Das Fernsehen und die Online-Herausforderung

Medienversammlung.NRW diskutierte über Television und Tele-Visionen

Moderne Flachbildschirme (Smart TV) und Online-Monitore bilden Fernseh- und Internetangebote nebeneinander ab. Klassisches Fernsehen und Online-Videoangebote werden immer ähnlicher oder ergänzen einander. Social TV ermöglicht für Laptops, Smartphones oder Tablet-PCs parallel zum Fernsehprogramm Zusatzdienste. Das Zappen zwischen TV und WWW regt neue Tele-Visionen an. Wie sieht das Fernsehen der Zukunft aus? Steht die Ära des klassischen Fernsehens als Massenmedium vor ihrem Ende? Mit diesen Fragen setzten sich am 11. April in Köln etwa 160 Teilnehmer der 7. Medienversammlung.NRW auseinander. Eingeladen hatte die Medienkommission der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM).


Filme und Live-Sendungen im Fernsehen, Videos gestreamt und on demand im Internet, YouTube-Kanäle, die auch per Smartphone genutzt werden können: Nie zuvor existierten so viele Möglichkeiten, Bewegtbilder zu empfangen. Das Spektrum audiovisueller Angebote wird ständig weiter ausdifferenziert. Das Publikum gilt als fragmentiert, die Nutzung als individualisiert. Die Vielzahl der neuen Empfangswege und Angebote führe dazu, dass sich am Ende die „bequemste Technik und die Qualität der Inhalte“ durchsetze, prognostizierte bei der Medienversammlung.NRW die Vorsitzende der LfM-Medienkommission, Dr. Frauke Gerlach.


Auch LfM-Direktor Dr. Jürgen Brautmeier zeigte sich überzeugt, die Zukunft des Fernsehens liege in Qualitätsinhalten. Hauptsächlich werde das klassische Fernsehen weiterhin zu Hause genutzt und spiele insbesondere dann eine zentrale Rolle, wenn es hochwertige Programme mit Ereignis- oder Event-Charakter biete. Der nordrhein-westfälische Medienstaatssekretär Dr. Marc Jan Eumann skizzierte in Köln ein politisches Steuerungsmodell für das neue Landesmediengesetz. Auf dieser Grundlage könne die LfM ein System implementieren, um per „Anreizregulierung“ solche publizistisch anspruchsvollen TV-Inhalte zu unterstützen, „die es sonst schwer haben“. So sieht der aktuelle Arbeitsentwurf für die Novelle des Landesmediengesetzes etwa im Paragraf 14 Anreize vor, die bei der Zuweisung von Übertragungskapazitäten Programme begünstigen könnten, welche sich durch besondere publizistische Leistungen auszeichnen. Eumann betonte, den Entwurf für das neue Landesmediengesetz könne jeder im Internet einsehen und dort (noch bis zum 19. April) auch gleich kommentieren (landesmediengesetz.nrw.de).


Der Blogger und Journalist Richard Gutjahr gab den Teilnehmern der Medienversammlung Einblicke in die Welten von Social TV und Second Screen. Während die aktuelle Generation von hybriden Smart-TV-Geräten zu umständlich und schlecht zu bedienen sei, gehöre die Zukunft solchen Bildschirmen, die alles über das Internet empfangen würden. So ließen sich etwa per Smartphone empfangene Streaming-Daten via W-LAN auf einen HD-Flachbildschirm übertragen. Als neue Dimension für das Massenmedium Fernsehen komme nicht nur die Herausforderung hinzu, dass Rückkanäle zu den Zuschauern aufgebaut werden müssten (Twitter, Facebook, Google Hangout), sondern auch die Tatsache, dass die Zuschauer untereinander vernetzt seien und miteinander über die Inhalte kommunizieren. Social TV ermögliche TV-Programmanbietern einen direkten Kontakt zum Publikum. Besonders gut seien dafür Formate geeignet, die live und durch eine große Emotionalität gekennzeichnet seien, berichtete Gutjahr.


Wie klassische TV-Formate durch Online- und Social-TV-Angebote ergänzt werden können, erläuterte Elfi Jäger. Die professionelle Programmbeobachterin (TV Sisters) referierte, das deutsche Publikum liege in Bezug auf die Nutzung interaktiver Online-Inhalte im internationalen Vergleich noch „weit hinten“. Jäger kritisierte, vor allem die öffentlich-rechtlichen Anbieter versäumten es oft, auf wertvolle Formate und niveauvolle Online-Angebote so hinzuweisen, dass diese auch vom breiten Publikum wahrgenommen würden. Viele Social-TV-Services der privatwirtschaftlichen Programme erzielten hingegen trotz geringer Qualität enorme Reichweiten. „Man muss auch den Mut haben, Themen zu Themen zu machen“, lautete die Empfehlung von Dr. Malte Probst. Der Vice President Pay Per View & Video on Demand von Sky argumentierte, oft fehle es am notwendigen „Werbedruck“, wenn qualitativ hochwertige Produktionen im Fernsehen scheiterten.


