluss an die Tagung wurden die Gewinner des LfM-Campus-Radio-Preises 2016 geehrt.

Der Titel des LfM-Campus-Radio-Tages lautete in diesem Jahr „Next Generation (Campus-)Radio: Das Neue von morgen“. Außer zahlreichen Vertretern der 13 nordrhein-westfälischen Campus-Radioredaktionen waren auch Gäste aus Berlin, München, Leipzig oder Mainz nach Aachen gereist, um sich über aktuelle Trends in den Bereichen Programm, Personalmanagement und Technik auszutauschen. Julie Göths, Redakteurin von Hochschulradio Aachen, betonte bei ihrer Begrüßung, wie wichtig es sei, dass Nachwuchsjournalisten im Bereich Campus Radio „erste journalistische Erfahrungen sammeln“ könnten. Wenzel Wittich, Vorsitzender des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der RWTH Aachen, lobte das bürgerschaftliche Engagement der Mitglieder des Hochschulradios Aachen, das in diesem Jahr seinen 15. Geburtstag feierte. Der stellvertretende AStA-Vorsitzende David Beumers hob hervor, was seine Aachener Kommilitonen täglich sendeten, sei das Ergebnis einer „hochprofessionalisierten Arbeit eines routinierten Teams“.

Mechthild Appelhoff, die bei der LfM die Abteilung Medienförderung leitet, machte deutlich, dass sich die Redaktionen von Hochschulrundfunk in besonderem Maße für die Gesellschaft engagieren würden. Campus-Radioprogramme seien das Resultat von Kompetenz und bürgerschaftlichem Engagement, biete Themen jenseits des Mainstreams und fördere so die Demokratie. Partizipation bedeute eine „faire Chance, dass eigene Themen von der Gesellschaft wahrgenommen werden“, betonte Appelhoff. Zugleich verwies sie aber auch darauf, dass Meinungsbildungsprozesse durch Hate Speech, Fake News oder Algorithmen manipuliert oder verzerrt dargestellt werden könnten. „Gesetze allein helfen oft nicht weiter“, appellierte die für Bürgermedien zuständige LfM-Abteilungsleiterin an Verantwortungsbewusstsein und Zivilcourage der jungen Medienmacher.

Hörfunk-Themen müssten im Social-Media- und Smartphone-Zeitalter (mit)teilenswert, teilbar und auffindbar sein, riet Michael Mennicken den jungen Kollegen in seiner Keynote. Der Geschäftsführer und Inhaber des Beratungs- und Coaching-Unternehmens FM Online Factory verwies auf den harten Wettbewerb im Internet und sich ändernde Mediennutzungsgewohnheiten.
Mennicken, der bis 2012 Chefredakteur des Lokalfunkprogramms Antenne Düsseldorf war, erklärte, der komplette Medienkonsum jüngerer Nutzer spiele sich mittlerweile über Smartphones ab. Umso wichtiger sei es, auf Radio- und Audio-Inhalte aufmerksam zu machen. Dazu sollten Instrumente wie Facebook, WhatsApp oder Instagram eingesetzt werden. Twitter hingegen sei für das breite Publikum nicht so wichtig. Angesichts der Fragmentierung der Öffentlichkeit müssten Apps außerdem dafür sorgen, dass Inhalte den individuellen Interessen der Hörer entsprächen. Als Beispiele nannte Mennicken Applikationen des National Public Radio (NPR) in den USA oder des Bayerischen Rundfunks (Bayern 2 App). Außer auf die richtigen Themen und die richtige Technik aber, so zeigte sich der Hörfunk-Coach überzeugt, komme es auch auf Moderatoren an, die als Personalities wie Markenbotschafter agieren und eine eigene digitale Community aufbauen könnten.

Fast alle von Berater Mennicken erwähnten Aspekte wurden im Laufe des 15. LfM-Campus-Radio-Tages in Workshops wieder aufgegriffen. Dabei stellte sich heraus, dass Social Media für den Hochschulrundfunk längst Standard ist, wenn es darum geht, Hörer zu gewinnen oder zu binden. „Social Radio ist schwer im Kommen“, lautete die Trend-Diagnose von Hannah Schwär, Chefin vom Dienst der Sendung „Timeline“ bei Radio Q in Münster. Sie berichtete, in ihrer Redaktion gebe es bereits Studierende, die sich ausschließlich auf soziale Online-Netzwerke konzentrierten, ohne klassische Radiobeiträge zu machen. Eine eigene Homepage, Facebook und Twitter gehören inzwischen zum festen Online-Repertoire beim Campus-Radio. Einige Redaktionen experimentieren auch mit Instagram, YouTube und Soundcloud. Twitter und Periscope allerdings seien „sehr in der Filterblase“ und derzeit weniger interessant, urteilte Schwär.

