05.02.2015

Auf der Suche nach finanzierbarer Qualität

LfM-Medienversammlung diskutierte Zukunft des Journalismus

Panoramaaufnahme des Veranstaltungssaals in der VHS-Düsseldorf

Die digitale Ökonomie setzt den Journalismus so stark unter Druck, dass sinkende Einnahmen auf Publikums- und Werbemärkten die Quantität und Qualität von Medieninhalten bedrohen. Bei der 8. Medienversammlung NRW diskutierten am 1. Juli in Düsseldorf etwa 150 Teilnehmer Bedingungen und Finanzierungskonzepte für Qualitätsjournalismus. Eingeladen hatte die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). Im Rahmen der Veranstaltung, die in Kooperation mit dem Verein investigate! und der Initiative Qualität im Journalismus (IQ) stattfand, wurden auch erste Ergebnisse einer neuen LfM-Studie sowie Eckpunkte für die geplante Stiftung Vielfalt und Partizipation vorgestellt.

Prof. Dr. Werner Schwaderlapp im Interview
Prof. Dr. Werner Schwaderlapp im Interview

Im Mittelpunkt der von Bettina Schmieding und Prof. Dr. Frank Überall moderierten Medienversammlung standen vor allem alternative Finanzierungskonzepte für den Journalismus. Die ökonomische Basis für die Vielfalt und Qualität von Journalismus sei „erheblich geschrumpft“, konstatierte der Vorsitzende der LfM-Medienkommission, Prof. Dr. Werner Schwaderlapp. Die vom neuen nordrhein-westfälischen Landesmediengesetz vorgesehene Stiftung Vielfalt und Partizipation könne künftig dazu beitragen, die Akzeptanz von Qualitätsjournalismus ebenso zu fördern wie digitale Publikationsstrukturen und die Aus- und Fortbildung von Journalisten in Bezug auf innovative Angebote. Außerdem soll die Stiftung, die von der LfM mit einem Jahresetat von 1,6 Millionen Euro ausgestattet wird, dazu beitragen, innovative journalistische Angebote und alternativer Finanzierungsmodelle voranzutreiben. Es gehe darum, den aktuellen Transformationsprozess der Medien zu beobachten, Handlungsempfehlungen zu geben und Vernetzung zu ermöglichen, ergänzte LfM-Direktor Dr. Jürgen Brautmeier. Ziel sei letztlich der Erhalt der publizistischen Vielfalt.

Brautmeier versicherte, die neue Stiftung werde nicht in die Auswahl oder Erstellung journalistischer Inhalte eingreifen. Von einer „staatsinterventionistischen Stiftung“ dürfe also keine Rede sein. Als Vorsitzender der Medienkommission betonte Schwaderlapp, die neue Stiftung sei staatsfern und werde durch die Kommission, in der Mitglieder zahlreicher gesellschaftlicher Gruppen sitzen, kontrolliert. Außerdem seien Wettbewerbsneutralität und Gemeinnützigkeit garantiert. Die Finanzierung durch die LfM, deren Mittel wiederum aus dem Rundfunkbeitrag stammen, schließe darüber hinaus jegliche Presseförderung aus. Spätestens im Oktober, so kündigte Schwaderlapp an, sollen bei einer Fachtagung konkrete Zielsetzungen erarbeitet werden. LfM-Direktor Brautmeier betonte, bei der Stiftung, die als gemeinnützige Gesellschaft geplant ist, seien weitere Gesellschafter ausdrücklich erwünscht.

Wie stark der Journalismus von ökonomischen Imperativen bedroht ist, wurde bei der Medienversammlung an vielen konkreten Beispielen deutlich: Die Westfälische Rundschau erscheint ohne ei- gene Redaktion, die Westdeutsche Zeitung halbiert die Zahl ihrer Redakteure, bei der Funke Mediengruppe  wurden  zahlreiche  Lokalteile  eingestellt,  und immer  mehr  Zeitungen  übernehmen  komplette  Seiten fremder  Verlage.  Solche  Kooperationen  könnten  zwar wirtschaftlich sinnvoll sein, aber bedeuteten eben auch weniger Vielfalt, urteilte Ulrike Kaiser. Die IQ-Sprecherin warnte: „Da gehen Substanz und lokale Kompetenz verloren.“ Es fehlten Verlegerpersönlichkeiten, die „Publizistik vor Ökonomie“ setzten, kritisierte Klaus Liedtke. Die ökonomischen Rahmendaten für Journalismus hätten sich „dramatisch verändert“. Liedtke ist Vorstandsmitglied von investigate!, einem Verein, der Recherche-Stipendien vergibt, über die ein unabhängiges Kuratorium entscheidet. Das Geld stamme von Audi und der Unternehmensberatung Roland Berger. Beide Unternehmen hätten aber keinerlei Einfluss auf die inhaltliche Arbeit des Vereins und die Vergabe von Stipendien, betonte Liedtke.

