GESCHICKT GEKLICKT?!

LfM-Fachtagung: Studie zu Internetnutzungskompetenz, Internetsucht und Cybermobbing bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorgestellt

Das Internet ist längst ein allgegenwärtiger und selbstverständlicher Bestandteil des Alltags von jungen Menschen. Aber wie weit sind Phänomene wie Cybermobbing oder Internetsucht heute in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen verbreitet? Und welche individuellen Merkmale und Mechanismen befördern diese problematischen Nutzungen? In einem gemeinsamen Forschungsprojekt sind die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) und die Universität Duisburg/Essen diesen Fragen nachgegangen. Die Ergebnisse der Kooperation wurden am 23. Oktober in der LfM in Düsseldorf vorgestellt. Rund 90 Fachbesucher aus den Bereichen Medienbildung, Pädagogik und Prävention diskutierten anschließend mit dem Podium über Auswirkungen und Möglichkeiten für ihre praktische Arbeit.

"No one likes you. Do everyone a favor, just kill yourself" - solche und ähnliche Twitter-Nachrichten, vorgelesen von amerikanischen Jugendlichen in einem kurzen Videoclip, verdeutlichten dem Publikum in der LfM worum es bei Cybermobbing geht, und wie schlimm die Konsequenzen für die Opfer solcher Attacken sein können - bis hin zum tatsächlichen Suizid. So betonte Dr. Jürgen Brautmeier als Direktor der LfM und Gastgeber der Fachtagung zur Begrüßung die große Relevanz der Forschungsarbeit rund um das Thema Internetkompetenz. "Wir merken, dass wir auf diese Phänomene genau schauen müssen. Und gemäß unseres Auftrags der Förderung der Medienkompetenz, wollen wir hier Lösungen entwickeln und an die Praxis weitergeben. Die Forschung ist hierfür die Grundlage."

Am Vormittag präsentierte Prof. Dr. Matthias Brand, Kognitionspsychologe an der Universität Duisburg/Essen, die Ergebnisse der quantitativen Studie zu den beiden Phänomenen Internetsucht und Cybermobbing. Dafür hatte das Psychologenteam insgesamt 825 Jugendliche und junge Erwachsene mittels Online-Fragebögen sowie direkten Interviews anonym befragt. Die Ergebnisse wurden noch einmal unterteilt in die Gruppe der Schülerinnen und Schüler (14 bis 19 Jahre) sowie der jungen Erwachsenen (19 bis 29 Jahre). "Allein schon die Verbreitungsraten einer süchtigen Nutzung von Onlineangeboten sowie der Erfahrungen mit Cybermobbing zeigen, dass es sich um zwei sehr ernstzunehmende Phänomene handelt", so Brand.

Internetsucht: Über sechs Prozent pathologische Nutzer

Zum Thema einer süchtigen Internetnutzung berichteten bereits 21 Prozent der gesamten Befragten von einem problematischen Konsum. Eine Teilmenge von sechs Prozent kann sogar als pathologische Nutzerinnen und Nutzer eingeordnet werden. Dabei konnte das Team eine stärkere Tendenz zu einer spezifischen Internetsucht, etwa nach sozialen Netzwerkseiten feststellen.

Cybermobbing: Rund 40 Prozent der Schüler haben gemobbt

Bei der Nutzung des Internets als Werkzeug zum Mobbing anderer, zeigten sich besonders die jüngeren Befragten als besonders anfällig. So gaben 39,9 Prozent der 14- bis 19-Jährigen an, schon einmal eine andere Person online gemobbt zu haben. Darunter fällt sowohl ein aktives Mobbing, also Herstellen und Verbreiten von verletzenden Nachrichten, Fotos oder Videos, aber auch passives Mobbing, wozu etwa das Weiterleiten oder Liken von solchen Inhalten zählt. Knapp ein Viertel (24,6 Prozent) der Schülerinnen und Schüler haben Erfahrungen als Opfer, rund zwölf Prozent waren selbst schon Opfer und Täter.