Herausforderung Social Media

Workshop zum Thema "(Campus-)Radioformate in der digitalen Welt – mit relevanten Inhalten punkten". Foto: (c) Uwe Völkner / FOX
Workshop zum Thema "(Campus-)Radioformate in der digitalen Welt – mit relevanten Inhalten punkten". Foto: (c) Uwe Völkner / FOX

Einigkeit herrschte auf den meisten Podien darüber, dass es nicht ausreiche, fremde Plattformen nur mit einem „More oft the Same“ zu bespielen. Gefragt seien zusätzliche Inhalte, die über das Radioprogramm hinausgingen, forderte etwa Johannes Vogl, Crossmedia-Volontär beim Ausbildungskanal afk M94.5 in München. Lea Utz, stellvertretende Chefredakteurin von Campusradio Mainz, ergänzte, gerade für Programme mit begrenzter Sendezeit könne Facebook eine wertvolle Kompensation sein. Fabian Kühne, Moderator und Redakteur des Programms couchFM in Berlin, verwies auf einen bezahlten Soundcloud-Account, um mit Audio-Angeboten auf sich aufmerksam zu machen. Da die nordrhein-westfälischen Campus-Radio-Redaktionen – im Gegensatz zum Hochschulrundfunk in Berlin und Mainz – nicht an knapper UKW-Sendezeit leiden, setzen die meisten im Audio-Bereich zurzeit vor allem auf Online-Mediatheken und Podcasts. Auch beim Thema Spotify halten sich fast alle Campus-Rundfunk-Macher noch zurück. Das liege unter anderem am „extrem hohen Arbeitsaufwand“, der für den Streaming-Dienst erforderlich sei, bemerkte Isabel Woop, Chefredakteurin des Leipziger Programms mephisto 97.6. Auch Snapchat, Instagram und WhatsApp werden nur in wenigen Fällen systematisch vom Hochschulrundfunk in Deutschland eingesetzt.

Einige Campus-Radio-Redaktionen haben inzwischen eigene Online- oder Social-Media-Abteilungen. Dies gilt etwa für Radio Q in Münster, für das Hochschulradio Aachen, für Campus FM (Duisburg/Essen) oder für L’UniCo (Paderborn). Die Redaktion von Hertz 87.9 in Bielefeld hingegen verzichtet auf eine systematische Online-Ausbildung: „Wir legen den Schwerpunkt auf den Hörfunk-Bereich“, sagte Chefredakteur Kosmas Hotomanidis. Dennoch würden natürlich Podcasts hochgeladen und Facebook oder Twitter eingesetzt. Das geschehe aber eher nebenbei.

Die Ausbildungsmodelle bei den 13 Campus-Radio-Redaktionen in Nordrhein-Westfalen sind sehr unterschiedlich. Kölncampus ermöglicht beispielsweise auch eine reine Off-Air-Ausbildung. „Wir haben darauf reagiert, dass viele mitmachen wollen, aber sich nicht ans Mikrofon trauen“, erläuterte Darius Thies, der bei Kölncampus für die Off-Air-Ausbildung zuständig ist. Mittlerweile gebe es Studierende, die sich ausschließlich auf technisches Produzieren oder die multimediale Aufbereitung von Inhalten konzentrieren würden. Jan-Michael Stiegelmeier, der in Bielefeld bei Hertz 87.9 für die Ausbildung zuständig ist, berichtete über ein neues Ausbildungssystem, bei dem Einsteiger möglichst früh selbst ans Mikrofon sollen. Die Einführung für Anfänger finde deshalb parallel zur Morgensendung statt. Der Katalog an Basisqualifikationen, die anfangs vermittelt werden, ist in allen Hochschulredaktionen gleich: Audio-Schnitt und Interviews, Moderationen, O-Töne und Umfragen. Vermittelt wird dies in Crashkursen, Seminaren oder Workshops. Wolfgang Sabisch, Programm- und Ausbildungsleiter von afk M94.5 in München, unterstrich, auch wer später nicht in Medienunternehmen lande, könne beim Hochschulrundfunk viel lernen, zum Beispiel Teamarbeit, Flexibilität, Organisation und Durchhaltevermögen. Dass der Berufsstand der Journalisten angesichts der aktuellen Vertrauenskrise an Attraktivität verliere, müsse auch bei der Ausbildung aufgegriffen und gezielt thematisiert werden.