Bild von Prof. Dr. Volker Lilienthal während seiner Präsentation
Bild von Prof. Dr. Volker Lilienthal während seiner Präsentation

Eine Bestandsaufnahme, wie sich der Journalismus zurzeit „unter digitalen Vorzeichen“ verändert, ist Gegenstand einer aktuellen LfM-Studie. Prof. Dr. Volker Lilienthal (Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus, Universität Hamburg) und Prof. Dr. Stephan Weichert (Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation und Hamburg Media School) stellten in Düsseldorf erste Ergebnisse vor. Die beiden Wissenschaftler untersuchten vor allem den Einfluss des Internets auf die Erstellung von Medieninhalten. Dabei stellten sie fest, dass digitaler Journalismus zwar neue Chancen bietet, um das Publikum online direkt an der Erstellung von Inhalten zu beteiligen. Allerdings würden Leser, Hörer und Zuschauer noch nicht ausreichend an Recherchen und der Erstellung von Inhalten beteiligt. So gebe es etwa kaum redaktionell betreute Online-Foren oder Leser-Blogs. Außerdem fehlten Formate, „um das Publikum zu eigenen Inhalten oder Themenvorschlägen anzuregen“, die anschließend redaktionell aufgegriffen werden könnten, sagte Lilienthal. Weichert empfahl deshalb „niederschwellige Beteiligungsformen“.

Zu denen, die bereits heute versuchen, möglichst viele Bürger in den Rechercheprozess einzubinden und zugleich alternative Finanzierungsformen für Journalismus zu finden, gehört David Schraven. Der ehemalige Leiter des Recherche-Ressorts der Funke Mediengruppe hat gemeinsam mit anderen Journalisten Deutschlands erstes gemeinnütziges Recherchebüro gegründet, das den Namen Correctiv trägt. Das Projekt wird von der Brost-Stiftung unterstützt, die für drei Jahre jeweils eine Million Euro zur Verfügung gestellt hat. Mit dem Geld, so erklärte Schraven, sollen Bürger und Journalisten geschult, Recherchen ermöglicht und Geschichten „weitestgehend in Kooperation mit großen Medienpartnern“  veröffentlicht werden. Correctiv will auch dazu beitragen, große Datensätze auszuwerten und publizistisch aufzubereiten. Schraven skizzierte bei der Medienversammlung seine Idee eines gemeinnützigen Journalismus, der zur Partizipation beitrage. „Zukunft kann auch sein, dass es keine Zeitung mehr gibt. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen Journalismus mehr gibt“, verwies der Correctiv-Geschäftsführer auf eine Reihe digitaler Möglichkeiten, bei denen Blogs oder innovative Social-Media-Angebote zur lokalen Publizistik beitragen.


Von einem erfolgreichen Versuch, neue lokale Internetangebote zu etablieren, berichtete Alexander Völkel. Der ehemalige Redakteur der Westfälischen Rundschau gründete mit Kollegen in Dortmund das Online-Portal Nordstadtblogger.de. Die Leserresonanz sei erstaunlich gut, eine geplante Sonntagszeitung (Dortmund am Sonntag) allerdings gescheitert, verriet Völkel. Er hält das Potenzial des lokalen Online-Angebotes aber für ausreichend, um auch wirtschaftlichen Erfolg zu ermöglichen. Dabei sei eine Unterstützung durch eine Stiftung natürlich hilfreich.