Moritz Meyer und Cengiz Dogrul schilderten bei der Medienversammlung.NRW den Boom der Youtube-Kanäle. Dogrul, einer der Stars aus Youtubes Comedy-Welt (ApeCrime, Ponk), erzählte, am Anfang seiner Youtube-Karriere habe die Frage „Wie können wir das Fernsehen ein bisschen ärgern?“ gestanden. Meyer sagte als Pressesprecher des Netzwerkes Mediakraft, das mehr als 150 Youtube-Kanäle unterstützt, voraus, das Wort „Vollprogramm“ werde sich in den nächsten Jahren erledigen. Zwar bleibe das klassische Fernsehen erhalten, verliere aber für junge Zielgruppen stark an Bedeutung. Zuschauer wollten selbst bestimmen, wann sie was (online) sehen.


Drogul, der zu den Mitgliedern der Comedy-Wohngemeinschaft Ponk zählt, berichtete, die meisten Youtube-Videokanäle würden sich zunehmend an den professionellen TV-Standards orientieren: „Wir unterscheiden uns gar nicht so stark vom Fernsehen, haben aber die Möglichkeit zu interagieren.“ Inzwischen arbeiten viele Youtube-Kanäle mit professionellen Kameraleuten, Cuttern und Aufnahmeleitern, die aus der TV-Branche kommen. „Davon kann man leben. Youtuber ist ein Beruf“, unterstrich Moritz Meyer.


Drogul sagte, er selbst schaue gar kein Fernsehen mehr, habe sich aber bei seiner Arbeit für Youtube anfangs stark an TV-Comedy-Serien orientiert. Inzwischen stammten alle Themen, die für die Clip-Serien BigPonk, RealPonk, StreetPonk oder YouPonk aufgegriffen würden, ausschließlich aus dem Internet. Neue Formate könnten im Internet leichter als im Fernsehen für wenige Folgen ausprobiert und bei mangelnder Akzeptanz rasch wieder eingestellt werden, wies Drogul auf einen großen Vorteil von Online-Videoportalen hin. Der Youtube-Kanal Ponk hat mittlerweile etwa 330.000 Abonnenten. Elisabeth Neumann, von der die Medienversammlung.NRW moderiert wurde, wies darauf hin, die durchschnittliche Verweildauer bei Youtube betrage inzwischen etwa 15 Minuten.


Während Richard Gutjahr das Ende des klassischen Fernsehens und eine „gigantische Revolution“ voraussagte, betonte Sky-Manager Probst, das lineare Fernsehen bleibe bei der „trägen Masse“ der Zuschauer „unglaublich beliebt“. Als Grund dafür führte der Pay-TV-Experte an, dass schon beim Einschalten eines TV-Gerätes immer Programm geboten werde. Von diesem Effekt gehe eine starke „Trigger-Wirkung“ aus. Außerdem würden feste Sendeplätze und -zeiten zu habitualisierter Nutzung beitragen. Online-basierte Bewegtbilder hingegen müssten erst aktiv abgerufen werden. Im Vorteil sah Probst die Anbieter von Web-TV allerdings beim Thema Kreativität. „Im Internet wird einfach gemacht. Und was gut ist, setzt sich durch“, lobte der Sky-Manager. Im klassischen Fernsehen fehle es hingegen an kreativen Ideen oder am Mut, neue Konzepte auszuprobieren.


Der Medienwissenschaftler und Kulturjournalist Dr. Alexander Kissler warnte davor, sich nur über einen freien Zugang zu möglichst vielen Empfangswegen Gedanken zu machen. Er konstatierte einen Qualitätsverlust des klassischen Fernsehens. Oft seien Programme allenfalls „verdauungsfördernd und gelenkschonend“. Vor allem mit vielen Inhalten privatwirtschaftlicher Anbieter werde „Raubbau getrieben an dem, was unsere Gesellschaft zusammenhält“. 


Kulturkritiker Kissler warnte, die starke Technisierung des Alltags und die Vernetzung von immer mehr Geräten mit dem Internet führten dazu, dass der Mensch selbst zu einer Art Apparat mutiere. Googles neue Datenbrille erfülle beispielsweise nicht vorrangig den Zweck, besser zu sehen, sondern die Funktion, im Online-Zeitalter wahrgenommen zu werden. Zusätzlich problematisch sei, dass Wirklichkeit häufig nur noch als Medienrealität rezipiert werde.


In Bezug auf den publizistischen Gehalt umstrittener Reality-TV-Formate formulierte auch die Medienkommission-Vorsitzende Gerlach Handlungsbedarf: „Wir brauchen Maßstäbe, was wir uns zumuten und wie wir Realität konstruieren über Massenmedien.“ Angesichts fehlender Maßstäbe und unbestimmter Rechtsbegriffe sei es zu begrüßen, wenn das Bundesverfassungsgericht mit einem Rundfunkurteil in dieser Sache für Klarheit sorge. In puncto Qualität forderte der Journalist und TV-Moderator Gutjahr alle Programmmacher am Ende schlicht dazu auf, sich nicht immer am „dümmst anzunehmenden Zuschauer“ zu orientieren.


Dr. Matthias Kurp


Die Medienversammlung.NRW ist eine Veranstaltung der Medienkommission der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). Sie wurde organisiert und durchgeführt von der LfM Nova GmbH.