Merkmale und Risikofaktoren

Auch wurden die verschiedenen individuellen Merkmale der Befragten untersucht und in einen Zusammenhang mit Internetsucht und -mobbing gebracht. "Menschen, die nicht gut in ein soziales Umfeld eingebunden, introvertiert und schüchtern sind, laufen eher Gefahr, internetsüchtig zu werden. Im Falle der Opfer von Cybermobbing haben wir vermehrt Symptome wie Ängstlichkeit, Depressivität oder Unsicherheit im sozialen Austausch beobachtet", erklärte Brand. Das Risiko, mit Cybermobbing in Kontakt zu kommen, steige desweiteren mit zunehmender technischer Expertise in Medienfragen sowie ausgeprägten produktiven Kompetenzen, während Personen, die gewissenhaft sind und ihr Verhalten stärker regulieren und reflektieren, einem geringeren Risiko ausgesetzt seien, so der Kognitionspsychologe.

"Weiche" Kompetenzen entscheidend

Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen der Forscher im Hinblick auf eine zukünftige Kompetenzförderung war es, die "weichen" Kompetenzen wie etwa eine kritische Betrachtung oder ein selbstregulatorisches Verhalten (zum Beispiel in Bezug auf die eigene Online-Zeit) zu enorm wichtigen Komponenten zu erklären. Denn diese seien in der Lage, eventuell riskante individuelle Personenmerkmale aufzufangen. Grundsätzlich - so das Fazit der Forscher - sei das Internet ein bereicherndes Medium, das jedoch nicht vordergründig eine problemlösende, emotionsregulierende Aufgabe erfüllen solle.

Podiumsdiskussion: Implikationen für die Medienarbeit

Am Nachmittag diskutierten neben Brand drei Experten aus der medienpädagogischen bzw. suchtmedizinischen Praxis die Studienergebnisse mit Blick auf die Auswirkungen für ihre Arbeit.

So wies Prof. Dr. Markus Köster vom LWL Medienzentrum für Westfalen und der Medienberatung NRW, auf den gemeinsam mit der LfM entwickelten Medienpass NRW hin. Dieser setze schon im Grundschulbereich zumindest in Ansätzen auf die Vermittlung von reflektierenden und regulierenden Kompetenzen. Jedoch sei hier sicherlich ein Ausbaupotenzial vorhanden. Einschränkungen erführe ein einheitliches Vorgehen natürlich auch immer aufgrund der Abhängigkeit von Kompetenz und Engagement der jeweiligen Lehrkräfte. Schulcurricula könnten in diesem Zusammenhang noch umfassender sein. Das Ressourcenproblem "Zeit" sei ihm jedoch voll bewusst, es müssten Wege gefunden werden, die Medienthemen ohne eine Mehrbelastung für die Lehrkräfte zu integrieren. Zum Thema Kompetenz regte Köster an, dass Lehrer durchaus auch einmal von der Lehrerrolle zurücktreten und die technisch-kreativen Fähigkeiten ihrer Schüler anerkennen sollten, erst wenn es dann in der Folge um inhaltliche oder soziale Fragen ginge, könnten die Lehrer ihre professionellen Fähigkeiten nutzen. Hier sei dann Empathiefähigkeit gefragt.

Unterstützung fand Köster auch von Christel Müller-Spandick von der Landespräventionsstelle gegen Gewalt und Cybergewalt an Schulen in NRW. Sie ergänzte als Beispiel für die gelungene Integration der Expertise der Schüler das LfM-Projekt Medienscouts NRW, das als Peer-to-Peer-Projekt angelegt ist und auf die Qualifizierung von Schülern durch Schüler setzt. Aus ihrer Sicht könnten die Medienscouts, die von ebenfalls eigens qualifizierten Beratungslehrern betreut werden, noch stärker als bisher etwa beim Thema Cybermobbing eingesetzt werden. Außerdem wies Müller-Spandick auf die Notwendigkeit einer Prävention auf vielen Ebenen hin. Entscheidend sei ein gutes Schulklima mit respektvollem Umgang auch zwischen Lehrern und Schülern.