Programm und Personality

Referenten des Workshops "Auf dem Weg zur Radiopersonality von morgen". Foto: (c) Uwe Völkner / FOX
Referenten des Workshops "Auf dem Weg zur Radiopersonality von morgen". Foto: (c) Uwe Völkner / FOX

Wichtige Erfolgsfaktoren für das Campus-Radio bleiben die Faktoren Moderation und Musik. Entscheidend sei, sich vor dem Mikrofon nicht zu verstellen und eine eigene Persönlichkeit aufzubauen, lautete die einhellige Empfehlung von Johanna Tänzer (1Live) und Lennart Hemme (Radio Emscher Lippe). Es sei ein langer Weg bis zur Radio-Personality, schaute Tänzer auf ihre eigene Entwicklung zurück, die beim Campus-Radio in Bonn begann. Beim WDR habe sie genügend Freiraum zur Entfaltung erhalten, während sie bei der privaten Konkurrenz oft das Gefühl gehabt habe, „dass ich zu viel verkaufen muss“. Hemme, dessen Laufbahn bei Radio Q in Münster startete, wies darauf hin, Programme dürften nicht von einer einzigen Personality abhängig sein. Dennoch sei es wichtig, dass Moderatoren für bestimmte Eigenschaften und Eigenheiten stehen müssten, um einen Wiedererkennungswert zu erreichen. Frederik Steen, Chefredakteur des Hochschulradioprogramms bonnFM, merkte an, natürlich seien Personalities wichtig, meist aber stehe ein Sender-Image im Vordergrund. Als Beispiel für die Wirkung einer starken bonnFM-Personality nannte er Gavin Karlmeier, dessen „Mitmach-Sendung“ dienstags einen großen Wiedererkennungseffekt habe.

Wichtig für den Wiedererkennungswert von Campus-Rundfunk ist auch die Musik. Kaum eine andere Hörfunk-Sparte sendet so wenig Mainstream und so viele Titel von Nachwuchskünstlern oder regionalen Bands. „Wir sind oft die ersten, die erfolgreiche Bands entdeckt haben“, zeigte sich Leon Tanzki, Chef der Musikredaktion von Radius 92.1 (Siegen) selbstbewusst. Außer in Siegen erklingt auch in Paderborn ein spezieller Jingle, bevor im Campus-Radio Titel von regionalen Bands gespielt werden. Dabei fällt die Suche nach jungen Künstlern in ländlichen Regionen schwerer als in den Metropolen. Die Leiterin der Musikredaktion von afk M94.5 in München, Laura Fiegenschuh, schilderte, ihr Team mit etwa 35 Leuten werde von neuer Musik „nahezu überschwemmt“ und höre sich auch fast alle Newcomer-Titel an.

Wie sich interaktive Features für Musikformate entwickeln und produzieren lassen, wurde im Rahmen des crossmedialen Projektes „Klick.Pop“ erkundet, das Isabelle Klein beim LfM-Campus-Radio-Tag vorstellte. Das Medieninnovationszentrum Babelsberg (MIZ) förderte gemeinsam mit dem Onlineradio detektor.fm die Suche nach interaktiven Longread-Formaten (Scrollytelling).

Dass Campus-Rundfunk mehr bietet als ein Gute-Laune-Mainstream-Formatradio, das wurde nicht nur beim Workshop über Musik deutlich, sondern auch bei Diskussionen über Vielfalt und journalistische (Online-)Recherche. Lars-Hendrik Setz, Chefredakteur des Leipziger Programms mephisto 97.6, mahnte das Vier-Augen-Prinzip bei der Qualitätskontrolle an: „Fehler passieren meist, wenn kein zweiter Kollege kontrolliert.“ Es müsse das Prinzip „Richtigkeit vor Schnelligkeit“ gelten, waren sich die jungen Medienmacher in puncto Qualität einig und analysierten gemeinsam die Stärken und Schwächen unterschiedlicher Online-Recherchetools. So erklärte etwa Tim Niendorf, Redakteur vom Campusradio Mainz, wie sich Foto-Fakes erkennen lassen. Die freie Journalistin Christina Quast, die früher für eldoradio* in Dortmund arbeitete, gab Recherchetipps im Umgang mit Facebook oder Twitter. Überraschend war bei dem Recherche-Workshop vor allem, dass viele Redaktionsleiter über mangelnde Telefonrecherchen klagten. Oft fehle es der Online-Generation an Erfahrung oder Selbstbewusstsein, um telefonisch zu recherchieren. Deshalb werde (zu) häufig auf das Internet ausgewichen.