Die neue LfM-Studie belegt unter anderem, dass die digitale Technik von den Journalisten sowohl Multitasking als auch Spezialisierung erfordert. Sascha Fobbe, Lokalfunk-Redakteurin aus Steinfurt und stellvertretende Vorsitzende im Landesvorstand des Deutschen Journalisten-Verbandes, machte deutlich, was das im Alltag bedeutet: Mehr Ausspielsysteme erzeugen einen höheren Arbeitsdruck. Helga Kirchner, ehemalige Hörfunk-Chefredakteurin des Westdeutschen Rundfunks, appellierte: „Wir müssen rauskommen aus dieser Getriebenheit!“


Kirchner plädierte dafür, sich mehr Zeit zu nehmen. Denken und Verstehen ließen sich nicht beliebig beschleunigen. Wichtig sei aber, dass Journalisten den Rezipienten ermöglichen, die Welt zu verstehen. Deshalb sei es wichtig, „Interpretationsgrundlagen“ anzubieten. Nach Ansicht von Lutz Feierabend, dem Chef vom Dienst beim Kölner Stadt-Anzeiger, hängt die Zukunft des Journalismus hingegen davon ab, angesichts sinkender Einnahmen die Ressourcen so einzusetzen, dass Informationen optimal ihre Konsumenten erreichen. „Was wollen die Leute auf welchen Kanälen zu welcher Zeit lesen?“, laute die zentrale Frage. Ähnlich argumentierte auch Prof. Dr. Gerhard Vowe. Der Politikwissenschaftler des Instituts für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Düsseldorf kritisierte, Qualitätsjournalismus sei bislang nur „von den Angeboten her gedacht“ worden. „Wir müssen Qualitätsjournalismus von den Publika her denken“, forderte der Sozialwissenschaftler ein stark ausdifferenziertes Medienangebot. Darauf reagierte Ex-Stern-Chefredakteur Liedtke mit folgender Replik: „Wenn Sie im Journalismus nur noch danach gehen, was vom Publikum gewünscht wird, sind Sie auf einer Spirale nach unten.“

Marlis Prinzing und Klaus Liedtke auf dem Podium
Marlis Prinzing und Klaus Liedtke auf dem Podium

IQ-Sprecherin Kaiser wies darauf hin, Medien dürften bei aller Fragmentierung der Märkte nicht ihren gesellschaftlichen Auftrag vergessen. Und Prof. Dr. Marlis Prinzing sagte, es gebe „kein Entweder-oder“. Medien seien eben Kultur- und Wirtschaftsgut. Die Kölner Journalistik-Professorin der Macro- media Hochschule für Medien und Kommunikation attestierte dem Journalismus wachsenden ökonomischen Druck und ein Publikum, dem Journalismus „relativ gleichgültig“ geworden sei. Nun gehe es nicht nur darum zu überlegen, wie Journalismus überleben könne, „sondern auch darüber, wie lebendiger Journalismus aussehen muss“. Auf diese Frage will demnächst auch das neue Internet- magazin Krautreporter eine Antwort geben. Nachdem das Crowdfunding-Projekt genügend Unterstützer gefunden hat, die ein Jahr lang monatlich fünf Euro zahlen, sollen bald täglich neue Online- Artikel von etwa zwei Dutzend Journalisten erscheinen. Zu den Gründern und Autoren zählt auch Christian Fahrenbach, der als freier Journalist in New York arbeitet. In Düsseldorf versprach er, die Plattform Krautreporter biete „ausgeruhtere Artikel“ als dies sonst im hektischen Online-Journalismus möglich sei.

Krautreporter sei ein „Experiment, von dem alle lernen können“, sagte der Vorsitzende des nordrhein-westfälisches Zeitungsverlegerverbandes Christian DuMont Schütte. Der Kölner Verleger (u.a. Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau, Express, Mitteldeutsche Zeitung, Berliner Zeitung) räumte ein, kein Verlag weltweit habe derzeit eine Lösung, um im Internet Geld zu verdienen. Ulli Tückmantel, Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung (WZ), berichtete, in Wuppertal nutzten nur zehn Prozent der WZ-Abonnenten auch das Online-Angebot ihres Blattes. Alle übrigen Nutzer könnten die Internetartikel zwar lesen, würden aber nicht zahlen. Tückmantel bezeichnete die Westdeutsche Zeitung als „Sanierungsfall“. Deshalb gebe es zur Übernahme fremder Zeitungsseiten keine Alternative. Nur so bleibe genügend Spielraum für eine „Konzentration auf lokale Kernmärkte“ (Wuppertal, Düsseldorf, Krefeld). Die von einigen Zeitungsverlagen geäußerte Kritik an der neuen LfM-Stiftung mochte der WZ-Chefredakteur übrigens nicht teilen: „Mit dem bisschen Geld gefährden Sie nicht die Pressefreiheit.“

Dr. Matthias Kurp 

alle Bilder: (c) Uwe Völkner / FOX