Eine klinische Perspektive fügte Toni Steinbüchel von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum der Diskussion hinzu. Als Mitarbeiter der dortigen Medienambulanz beschäftigt er sich therapeutisch mit den teils drastischen Folgen von dysfunktionaler Mediennutzung. In seiner täglichen Arbeit begegne er verschiedenen Ausprägungen, darunter vor allem Abhängigkeit von Online-Rollenspielen, von sozialen Netzwerken oder von Internetpornographie. Hinzu komme eine generalisierte Internetabhängigkeit, die verschiedene Nutzungen vereint. Allen gemein sei eine Funktion: "Probleme im realen Leben ausblenden." Oft gehe es um Emotionsregulation bei Stresssituationen oder auch bei Langeweile. Das Ziel der Therapien sei dann meist das Lernen von Abstinenz. Dabei sei aber die besondere Herausforderung, dass gleichzeitig eine Mediennutzung weiterhin stattfinden muss, da Medien aus jedem Alltag kaum mehr wegzudenken seien. So müsste eine Trennung geschafft werden: Medien sind Werkzeuge, um real existierende soziale Kontakte herzustellen - aber nicht, um Probleme in der Realität auszublenden.

Brand forderte alle Teilnehmer auf, einmal das eigene Mediennutzungsverhalten zu betrachten und zu beschreiben: "Wie viele Minuten liegen zwischen dem Aufwachen am Morgen und der ersten Smartphone-Nutzung?" Mit einer solchen Selbstbetrachtung könnte jeder Lehrer direkt am nächsten Tag beginnen. Die Frage "Wie wichtig ist das Smartphone für Dich, was würde Dir fehlen, wenn du es nicht hättest?" könnte auch ein Startpunkt für eine Diskussion zum Thema Selbstregulation mit Schülern sein. Weitergehend böte der Werkzeugkasten der Verhaltenstherapie viele Möglichkeiten, wie etwa mit Belohnungen für Smartphone-Verzicht zu arbeiten.

Stimmen aus dem Publikum: Ergänzende Ideen und Hinweise

Beim anschließenden offenen Mikrofon für die Besucher der Tagung wurde eine Vielzahl von weiteren Anregungen und Erfahrungsberichten vorgetragen. Exemplarisch sei hier Matthias Felling von der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) genannt. Er betonte die Wichtigkeit von Regeln rund um den Mediengebrauch, in deren Entwicklung aber Kinder und Jugendliche unbedingt mit einbezogen werden sollten. Nur so könne eine Selbstwirksamkeit vermittelt werden. "Es ist wichtig, den Kindern einen Rahmen vorzugeben, in dem sie sich dann aber bewegen können." Beispielhaft seien etwa Schulprojekte, wo die Schüler gemeinsam mit den Pädagogen eine Handyordnung entwickelt hätten.

Ähnlich sah es auch Susanne Krämer von der Polizei im Bergischen Kreis, die sich vornehmlich mit Opferschutz beschäftigt. Sie wies darauf hin, dass man die Gruppendynamik unter Kindern und Jugendlichen, was die Bedeutung von Smartphones angeht, nicht unterschätzen dürfe. So sei bei der Erarbeitung von Regelungen eine größtmögliche Einheitlichkeit wichtig, für die eine umfassende Abstimmung zwischen Klassenlehrern und Eltern erforderlich sei.

Eine ergänzende Literaturempfehlung machte am Ende der Veranstaltung Martin Müsgens von der EU-Initiative klicksafe: Die in Zusammenarbeit mit Brand entstandene Broschüre "Ratgeber Cybermobbing" bereitet verschiedene Aspekte der Internetnutzungskompetenz vor allem zu Präventionszwecken in der Schule auf.

Zum Abschluss der Veranstaltung hatte Moderatorin Mechthild Appelhoff, Leiterin der Abteilung Förderung bei der LfM, ein anschauliches Bild parat: Sie zeigte die Abbildung eines Kindes beim sogenannten Marshmallow-Test, der die Impulskontrolle testet. Sehnsüchtig blickt der Junge auf einen Haufen dieser Süßigkeiten, die er aber nicht nehmen darf. "Und jetzt stellen Sie sich vor, da läge Ihr Handy und der WhatsApp-Signalton ertönt!" Selbstregulation kann jeder üben - das war die Schlussbotschaft an die Fachbesucher.

Jens Frantzen