LfM-Campus-Radio-Preise

Die Preisträgerinnen und Preisträger des CRP 2016.Foto: (c) Uwe Völkner / FOX
Die Preisträgerinnen und Preisträger des CRP 2016.Foto: (c) Uwe Völkner / FOX

Zum Abschluss des Campus-Radio-Tages zeichnete die LfM besonders gelungene Campus-Radio-Beiträge und ihre Macher aus. Der Campus-Radio-Preis in der Sparte Moderation ging an Hendrik Frost (eldoradio*, Dortmund). Seine Moderationen, so urteilte die Jury, bewiesen Haltung, gutes Timing, Kreativität und Einfühlungsvermögen. Für den besten Beitrag zum Thema Hochschule wurden Tim Neumann und Maximilian Rieger (hochschulradio düsseldorf) ausgezeichnet, die pointiert über Pannen bei der Wahl des Düsseldorfer Studierendenparlaments aufgeklärt hatten.

In der Kategorie Wissenschaft gewannen Gero Brinkmann und Philip Strunk (Hertz 87.9, Bielefeld) mit ihrer Sondersendung über die Anschläge in Paris. Ihre Produktion sei nicht reißerisch gewesen, sondern habe sachlich berichtet und eine kritische Selbstbetrachtung der Medien ermöglicht, befanden die sechs Jury-Mitglieder.

Als beste kreative Programmleistung prämierte die Jury den Kölncampus Roadtrip 2016 (Redaktion Kölncampus), bei dem fünf Tage lang Sendungen auf dem Campus rund um einen Redaktionsbus gemacht wurden, der jeden Tag an einem anderen Hochschulstandort parkte. Der Preis für die beste Musiksendung ging in diesem Jahr nach Aachen. Prämiert wurde das Format „Dunkelkammer“, für das sich Linda Dowidat (Hochschulradio Aachen) sonntags ab 22 Uhr vorwiegend mit düsteren und melancholischen Klängen beschäftigt. Die beste crossmediale Produktion realisierte das Dortmunder Team mit Ricarda Baldauf, Sandra Bildmann, Jannis Carmesin, Bjarne Gedrath und Christopher Warmuth (eldoradio*, Dortmund). Gemeinsam setzten sie mit ihrem „Projekt ‘Peter Grimes‘ am Opernhaus“ Akzente in der Kulturberichterstattung und bewiesen Mut zu intelligent gestalteten Inhalten. „Die Komplexität des Gegenstandes zuzulassen, ist eine Herausforderung“, kommentierte Christopher Warmuth den eigenen Anspruch.

In der Kategorie „Beste Verpackung“ ehrte die Jury, deren Vorsitzender Marcus Engert (detektor.fm) war, diesmal Sarah Roellinger (Kölncampus) für akustische Design-Elemente, die „knapp, kreativ und voller Wortwitz“ seien. Darüber hinaus würdigte die Jury mit einem Sonderpreis die aufwändig produzierte Sendung „CT – das Hörspiel: Literatur neu vertont“ von Frederik Herdering und Leon Ritter (CT das radio, Bochum). Über einen Anerkennungspreis freuten sich Melissa Faust und Ann-Marlen Hoolt (Radio Q, Münster), die drei Stunden lang Akzente mit einem „Harry-Potter-Thementag“ setzten.

Moderiert wurde die Preisverleihung von Ron Kühler (Moderator bei 1Live) und seinem Kollegen Philipp von Kageneck (Moderator bei N-Joy). Beide moderierten früher gemeinsam beim Hochschulradio in Aachen und zeigten sich beeindruckt von der Qualität der prämierten Leistungen. Sie selbst seien zwar vor Jahren auch für den Preis nominiert worden, seien aber längst nicht so gut gewesen wie die Preisträger von heute, räumten sie freimütig ein.

Dr. Matthias Kurp